Nach einer Erholungs- und Nachdenkpause von zehn Monaten startete Weissacher neu durch. Er gründete eine Agentur für Personalberatung. Eigentlich war das nur der Aufhänger für seine Dienstepalette: Problemlösungen in allen personellen Angelegenheiten und darüber hinaus. Schließlich hatte er in seinem früheren Job – so nannte er jetzt seine damalige Tätigkeit selbst, nachdem ihm bewusst geworden war, dass es keine Berufung auf Lebenszeit, sondern ein leicht zu beseitigender Posten gewesen war – viele Menschen kennengelernt. Das ist immerhin ein Vorteil, vor allem wenn man im Vertrieb zu tun hat. Da entwickelt man mehr Gespür für die Menschen, als wenn man in der Produktion oder in der Administration ständig nur vor einem Bildschirm sitzt und seinem Computer Frechheiten ohne Rücksicht auf persönliche Folgen sagen kann. Man verliert allmählich das Gefühl dafür, wie man bei sensiblen Lebewesen ankommt.
Weissachers neues Betätigungsfeld war also die Behandlung jener Probleme, die im Berufsleben vorkommen: von der Personalsuche über die Vermittlung von geeigneten Schulungsprogrammen bis hin zur Betreuung von Mitarbeiterfreisetzungen. Letzteres bedeutete, dass sich Weissacher im Auftrag von Firmenleitungen darum zu kümmern hatte, dass Kündigungen sang- und klanglos über die Bühne gehen konnten. Er hatte herauszufinden, welche Mitarbeiter Schwierigkeiten machen würden und wie man diesen begegnen könnte. Kein schönes, aber angesichts der Flaute in der europäischen Wirtschaft ein durchaus einträgliches Geschäft. Kurz und gut: Weissacher bot maßgeschneiderten „Service“ in Personalangelegenheiten, die für die Geschäftsleitungen unbequem waren.
Weissacher war eben erst in sein Büro gekommen, als Ilona ein Gespräch zu ihm durchstellte. Ilona war Weissachers Sekretärin. Sie war es schon in seiner früheren Firma gewesen. Er hatte sie, obwohl sie nach seinem Abgang schon in einer anderen Abteilung Fuß gefasst hatte, wieder für sich und seine neue Agentur gewinnen können. Sie waren ein gut eingespieltes Team. Sie freuten sich beide, wieder zusammenarbeiten zu können. Ilona war bereit, das Risiko eines Jobs in einer neu gegründeten Firma auf sich zu nehmen. Sie hatte Vertrauen in Weissacher.
Am Telefon war Gerhard Priem, der Assistent der Geschäftsleitung von Consulting Support Vienna. Weissacher kannte Gerhard ebenfalls aus früheren Tagen, als sie beide noch gut im Markt liegende Produkte verkauften und sich gegenseitig so manchen attraktiven Kunden zuspielten. Gerhard Priem war aufgeregt und hatte es offenbar eilig, da er gleich zur Sache kam.
„Karl, wir haben da ein Problem, zu dem ich deinen Rat brauche!“
„Schon wieder!“, dachte Weissacher, nachdem er von Priem erst vor wenigen Tagen über zunehmende Schwierigkeiten mit unzureichend qualifizierten Mitarbeitern erfahren hatte.
„Wo brennt es denn?“, versuchte Weissacher die Sache erst einmal tröstend herunterzuspielen. „Braucht ihr wieder eine Nachhilfe für einen eurer Amateure?“
„Nein, Karl, es ist etwas Rätselhaftes passiert! Anke ist verschwunden und mit ihr ein Softwareexperte, den sie gestern Abend am Flughafen hätte abholen sollen.“
„Na, die werden verschlafen haben.“ Weissacher stellte sich vor, dass Priem ob dieser frivolen Mutmaßung ein wenig entspannter sein würde. Er kannte Anke flüchtig. Sie war einmal bei einem Sommerfest, das Priem veranstaltet hatte, zu Gast gewesen. Sie war zweifellos eine attraktive Frau, nicht naiv, aber lebenslustig, vielleicht sogar gelegentlichen Abenteuern nicht abgeneigt. „Wartet noch eine Stunde, dann hört ihr eine lustige Ausrede für die Verspätung und alles ist wieder in Ordnung.“
Gerhard Priem schien gar nicht erleichtert. „Karl, mach keine Witze! Es handelt sich um Sturiak! Sturiak ist einer der teuersten Support Agents des Konzerns. Jede Stunde, die wir ihn brauchen, kostet uns ein Vermögen. Er ist extra hierher eingeflogen worden, von was weiß ich wo auf der Welt.“
„Auch der teuerste Experte kann ein ganzer Kerl sein und bei Anke schwach werden!“
„Nein, Karl! Sturiak weiß, was er der Firma kostet. Der macht das nicht. Wir haben bei Anke angerufen. Niemand meldet sich da. Wir haben im Hotel angerufen. Sturiak ist dort nicht angekommen. Er war aber an Bord der Maschine, mit der er aus Zürich nach Wien kommen sollte. Anke haben wir zuletzt gesehen, als sie in aller Eile zum Flughafen aufbrach. Der Flug war früh dran. Sie wollte rechtzeitig in Wien-Schwechat sein. Sie war mit einem Taxi unterwegs. Der Taxifahrer konnte sich erinnern, sie am Flughafen bei der Ankunftshalle abgesetzt zu haben. Dann fehlt jede Spur von ihr. Und ebenso von Sturiak, der in der Maschine aus Zürich war.“
“Klingt allerdings merkwürdig, auch wenn ich Anke ein Abenteuer zutraue.“ Weissacher begann ernsthaft über die Sache nachzudenken.
„Wisst ihr sonst noch etwas? – Was ist das für ein Auftrag, den euer Sturiak erledigen sollte? Wozu braucht ihr einen so teuren Experten?“
„Das kann ich nicht so ohne Weiteres sagen. Unser Kunde war mir gegenüber sehr zugeknöpft. Ich bin persönlich in diesen Geschäftsbereich nicht involviert.“ Priem klang etwas unsicher und verschämt: Er, der Assistent der Geschäftsleitung, war in eine Sache von Wichtigkeit für seine Firma nicht voll eingeweiht, nicht einmal jetzt, wo es eine Komplikation gab!
„Dann lass dich erst einmal informieren, Gerhard. Wenn wir wissen, was Sturiak tun sollte, können wir vielleicht erraten, was dazwischengekommen ist oder wer ein Interesse haben könnte, dass etwas dazwischenkommt.“
„Ich werde es versuchen. Wie immer hast du recht und einen klaren Kopf, während ich gleich in Panik gerate. – Bitte halte dich aber bereit! Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Weissacher legte auf. Ilona brachte die Karaffe Wasser, die Weissacher jeden Tag auf seinen Tisch gestellt bekam, damit er in der trockenen Büroluft genug Flüssigkeit zu sich nahm.
„Ilona, stell dir vor, da holt eine Sekretärin einen wichtigen Mann vom Flughafen ab und seither sind beide verschwunden. Was hältst du davon?“
„Kommt darauf an, wer es ist!“, bemerkte Ilona kurz.
„Wie gesagt, ein Riesenkaliber von einem Experten, kostet der Firma ein Vermögen. Und die Sekretärin ist eine attraktive Blondine, aber höchst zuverlässig in ihrem Job.“
„Ist ein bisschen wenig an Information! – Unglücksfälle und Irrtümer sind doch wohl schon ausgeschlossen – oder?“
„Sind ausgeschlossen!“
„Die Sache schmeckt mir nicht! Man sollte wissen, welchen Auftrag der Verschwundene in Wien erledigen sollte und was er sonst noch treibt. Vielleicht hat das Ganze gar nichts mit Wien zu tun. Vielleicht hängt irgendein anderes Übel an ihm, das gerade in Wien schlagend wird!“
„Gut spekuliert, Ilona! Aber eben nur spekuliert. Übrigens: Kennst du vielleicht die Anke von Consulting Support?“
„Nicht persönlich, aber ich habe von ihr gehört. Die dürfte in Ordnung sein. Die macht angeblich keine unüberlegten Sachen! – Ich würde mich mal darauf einstellen, dass da etwas nicht stimmt.“
Das Telefon rührte sich wieder. Wieder Gerhard Priem.
„Karl, du sollst sofort hierher in unser Büro kommen. Die Alarmstufen steigen bei uns alle paar Minuten weiter an, solange die beiden verschollen sind.“
„Gut, bin schon unterwegs. Ilona, stell die übliche Message in unser Suchnetzwerk! Vielleicht erinnert sich jemand, die beiden wo gesehen zu haben.“
„Aber ich habe doch gar keine Details zu den Personen!“
„Da ist der Hörer, Herr Priem wird dir alles sagen, was notwendig und bekannt ist.“
Damit eilte Weissacher aus seinem Büro hinaus und das Stiegenhaus hinunter, das wegen des trüben Wetters noch unfreundlicher wirkte als sonst. Aber die Adresse war gut genug für ihn und die Miete erträglich.
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