»Verstanden.« Sinan schaute die Halde hinunter. Es kam ihm endlos weit vor. Er holte tief Luft und machte einen ersten, vorsichtigen Schritt hinab.
Es war für ihn nicht einfach, derart geschwächt und zudem mit nur einem Arm das Gleichgewicht zu halten. Currann konnte ihn nicht stützen, denn er hatte mit den Pferden alle Hände voll zu tun.
Jedes Mal, wenn Sinan abrutschte, kostete es ihn unendlich viel Kraft, sich wieder aufzurichten. Nach etwa der Hälfte der Strecke lief ihm der Schweiß in Strömen herunter.
Currann erschrak, als er das fahle Gesicht seines Freundes sah. »Wir machen einen Moment Halt«, bestimmte er.
Sinan ließ sich sogleich nieder. Jetzt merkte er, dass sich alles um ihn drehte »Verdammt!«, haderte er leise mit sich selbst.
»Lass dir Zeit.« Currann legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Er winkte den anderen zu, dass alles in Ordnung war, dann holte er einen Wasserschlauch hervor und hielt ihn Sinan an die Lippen. »Hier, trink. Du hast heute noch viel zu wenig getrunken. Hast du Schmerzen?«, fragte er besorgt. Sinan schüttelte leicht den Kopf. Als keine weitere Antwort kam, beließ es Currann dabei, machte sich aber Sorgen.
Nachdem sich Sinan etwas erholt hatte, machten sie sich an den weiteren Abstieg, aber Sinan spürte gleich, wie sehr seine Beine zitterten. Er mühte sich krampfhaft ab, auf den Beinen zu bleiben, nicht schon wieder zusammenzubrechen und so seine Schwäche zu zeigen. Mit zusammengebissenen Zähnen bewältigte er die Strecke, aber dann kamen sie an ein besonders steiles Stück, an dem sie mehrere Schritte auf einmal abrutschten. Die Pferde wieherten angstvoll, Currann konnte sie kaum noch halten. Sinan verlor das Gleichgewicht und kam halb auf der Seite zum Liegen, die Beine bis zu den Waden im Geröll versunken. Er versuchte mühsam, wieder hochzukommen, aber ihm fehlte die Kraft.
»Sinan!« Currann konnte ihm nicht helfen, er hatte Mühe, die Pferde am Durchgehen zu hindern. Der Blick verschwamm vor Sinans Augen, aber irgendwie gelang es ihm, sich aufzurichten. »Bleib, wo du bist!«, rief Currann. Er sah keine andere Möglichkeit. So schnell er konnte, legte er die letzten Schritte nach unten zurück.
Auf halbem Weg kam ihm schon Kiral entgegen. »Hilf ihm, er schafft es nicht!«, rief Currann.
Kiral hastete nach oben. »Setz dich hin, ich komme!«, brüllte er, als er sah, dass Sinan aufzustehen versuchte. Doch Sinan hörte ihn nicht mehr. Ein Brausen erfüllte seine Ohren, die Landschaft kippte vor seinen Augen. Kiral hatte ihn fast erreicht, als er kopfüber den Abhang hinunterstürzte. Im letzten Moment konnte Kiral sich noch zur Seite werfen, bevor Sinan in einer großen Lawine aus Geröll und Staub an ihm vorbeistürzte. Immer mächtiger wurde sie, es schien, als wollte der ganze Hang ins Rutschen geraten.
»Currann, pass auf!«, brüllte Kiral über den Lärm hinweg in der Hoffnung, dass dieser ihn unten hören konnte. Er selbst hastete so schnell er konnte rückwärts, weg von dem rutschenden Geröll. Es schien ihm eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis wieder Stille einkehrte und das letzte Poltern verklungen war. Kiral hustete und versuchte, etwas zu erkennen. »Currann?!«, schrie er und erhielt zu seiner großen Erleichterung von unten Antwort. »Siehst du ihn?«, schrie er hinunter.
»Nein!«, schallte es ihm entgegen. Kiral wagte einen vorsichtigen Schritt auf die abgerutschten Geröllmassen, doch sie fühlten sich nicht anders an als vorher. Rasch machte er sich an den Abstieg. Der Staub legte sich langsam. Fieberhaft suchte er die Halde nach seinem Freund ab, doch er sah nichts. »Verdammt, wo bist du?«, murmelte er.
Da sah er, dass Currann sich hastig von unten hochzuarbeiten begann. Er deutete auf einen Punkt unter ihm. Kiral flog fast schon hinunter und kam kurz vor Currann an der Stelle an. Eine einsame Hand ragte aus dem Schutt empor. »Verdammt .. verdammt!« Kiral grub mit bloßen Händen, versuchte, ihn zu befreien, doch die Geröllmassen rutschten immer wieder nach.
Gleich darauf kam Currann keuchend zu ihm hochgeklettert und half ihm. »Schnell, schnell, er bekommt darunter keine Luft!« Er hinderte das Geröll am Nachrutschen, sodass Kiral nun schneller vorankam.
»Zuerst den Kopf!«, rief Currann, als sie die Umrisse seines Oberkörpers erkennen konnten. Currann stemmte sich gegen das Geröll, während Kiral den Kopf befreite. Doch Sinan atmete nicht. Kiral packte seinen Kopf, bog ihn nach hinten und blies ihm Luft in die Lungen.
»Atme, nun mach schon!«, flehte Currann. Doch sie hörten nichts. »Noch einmal!« Kaum hatte Kiral angefangen, begann Sinan zu husten und schlug gleich darauf die Augen auf. Currann war so erleichtert, dass er erst einmal den Kopf senkte und dankbar die Augen schloss. Kiral zog unterdessen Sinan aus dem Geröll heraus. Ein Schmerzensschrei ließ Currann alarmiert aufblicken. »Was ist .. oh nein, dein Arm, er blutet wieder!«
»Los, bringen wir ihn hier herunter, bevor der ganze Berg auf uns rutscht!«, rief Kiral. Er zog Sinan auf ein sicheres Stück, während Currann sich weiterhin gegen das lose Geröll stemmte.
»Jetzt!!« Currann warf sich mit einem Ruck zur Seite. Keinen Augenblick später war die Stelle, an der sie gegraben hatten, wieder verschüttet. Gemeinsam trugen sie Sinan die letzte Strecke hinunter und in sichere Entfernung zu dem Abhang, wo auch die Pferde angebunden waren. Kiral winkte den anderen hinauf, dass der Nächste mit dem Abstieg beginnen konnte.
»Hätten wir ihn doch gleich getragen .. oder eine Trage gebaut!« Sich heftige Vorwürfe machend, untersuchte Currann den Arm. Als er Sinan aus seiner Kleidung geschält und den Verband abgewickelt hatte, entfuhr ihm ein leiser Fluch. Sinan hörte es nicht, er hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich ganz darauf, nicht wieder das Bewusstsein zu verlieren.
Aber Kiral sah es sofort: Der Arm war dick geschwollen, und eitriges Blut sickerte aus der Wunde hervor. »Sie hat sich entzündet. Verdammt, Sinan, warum hast du nichts gesagt?«, rief er. »Das muss doch schmerzen!«
Sinan öffnete mühsam die Augen. »Ich spüre den Arm nicht mehr«, flüsterte er. »Schon seit ein paar Tagen..«
Kiral sprang auf. »Wir brauchen heißes Wasser, neue saubere Verbände .. warum ist Ouray noch nicht hier?« Derartige Ausrufe passten gar nicht zu dem sonst so beherrschten Cerinn. Alle Überlegenheit war verflogen. »Wenn die Entzündung weiter fortschreitet, wird er seinen Arm verlieren oder am Fieber sterben!«
Es war für Currann wie ein Schlag ins Gesicht. Er wusste, was dies bedeutete. »Das können wir hier in der Wildnis nicht schaffen. Wir müssen so schnell wie möglich nach Branndar.« Er presste entschlossen die Lippen zusammen.
Doch Kiral schüttelte nur den Kopf. »Wir können ihn in diesem Zustand nicht nach Branndar bringen. Wir müssen ihn selbst versorgen!«
Sie betteten Sinan möglichst bequem auf ein paar Decken. Currann betrachtete besorgt seinen Freund, wie er mit blassem Gesicht dort lag. Er fühlte ihm die Stirn, sie war wieder heiß. Currann machte sich immer heftigere Vorwürfe. Warum hatte er nichts bemerkt, ihm nicht beim Abstieg geholfen .. warum war Althea ..?
»Hör auf zu grübeln, das ändert auch nichts!«, fuhr Kiral ihn an. Er ließ einen Armvoll trockener Zweige neben ihm fallen und begann, in seinem Bündel zu wühlen. »Es ist nicht mehr genug da«, sagte er besorgt, als er einen Lederbeutel öffnete.
Currann roch es sofort, dies war das Zeug, das er schon beim ersten Mal auf die Wunde getan hatte. »Was können wir nur tun? Verdammt, ich wünschte, Althea wäre hier!« Er ballte seine Hände zu Fäusten.
»Das steht wohl nicht zur Wahl. Wir müssen die Wunde ausbrennen, das hätten wir gleich am Anfang machen sollen!« Kiral zerbrach eilig die Zweige und schichtete sie auf.
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