1 ...8 9 10 12 13 14 ...44 Currann lehnte dankend ab. »Später einmal.« Kiral zuckte mit den Schultern und vollendete sein Werk. »Wo hast du das alles gelernt?«
»Nun, es ist Brauch, dass die Väter mit ihren Söhnen jedes Jahr für einige Zeit in die Steppe ziehen, allein, getrennt vom Stamm. Bei mir war es der Schamane, der mich mitgenommen hat, da mein Onkel nicht wollte. Obwohl es als mein nächster männlicher Verwandter seine Pflicht gewesen wäre.«
»Er hat dir Steine in den Weg gelegt, wo er nur konnte, nicht wahr?«, fragte Currann mitfühlend und half Kiral, das Fell zum Trocknen in der Morgensonne zurechtzuziehen.
»Ja, aber die Männer meines Stammes haben mir geholfen. So habe ich vielleicht noch mehr gelernt als manch anderer. Dies hier zum Beispiel ist eigentlich Frauenarbeit.«
Currann lachte auf. »Zeig mir eine Frau im Umkreis von zehn Tagen!«, spottete er. Er deutete auf die Wölfin. »Was ist mit dem Fleisch?«
Kiral verzog das Gesicht. »Du musst schon sehr hungrig sein, um dies anzurühren. Ich finde, es schmeckt nicht besonders gut. Halten wir uns lieber an den Inhalt unseres Feuers.«
Wie auf Kommando begann Curranns Magen zu knurren. »Guter Einfall«, sagte er und sprang auf.
Ouray schob bereits neugierig die Asche auseinander und holte mit einem Stock drei Lehmpäckchen heraus. Er stieß sie auseinander. »Riecht gut.« Begierig zogen sie den Duft ein. Sie hatten gestern durch Zufall eine kleine Wasserstelle gefunden, die genug Wasser führte, dass sie ihre Vorräte auffüllen konnten, und in ihrer Nähe ein wenig Lehm. Currann hatte die Vögel erlegt, das erste Mal, dass er auf Anhieb mit der Schleuder getroffen hatte, und Kiral hatte ihnen gezeigt, wie man die Vögel in dem Lehm zubereitete. Sogar Kräuter hatten sie dafür ausfindig gemacht und gleich einen Vorrat mitgenommen.
»Es hat tatsächlich geklappt«, staunte Tamas, als er den trockenen, hart gebackenen Lehm entfernte. Die Federn blieben darin hängen und ließen das saftig gegarte Fleisch zurück.
»Natürlich hat es das.« Kiral stieß Tamas an. Genussvoll verzehrten sie ihr Frühmahl.
»Wir müssten bald an den Rand der Hochebene gelangen«, sagte Currann nach einiger Zeit in die gefräßige Stille ihres Frühmahls hinein.
»Meinst du, der Abstieg wird schwierig?«, fragte Ouray.
Currann erinnerte sich an die Expedition, und auch Tamas dachte an seine Reise nach Gilda. »Es sind wohl einige hundert Schritte hinunter. Auf der Straße ist es schon schwierig genug, aber ohne .. wir werden uns sehr genau aussuchen müssen, wo wir absteigen.«
»Was wird uns unten erwarten?«, fragte Ouray.
»Es wird etwas mehr Wasser geben, mehr Pflanzen. Aber es wird dort unwegsamer sein als hier oben. Wir werden sehr viel langsamer vorankommen«, sagte Tamas.
»Wie kommst du darauf?« Das leuchtete Ouray nicht ein.
Aber Currann wusste genau, was Tamas meinte: »Nun, es ist Sumpfland. Wäre es leicht zugänglich und besiedelbar, gäbe es hier längst eine Siedlung und eine Straße. Es gilt als Niemandsland.« Currann stand entschlossen auf. »Es nützt nichts, sich darüber jetzt schon Sorgen zu machen. Sehen wir es uns erst einmal an«, gab er das Zeichen zum Aufbruch.
Gegen Mittag war es dann soweit, früher als erwartet. Kiral kniff als Erster die Augen zusammen, vermeinte er doch im Dunst des Horizonts etwas zu erkennen. »Dort!«, rief er und zeigte in die Richtung.
»Das sind die Berge von Nador«, schrie Tamas kurz darauf von weiter hinten gegen den Lärm der Tiere an.
Sie ritten noch einige Stunden weiter. Das Gebirgsmassiv war nun immer deutlicher zu sehen. Dann, wie auf Kommando, hielten sie alle wie gebannt an. Die Kameraden staunten über den Anblick, der sich ihnen bot. Es ging steil bergab. Weit unter ihnen öffnete sich das sanfte Hügelland Nadors. Dahinter, in dunstiger Ferne, erhob sich bis in zerklüftete Höhen das Nador Gebirge mit seinen schneebedeckten Gipfeln.
Tamas konnte sich an diesem Anblick nicht sattsehen. Dies war seine Heimat. Rasch suchte er das Gebirge nach ihm bekannten Gipfeln ab. Da hatte er ihn auch schon ausgemacht, ganz im Norden und kaum noch zu erkennen. »Seht ihr dort hinten den höchsten Berg? Wir nennen ihn den Berg des Donners, da die Unwetter meistens aus seiner Richtung kommen. Nur wenig nördlich davon liegt die Stadt Nador und die Grenze zu Temora.« Er versuchte ihren ungefähren Standort abzuschätzen. »Ich glaube, dass Branndar ein wenig weiter südlich von hier liegt, es liegt am Fuße des Ramors..« Er suchte das Gebirge weiter ab und versuchte, den Gipfeln Namen zuzuordnen. Hier war er zwar noch nie gewesen, aber wie alle Kinder Nadors hatte er die Namen ihrer Gipfel anhand von Zeichnungen auswendig gelernt. »Dort, dort drüben, der ist es.« Er zeigte auf eine besonders steilen und zerklüfteten Gipfel weiter südwestlich von ihnen.
»Das ist noch ein gutes Stück«, meinte Currann.
»Ja, aber nun wissen wir die Richtung. Lasst uns dort entlang nach einem Abstieg suchen«, meinte Kiral. Er wollte noch vor dem Dunkelwerden sicher unten ankommen. Spähend kniff er die Augen zusammen. Noch konnte man von dem Gelände unten nicht viel erkennen, aber er meinte, hier und dort ein Glitzern zu sehen. »Es ist wirklich sumpfig«, sagte er zu Tamas.
Dieser nickte. »Ja, das ist es. Hier sammelt sich das Wasser nach der Schneeschmelze und versickert langsam. Es kann nicht fortfließen, weil die Sümpfe eine eigene Senke bilden. Wir müssen aufpassen, wo wir absteigen.«
Stundenlang ritten sie am Abgrund entlang. Sie kamen nur sehr langsam voran, denn sie mussten immer wieder Felsspalten ausweichen, die sie zu großen Umwegen zwangen. Doch irgendwann entdeckte Kiral eine Stelle, die ihm für den Abstieg geeignet schien. »Seht, dort hat es einmal einen Erdrutsch gegeben.« Nun sahen es auch die anderen. Es war eine Geröllhalde, sie fiel im Vergleich zu den restlichen Felsen relativ flach bis in die Ebene ab.
»Wenn wir in Serpentinen hinuntergehen, können wir es schaffen«, rief Kiral, der probeweise einige Schritte abgestiegen war. Immer wieder rutschten die Steine unter ihm weg, aber er hatte trotzdem einen einigermaßen sicheren Halt.
»Wir sollten lieber einzeln gehen«, gab Ouray zu bedenken, als er die Steine nach unten rutschen sah.
Currann gab ihm recht. »Wir haben genug Zeit. Gehen wir kein Wagnis ein.« Er weckte Sinan auf, der mit dem Kopf an seiner Schulter eingeschlafen war. »Meinst du, du kannst selbst laufen?«
Sinan brauchte ein wenig, um richtig wach zu werden, nickte aber schließlich. »Es wird schon gehen«, meinte er und ließ sich vom Pferd herunterhelfen.
Kiral kam wieder zu ihnen hinaufgeklettert. »Ich gehe mit Wind und drei Packpferden voraus. Wenn einer den sicheren Weg findet, dann er.«
Besorgt beobachteten die Kameraden, wie Kiral mit dem wackeligen Abstieg begann. Immer wieder gerieten die Steine unter ihm und den Pferden ins Rutschen, aber nur wenige Schritte. Da er Wind mit Worten und Pfiffen dirigierte, blieben auch die hinter ihm herlaufenden Packpferde erstaunlich ruhig.
»Eigentlich könnte man einfach hinunterrutschen«, meinte Tamas, als Kiral langsam aus ihrem Blickfeld verschwand.
»Genau, sag deinem Pferd, es soll sich auf sein Hinterteil setzen«, spottete Yemon.
»Gar kein so schlechter Einfall«, meinte Currann mit einem nachdenklichen Blick auf Sinan, der sich auf dem Boden niedergelassen hatte. Würde sein Freund den Abstieg bewältigen? Currann hatte so seine Zweifel.
Ouray wandte ein: »Es ist gefährlich, du kannst nicht bis unten sehen. Vielleicht gibt es zwischendurch Spalten oder Felsstürze. Lasst es lieber bleiben.«
Currann nickte abwesend. »Seht, da ist Kiral. Er ist sicher angekommen.« Currann half Sinan auf. Sie würden als Nächstes gehen. »Wenn dir schwindelig wird, setzt du dich sofort hin, verstanden?«
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