Als ich den Arm um Anna legte, um sie an mich zu drücken, spürte ich erst einen leisen Widerstand, wahrscheinlich spielte so etwas wie Pietät dabei eine gewisse Rolle. Aber dann gab sie nach. Sie war sehr sanft, als sie mich auf sich zog, und ich wusste immer noch nicht, ob sie wirklich wollte oder ob sie nur deshalb mitmachte, weil sie fühlte, wie wichtig es gerade jetzt für mich war. Es war mir, ehrlich gesagt, auch ziemlich egal, weshalb sie das tat, was sie tat. Hauptsache, sie tat es.
Als mein Großvater geboren wurde, lag das 19. Jahrhundert in den letzten Zuckungen. Mein Großvater war ein genuiner Dorfbewohner, auf seine Weise war er immer ein antiquierter Mensch geblieben. Er war ein Patriarch, um nicht zu sagen Despot – und zugleich war er ein armes Schwein, wie die meisten Menschen seiner Generation es waren und wie es, alles in allem besehen, überhaupt die meisten Menschen sind, egal, welcher Generation sie angehören. Die wenigen Mitglieder der Menschheit, die keine armen Schweine sind, kann man, wenn man es recht bedenkt, an den Fingern einer Hand abzählen, sogar „an der Hand eines Sägewerkarbeiters“, wie sie in Mellingen und Umgebung zu sagen pflegten, wo es früher viele Holzmühlen gab, deren zweifelhafter Sicherheitsstandard sich darin dokumentierte, dass den dort Beschäftigten durchweg einer oder mehrere Finger fehlten.
Das Haus, in dem mein Großvater zur Welt kam und in dem er lebte, bis er sein eigenes Haus baute, steht heute noch, aber nachdem es mehrfach umgebaut und modernisiert wurde, hat es mit dem alten nicht mehr viel gemein. Ich habe noch nie verstanden, warum so viele Leute meinen, alte, oftmals geradezu ehrwürdige Häuser durch so genannte Modernisierungsmaßnahmen verschandeln zu müssen. Es ist ja nicht damit getan, dass neue Heizungen und Badezimmer angelegt und Leitungssysteme erneuert werden, was ja völlig in Ordnung ist, sondern immer werden auch noch schöne alte Fenster herausgerissen, Fassaden mit hässlichen Farben bestrichen und an den unmöglichsten Stellen Glasbausteine angebracht. Am widerwärtigsten finde ich es, wenn an den Außenwänden von Häusern Kachelsteine kleben, sodass sie wie öffentliche Bedürfnisanstalten aussehen.
Als ich unlängst, nach mehreren Jahren, wieder einmal in das Dorf kam und das Elternhaus meines Großvaters sah, hätte ich es tatsächlich fast nicht mehr erkannt. Das Dorf hatte sich schon lange vorher stark verwandelt, und ebenfalls nicht zu seinem Vorteil. Einst war es ein richtiges Bauerndorf gewesen, beinahe idyllisch, und wenn es auch nicht gerade eine Perle der westfälischen Siedlungskultur genannt werden konnte, so verfügte es doch über jene gewisse innere Konsistenz, die aus dem bukolischen Phlegma erwächst. Es gab eine Reihe sehr stattlicher großer Bauernhöfe, fast schon Güter, es gab eine Dorfstraße mit schmucken Häusern zu beiden Seiten, alle mit Gemüse- und Obstgärten, es gab eine Kirche, eine Schule, einen Löschteich, eine freiwillige Feuerwehr sowie einen Schützen- und einen Turnverein. Und es gab noch die Landstraße – genauer, eine Bundesstraße –, die das Dorf diagonal in zwei verschieden große Stücke teilte und es mit Mellingen verband. Es war ein durch und durch biederes, etwas langweiliges Dorf, in dem nicht viel passierte, außer, dass die Leute jeden Sonntag wie die Lämmer in die Kirche trotteten, sich gelegentlich betranken und ihre Kinder züchtigten, damit sie anständige Menschen wurden. Von Zeit zu Zeit ersoff jemand beim Baden im Fluss, der sich hinter den größten Gehöften am Rande des Dorfs durch die größten und fettesten Weidegründe zog oder es stürzte ein Bauernsohn mit dem Traktor um und wurde zu Tode gequetscht. Wenn Schützenfest war, gab es auch schon einmal eine Prügelei. Die wenigen Bewohner, die nicht von der Landwirtschaft lebten, waren entweder Handwerker oder arbeiteten in einem der mittelständischen Betriebe der stolzen Kleinstadt Mellingen, die ihren Aufstieg – typisch für die Gegend – den Segnungen der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert verdankte.
Doch in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts brach dann im Dorf das aus, was man eine Kulturrevolution unter den Bedingungen der agrarischen Ödnis nennen könnte. Auf einmal begannen Fabrikanten, Rechtsanwälte und Ärzte die Vorzüge des stadtnahen Wohnens in ländlicher Ruhe zu entdecken, und innerhalb weniger Jahre wurde aus dem Bauerndorf eine suburbane Kolonie der Besser- und Bestverdienenden.
Als die neuen Siedler aus der Stadt anrückten, um aus dem Dorf einen Schandfleck zu machen, wurden einige arme Bauern wohlhabend, einige wohlhabende reich und ein paar reiche sehr reich. Endlich hatten sie jemanden gefunden, der sie gegen gutes Geld von dem sattsam vorhandenen Weideland erlöste. Die Bauherren setzten große, meist angeberische Häuser und Villen auf ihre frisch erworbenen Grundstücke, ließen Stichstraßen in frühere Wiesen und Äcker legen, richteten kiesbedeckte Auffahrten her, wo einstmals Hühner- und Karnickelställe gestanden hatten und holzten alte Obstgärten ab, um Platz für ihre Swimmingpools zu schaffen.
Bei dem alten Elternhaus meines Großvaters handelte es sich um eine Doppelhaushälfte aus rotbraunen Backsteinen, zweistöckig, schmalbrüstig, mit engen Zimmern. Im Keller, der ein gutes Stück aus dem Boden ragte, sodass das Erdgeschoss in Wirklichkeit eine Art Hochparterre mit steinernem Treppenaufgang zur Haustür war, befanden sich eine Waschküche und ein Ziegenstall. Noch lange, nachdem die letzte der dort lebenden Ziegen den Weg allen Erdenlebens gegangen war, roch es in dem Haus nach Ziegenstall, und zwar nicht nur im Keller.
Als Bewohner des Hauses blieben zunächst Tante Martha und Onkel Johann übrig – für mich Großtante und Großonkel, um genealogisch genau zu sein –, und ein paar Jahre später, nachdem Onkel Johann ausgezogen war, nur noch Tante Martha. Drei andere Geschwister meines Großvaters hatten sich schon früher aus dem Dunstkreis des beengten Elternhauses und der Ziegen davongemacht. In jeder Hinsicht am weitesten brachte es Herbert, der einzige „Studierte“ in der Sippe, der als diplomierter Industriekaufmann nach Süddeutschland zog und viel Geld damit verdiente, Repräsentant eines rheinischen Großkonzerns zu sein. Der Status – und Nimbus – des Aufsteigers entrückte ihn in jeder Hinsicht dem weiteren Fortgang der Familiengeschichte. Ich kannte ihn so gut wie gar nicht, und alles, was ich jemals über ihn hörte, weckte in mir auch nicht den Wunsch, ihn näher kennenzulernen. Er war ein Geizkragen, der salbungsvolle Reden hielt und seine Frau und seine Kinder traktierte.
Martin, sein jüngster Sohn, war ein sehr spät gezeugter Nachkömmling und nur wenige Jahre älter als ich. Er trug zu Hause einen solchen Schaden davon, dass er sich veranlasst sah, Psychiater zu werden. Ich sah ihn zum ersten Mal auf der Beerdigung meines Großvaters. Da steckte er gerade in seiner analytischen Phase und war damit beschäftigt, den etliche Jahre zurückliegenden Tod seines verhassten Vaters aufzuarbeiten. Als ich kürzlich wieder von ihm hörte, hieß es, diese Phase sei zwar immer noch nicht abgeschlossen, doch sei ihr Ende mittlerweile in greifbare Nähe gerückt.
Onkel Willi wohnte in einem Nachbarort von Mellingen und verdiente sein Geld als Vertreter im Stahlhandel. Auch er redete wie ein Kaplan, glich das aber teilweise dadurch aus, dass er filterlose Zigaretten rauchte, Whiskey trank, offene Autos fuhr und sich für damalige Verhältnisse ziemlich modebewusst kleidete, beispielsweise, indem er karierte Jacketts trug. Er hatte zwei Töchter, Lilly und Ellen, die vor allem dadurch auffielen, dass sie ein sehr umtriebiges Beziehungsleben führten, nicht nur für kleinstädtische Verhältnisse. Sie betrogen ihre Männer, ließen sich scheiden, heirateten wieder, lebten in diversen außerehelichen Liaisons und ließen Abtreibungen vornehmen. Onkel Willi ging angesichts solcher Sittenlosigkeit bei seinem eigenen Fleisch und Blut mit zunehmendem Alter dazu über, sich mit Alkohol zu betäuben. Schließlich liefen auch noch seine Geschäfte schlecht, seine Frau starb an Krebs und er wurde immer schwermütiger.
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