Inzwischen hatten sich auch einige Beamte aus anderen Teams an ihren Tischen in dem spartanisch eingerichteten Großraumbüro eingefunden, dessen einziger Schmuck die altmodischen, bodentiefen Fenster waren, die die gesamte Längsseite des Raumes dominierten und den Blick zur Seine freigaben.
„Oh là là, la Banlieue!“ Als hätte Malbert ein Zauberwort ausgesprochen, machten sofort haarsträubende Schauergeschichten die Runde. Es entflammte ein regelrechter Wettstreit darüber, wer von ihnen da draußen , wie sie es nannten, die gefährlicheren Situationen gemeistert hatte. Nach einer Weile stand schließlich eine kleine und eher unscheinbar wirkende Polizistin auf und streckte beide Arme beschwichtigend in die Höhe.
„Nun lasst mal gut sein“, lachte sie. „So dramatisch ist die Lage dort nun auch wieder nicht.“ Sie ging zu Perrecs Schreibtisch und reichte ihm die Hand. „Ich bin Nathalie Martin“, sagte sie und schaute ihn aus dunklen, intelligenten Augen an. „Ich gehöre auch zum Team. Ich habe heute meinen ersten Tag nach dem Urlaub, deshalb sind wir uns noch nicht begegnet.“
Sie fuhr sich mit einer schnellen Handbewegung durch die kurzgeschnittenen dunkelblonden Locken.
„Keine Panik vor den Vorstädten, Kollege. Sicher gibt es in manchen Banlieues Quartiere, in denen man als Fremder, also gewissermaßen als Eindringling, nicht gerne gesehen ist. Aber wir wissen doch alle, dass man in unserem Job an jedem Ort aufmerksam sein muss. Also hören Sie nicht auf die Horrorgeschichten.“
Mit einem milde strafenden Lächeln schaute Nathalie in die Runde und wandte sich dann wieder dem Inspektor zu.
„In der Banlieue gibt es neben Dealern und Kleinkriminellen vor allem eines: Menschen, die dort wohnen und auch nicht freundlicher oder unfreundlicher sind als anderswo. Sie werden Ihre erste Nachbarschaftsbefragung meistern, dessen bin ich mir sicher.“
Sie zog sich einen Stuhl heran und fuhr mit leiserer Stimme fort.
„Sie wissen ja, dass Madame le Commissaire heute Morgen gleich vom Tatort aus in die Wohnung des Toten gefahren ist, nicht wahr? Es scheint dort niemand außer Michel Souliac zu wohnen. Laut Datenbank war unser Opfer nicht verheiratet und hatte keinerlei Familie in Paris. Einige Vorstrafen wegen Einbruchsdelikten. Sie schob ihre Haare hinters Ohr, die ihr kurz darauf wieder ins Gesicht fielen. „Aber das wird die Chefin uns heute Abend während unseres Meetings berichten. Wir machen davon jeden Tag zwei. Eines bei Dienstbeginn und ein weiteres abends. Heute Morgen muss es ausfallen, weil de Belfort gerade einen Termin beim Staatsanwalt hat. Und deshalb fahren Sie jetzt auch nach Trappes.“
Sie gab Perrec einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und ging zurück zu ihrem Schreibtisch, zog die oberste Schublade auf und fischte ein Karamellbonbon daraus hervor, das sie sofort aus der goldenen Verpackung wickelte. Malbert warf ihr einen Blick zu, der gleichermaßen Vergnügen und Missbilligung ausdrückte. Und es war ihm völlig egal, dass auch der Inspektor ihn gesehen hatte.
Einige Stunden später befand sich Loïc Perrec schon wieder auf dem Rückweg zum Quai des Orfèvres. Missmutig starrte er durch die schmutzigen Fenster des Vorortzuges, in den er vor gut zehn Minuten in Trappes eingestiegen war. Noch keinen Monat in Paris und schon schicken sie mich mitten in die Banlieue, dachte er und betrachtete die nicht enden wollenden Reihen von Hochhäusern, die in schneller Abfolge an seinem Auge vorbeizogen. Schäbige Balkone, auf denen Kühlschränke vor sich hin gammelten und Wäsche an Plastikleinen im Wind flatterte, folgten auf Miniaturgärten mit liebevoll bepflanzten Blumenkübeln und bunt gestrichenen Klappstühlen. Dank der ungeputzten Zugfenster lag über allem eine schmierige, graubraune Schicht. Perrec rümpfte die Nase. Er wandte den Kopf ab und fing den Blick einer jungen Frau auf, die ihn vom Platz schräg gegenüber beobachtete. Ertappt senkte sie die Augenlider und betrachtete scheinbar konzentriert ihre in einem grellen Neon lackierten Fingernägel.
„Pardon!“
Perrec zuckte erschrocken zusammen, denn sein Sitznachbar hatte sich schnaufend erhoben und beugte sich nun gefährlich nahe über ihn. Der wuchtige Mann legte die flache Hand auf den oberen Teil des Zugfensters und drückte es geräuschvoll zu.
„Es zieht“, präzisierte er und ließ sich mit einem Ächzen wieder auf den Sitz fallen. Loïc Perrec nickte ihm freundlich zu und fischte sein Notizheft aus einer der zahlreichen Taschen seiner Outdoor-Jacke. Bevor der Zug am Bahnhof Montparnasse in Paris ankam, wollte er alle Ergebnisse seiner Befragung, die er heute durchgeführt hatte, notiert haben. Sein Bleistift verharrte über der noch unbeschriebenen Seite. Viel herausgekommen war bei seinen Bemühungen nicht. Er schaute noch einmal zum Fenster hinaus, bevor er sich leise seufzend über das kleine Büchlein beugte.
Abweisende Fassaden in Grau und Beige hatten den Inspektor empfangen, als er an diesem Morgen die Adresse von Michel Souliac nach einigem Suchen endlich gefunden hatte. Der junge Bretone hatte sich unwohl gefühlt, als er durch die wenig belebten Straßen, vorbei an Hochhäusern und endlosen Reihen geparkter Autos, gelaufen war. Eine solche Gegend, bestehend aus nichts als Wohnsilos, die in den Himmel ragten, kannte er bisher nur aus Kriminalfilmen oder aus den Nachrichten. Doch das ungute Gefühl, das mit jedem Schritt deutlicher wurde, hatte sich vor allem aus seiner Orientierungslosigkeit gespeist, die ihn in dieser ihm völlig unbekannten Umgebung befiel. Angst hatte er dagegen keine empfunden. An einer Kreuzung war er schließlich stehengeblieben und hatte sich umgeschaut. Schnurgerade Straßen führten zu fast identisch aussehenden Häuserzeilen. Graue Pflastersteine, die den Weg zu den Eingängen wiesen, beschmierte Betonklötze, deren zum Teil offenstehende Metalltüren den Blick auf überquellende Mülltonnen freigaben, einige Quadratmeter Grünflache. Und nirgends ein Straßenschild. Nur eine Straßenlaterne, die sich schon bedenklich in Richtung Boden neigte und an die mit einem schweren Schloss ein Fahrrad gekettet war, das nur noch aus einem verrosteten Rahmen bestand.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Eine ältere Dame, die einen Einkaufstrolley hinter sich herzog, war neben Perrec stehengeblieben und hatte ihn freundlich angeschaut.
„Sieht alles gleich aus hier, nicht wahr?“
Sie hatte ihn angelächelt und unbeschwert drauflos geplaudert, so als würden sie beide sich bei einer Tasse Kaffee gegenübersitzen und nicht an einer unbelebten Straßenecke in einem der angeblich gefährlichsten Viertel der Pariser Banlieue stehen.
„Sie sehen mir nicht aus, als würden Sie hier öfter verkehren“, hatte sie festgestellt und sich mit der freien Hand die Nase gekratzt. „Bestimmt kommen Sie aus Paris, nicht wahr? Nun ja, da haben wir es hier nicht ganz so schön.“ Mit einer vagen Geste hatte sie auf die Straße hinter ihr gewiesen und ein meckerndes Lachen ausgestoßen. „Das hier sind nicht gerade die Champs-Elysées.“
„Eigentlich komme ich aus der Bretagne“, hatte Perrec sich auf das Gespräch eingelassen. „Ich bin noch nicht lange in Paris und Sie haben recht, hier in Trappes war ich noch nie. Und da Sie mich so freundlich gefragt haben: Ja, ich suche tatsächlich eine bestimmte Adresse. Kennen Sie die Rue …", er zögerte und kramte einen Zettel aus seiner Jackentasche. Kaum hatte er ihn entfaltet, beugte sich die Frau auch schon darüber und zwinkerte angestrengt, während sie las.
„Ah, Monsieur, Sie haben Glück, da haben Sie es nicht mehr weit. Nur noch ein Stück diese Straße hinunter und dann die nächste rechts.“
Perrecs Blick war ihrem ausgestreckten Arm gefolgt. Mit dem Zeigefinger hatte sie auf einen Punkt in etwa 50 Metern gedeutet.
„Merci Madame, merci beaucoup für Ihre Hilfe.“
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