„Commissaire de Belfort“, stellte sich Victoire dem Beamten vor und nestelte ihren Dienstausweis aus der Innentasche ihrer Jeansjacke. „Bonjour.“
“Oh Pardon, Madame le Commissaire.” Der Beamte war sichtlich verlegen. „Ich hatte nicht erwartet, dass …"
„Schon gut, Sie haben ja nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Zugegebenermaßen ist es ein wenig ungewöhnlich, dass der Kommissar mit dem Rad kommt.“
Und dann auch noch ein weiblicher, dachte de Belfort und lächelte dem Mann noch einmal zu. Sie schaute zum Karussell hinüber. Eine Ambulanz und ein Leichenwagen, dazu eine Menge lautlos blinkender Blaulichter und ernst aussehende Männer und Frauen, die professionell und routiniert ihren Job machten. Sie war am Tatort. Ein weiterer in der Reihe der vielen, unendlich vielen Tatorte, die sie in ihrer Laufbahn schon gesehen hatte. Und doch hat man jedes Mal wieder ein mulmiges Gefühl, dachte sie, als sie sich langsam näherte und die Umgebung konzentriert in sich aufnahm. Sicher, Tod und Grausamkeit gehörten zu ihrer täglichen Arbeit und mit der Zeit hatte sich tatsächlich eine gewisse Routine eingestellt. Doch der Anblick eines toten Menschen war für sie immer noch schwer zu ertragen. Worüber sie letztendlich froh war, denn zu einer abgestumpften Beamtin zu werden, das war nun wirklich nicht das, was sie anstrebte. De Belfort lehnte ihr Fahrrad an einen der schmalen Pfosten, die verhindern sollten, dass der Platz als Parkfläche genutzt wurde. Schon von weitem erkannte sie ihren Inspektor. Er trug, wie immer seit er in ihr Team gekommen war, seine Outdoor-Jacke. Das jeweils vorherrschende Wetter schien für den großgewachsenen jungen Mann mit den dunkelblonden Haaren und der kräftigen Statur dabei offensichtlich kaum eine Rolle zu spielen. Er trug sie auch bei schönstem Sonnenschein. Sie würde ihn bei Gelegenheit fragen, was es damit auf sich hatte. Vielleicht war sie sein Glücksbringer? Bretonen waren dafür bekannt, abergläubisch zu sein. Während sie zu ihm und all den anderen Personen, die ein Mord auf den Plan rief, hinüberging, warf sie einen Blick zum Palais de Chaillot hinauf. Das Gebäude aus den 1930er Jahren wirkte im diffusen Licht des nahen Morgens abweisend und bedrohlich. Dunkel blickten die riesigen Fenster auf den darunter liegenden Park und die gewaltigen Brunnen, deren Wasserspiele um diese Uhrzeit freilich ausgeschaltet waren. Die beiden Gebäudeteile, die den Platz umgaben, auf dem sich tagsüber Massen von Touristen um die beste Aussicht auf den Eiffelturm stritten, wirkten wie steinerne Wächter. Kalt hoben sie sich gegen den wolkenlosen Himmel ab, der bereits zarte Schimmer von Orange und Rosa erkennen ließ.
„Guten Morgen.“
De Belfort reichte ihrem Inspektor die Hand und drückte sie ein wenig länger als normal. Er verstand ihre Geste und nickte ihr freundlich zu. Dann wies er mit dem Kopf zu einem Karussell, das mit Hilfe zweier 1000 Watt Halogen-Einsatzscheinwerfer bis in die hintersten Winkel ausgeleuchtet wurde. Sie näherten sich der Ansammlung aus altertümlichen Holzpferden und geschwungenen Kutschen in Muschelform. Die Kommissarin spähte durch das Gewirr aus Stangen und Stäben, bis sie schließlich eine Gestalt inmitten dieses nostalgischen Kindertraumes ausmachen konnte. Mit verzerrtem Gesicht und in einer wahrlich unbequemen Position verrichtete Docteur Dupin, der Rechtsmediziner, seine Arbeit. Das Bild, das sich ihr bot, konnte skurriler nicht sein. Sie musste sich konzentrieren, um nicht laut aufzulachen. Sie hob ihren Handrücken vor den Mund und warf Perrec einen fragenden und zugleich amüsierten Blick zu.
„Was zum …?“
„Ersparen Sie sich bitte jeglichen Kommentar, Madame le Commissaire“, tönte die leicht gedämpft klingende Stimme des Pathologen an ihr Ohr. „Ich weiß selbst, wie unendlich lächerlich ich wohl aussehen muss. Geradezu demütigend lächerlich.“
Während Victoire de Belfort und Loïc Perrec noch auf den erstaunlich naturgetreu nachempfundenen Fesselballon starrten, aus dessen winzigem Einstieg die – mit den Fußspitzen nach oben – Beine des Gerichtsmediziners ragten, tauchte dessen Kopf wie in Zeitlupe am Rande des hölzernen Korbes auf. Unter Ächzen und mit kaum unterdrücktem Fluchen folgten gleich darauf die Hände, mit Hilfe derer sich Monsieur le Docteur in eine halbwegs aufrechte Position zu hieven versuchte. De Belfort blickte mit einem breiten Grinsen zu ihrem Inspektor hinüber und registrierte zufrieden, dass auch er sich das Lachen kaum verkneifen konnte. Sie war also nicht die Einzige, die inmitten dieses eigentlich so tragischen Szenarios für eine gewisse Situationskomik anfällig war. Doch schon im nächsten Augenblick rissen sich beide zusammen.
„Schießen Sie los, Docteur“, forderte die Kommissarin den Rechtsmediziner auf. „Sie wissen ja, was uns interessiert.“
„Und Sie wissen, was ich zu diesem Zeitpunkt und ohne vorherige Obduktion sagen kann“, erwiderte Docteur Dupin, der inzwischen aus dem Korb des altertümlichen Fesselballons herausgeklettert war. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort. „Der Tote ist männlich, soviel war schon ohne viel Aufhebens erkennbar. Netterweise trug er seinen Ausweis bei sich, bevor er sich hat ermorden lassen. Er heißt Michel Souliac, ist 24 Jahre alt und kommt aus Trappes. Das liegt in der westlichen Banlieue, kein besonders edles Pflaster“, fügte er mit einem kurzen Seitenblick auf Loïc Perrec hinzu, von dem er wusste, dass er noch nicht lange in Paris lebte.
„Ich weiß“, entgegnete dieser. „2005 und auch 2013 war dort einiges los. Jugendkrawalle, brennende Autos und offene Gewalt auf den Straßen. Und noch heute gibt es in Trappes zumindest zwei polizeibekannte Gangs.“
De Belfort bedachte ihren neuen Mitarbeiter mit einem anerkennenden Seitenblick und machte sich im Geiste eine kleine Notiz: Engagiert, interessiert, hat seine Hausaufgaben gemacht .
„Sehr richtig“, holte sie der Gerichtsmediziner aus ihren Gedanken und nickte Perrec anerkennend zu. „Auf den ersten Blick kommt aber in diesem Falle keine Bandenkriminalität in Frage, wenn ich mir erlauben darf, meine Meinung kundzutun.“ Die Kommissarin unterdrückte ein Lächeln und schaute Docteur Dupin auffordernd an.
„Nur zu.“
Sie mochte diesen etwas schrulligen Doktor, der sie mit seinem grauen Haarkranz und der leicht untersetzten Figur an ihren Chemielehrer aus der Abiturklasse erinnerte.
Docteur Dupin stemmte beide Hände in die Hüften und bog seinen Oberkörper nach hinten, wobei er ein leidendes Stöhnen hören ließ.
„Diese Jungs gehen meist überaus brutal vor, wie Sie wissen. Sie benutzen Messer oder Schusswaffen, in letzter Zeit vor allem halbautomatische Waffen und sogar Maschinenpistolen.“ Er schnalzte missbilligend mit der Zunge und ließ seine Schultern kreisen. „Was diesen jungen Herrn hier betrifft“, er wies auf die Leiche, „sind die sichtbaren Verletzungen, na sagen wir mal, eher harmlos.“ Docteur Dupin räusperte sich umständlich, als er Perrecs fragenden Blick sah. „Sie deuten auf eine Schlägerei hin. Nicht übermäßig brutal, aber schmerzhaft.“
„Könnten Sie das bitte präzisieren?“, warf de Belfort ein.
„Aber gerne, Madame. Das Opfer hat einen ordentlichen Schlag auf die Nase bekommen, ein blaues Auge und ein handtellergroßes Hämatom auf der rechten Schulter. Wie von einem Schlag, ich kann es noch nicht genau sagen. Solche Blessuren sind nun wirklich untypisch für eine Abrechnung im Bandenmilieu. Das hat eher etwas von einer Jahrmarktschlägerei.“
Docteur Dupin kratzte sich am Hinterkopf und schmunzelte, so, als freue er sich über diesen gelungenen Vergleich. Dann wurde er wieder ernst.
„Selbstverständlich haben diese Verletzungen nicht zum Tode geführt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie dem Opfer nicht bereits einige Stunden zuvor beigebracht wurden. Und es gibt noch ein weiteres Indiz, dass wir es hier nicht mit Bandenkriminalität zu tun haben.“
Читать дальше