„Bin schon weg, schlaf weiter“, raunte er und wollte sich gerade umdrehen, als er plötzlich innehielt. Irgendetwas störte ihn. Faruk lauschte angestrengt. Nein, da war nichts. Noch einmal horchte er in die Dunkelheit …
Die Erkenntnis traf ihn wie ein greller Blitz. Nichts. Er hörte rein gar nichts. Kein Schnarchen, kein Murmeln, nicht einmal ein Atmen. Faruk stand wie erstarrt, während die Gedanken wild durch seinen Kopf rasten. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als einfach wegzulaufen und hatte gleichzeitig das Gefühl, keinen einzigen seiner Muskeln bewegen zu können. Es war ihm, als würde dieser Zustand völliger Lähmung eine kleine Ewigkeit dauern. Doch dann kündigte ein zartes Kribbeln in Armen und Beinen an, dass Körper und Geist bereit waren, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Faruk gingen die Worte eines Koranverses durch den Kopf und eine Weile lang konzentrierte er sich auf sein Gebet. Er musste versuchen, wieder klar und logisch zu denken. Doch was sollte er nun als Erstes tun? Du musst von hier weg, sagte er sich und dann wurde seine innere Stimme noch etwas eindringlicher. Mach schon, Mann, bloß weg hier! Faruk stolperte die Stufen des Karussells hinunter und rannte wie ein Gehetzter den Weg entlang, der zum Trocadéro hinaufführte. Seine Lungen begannen bereits pfeifende Geräusche von sich zu geben, als er so abrupt stehenblieb, dass er auf dem Untergrund aus Kies und Sand ausrutschte. In seinem linken Knie spürte er einen heftigen Schmerz. „Verflucht“, brummte er und betastete vorsichtig sein Bein. Es war lange her, dass er so schnell gerannt war und noch dazu bergauf. Faruk hielt sich die Seite, die nun zu allem Überfluss auch noch unangenehm zu stechen begann. Nein, das brachte nichts, überlegte er. Dort oben am Ende des Weges gab es vielleicht einige Restaurants, aber die hatten um diese Uhrzeit sicher alle längst geschlossen. Wo sollte er an diesem gottverlassenen Ort denn jemanden finden? Er blickte zum Eiffelturm hinüber, dessen Silhouette sich dunkel und bedrohlich vom mondbeschienenen Himmel abhob.
„So ein Mist“, schrie Faruk dem Stahlkoloss entgegen. Vor Wut kamen ihm die Tränen und er bemerkte, wie ein verzweifeltes Kichern seine Kehle hinaufkroch. Seine ersten Tage in der Stadt des Lichts hatte er sich nun wirklich anders vorgestellt. „Schluss jetzt“, ermahnte er sich laut. „Reiß dich zusammen!“ Er wandte seinen Blick nach Osten, wo am Horizont bereits ein kleiner, helloranger Streifen zu erkennen war. Langsam und eindringlich sprach er ein weiteres Gebet und fühlte sich gleich darauf ruhiger. Allah war ihm schon immer eine wichtige Stütze gewesen, dachte Faruk voller Dankbarkeit. Doch was ich jetzt vor allen Dingen brauche, fügte er im Stillen noch hinzu, ist ein menschliches Wesen! Er wandte seinen Blick vom Himmel ab und schaute sich um. Etwa hundert Meter links von ihm nahm er den Umriss eines ovalen Gebäudes wahr. Natürlich! Faruk schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Wie hatte er das nur vergessen können: Das Toilettenhäuschen! Der Treffpunkt der Homosexuellen! Hier würde er sicher jemanden finden, der ein Handy dabeihatte. Bitte, Allah, lass noch jemanden hier sein, bitte! Faruk fing an zu laufen und begann schon nach wenigen Sekunden laut zu schnaufen. Ich muss dringend etwas für meine Kondition tun, dachte er und schnappte gleich darauf vor Erleichterung nach Luft. Ein Mann trat hinter dem Klohäuschen hervor und schien für einen kurzen Moment in Faruks Richtung zu blicken. Der riss sofort beide Arme nach oben und begann sie über seinem Kopf zu bewegen wie ein Ertrinkender.
„Heee, hallo, Monsieur“, schrie er aus Leibeskräften. „Au secours, s´il vous plaît! Bitte, Monsieur, bitte warten Sie, ich brauche Ihre Hilfe!“
Der Mann blieb tatsächlich stehen und schaute scheinbar regungslos in seine Richtung. Und noch während Faruk auf ihn zu rannte, mischte sich ein anderes, seltsam nagendes Gefühl in seine Erleichterung. Was machte ihn eigentlich so sicher, dass von diesem Typen, dem er mit jedem Schritt näher kam, tatsächlich Hilfe zu erwarten war?
Avenue van Dyck, 8. Arrondissement
Kommissarin Victoire Eléonore de Belfort gähnte. Gerade noch war sie im Traum über eine wunderschöne Blumenwiese spaziert und nun saß sie schlaftrunken zwischen den durcheinandergeratenen Laken ihres Bettes und tastete nach dem Handy. Ihr Schlafzimmer lag in völliger Dunkelheit. Die schweren Brokatvorhänge vor den bodentiefen Doppelfenstern ließen nicht den kleinsten Schimmer des Mondlichtes eindringen, das draußen die Bäume des Parc Monceau versilberte. Vic, wie ihre Freunde sie nannten, hielt sich das bläulich leuchtende Viereck des Displays direkt vors Gesicht und blinzelte. Ein entgangener Anruf. Offenbar hatte sie so fest geschlafen, dass sie die Melodie ihres Ruftons als Teil ihres Traumes wahrgenommen hatte. Die Nummer sagte ihr nichts, aber es musste Loïc Perrec gewesen sein, der da gerade versucht hatte, sie zu erreichen. Sie seufzte tief und betrachtete resigniert die kleinen Zahlen, die ihr die Zeit anzeigten. Wer sonst sollte sie auch an einem Donnerstagmorgen um vier Uhr dreiundzwanzig anrufen? Offensichtlich hatte sie die Mobilnummer ihres Inspektors noch nicht zu den Telefonkontakten hinzugefügt. Der junge Bretone gehörte erst seit gut einer Woche zu ihrem Team. Er hatte einige Jahre in einer kleinen Dienststelle an der Côte d‘Armor gearbeitet und sich nach einer Weiterbildung an der École Nationale de Police in Saint-Malo für die höhere Beamtenlaufbahn im Polizeidienst qualifiziert.
„Ein äußerst intelligenter junger Mann“, war de Belforts Vorgesetzter, Monsieur le Préfet, voll des Lobes gewesen. „Meine uneingeschränkte Hochachtung vor jungen Menschen, die aus, wie soll ich sagen“, der Chef der Polizeibehörde hatte sich umständlich geräuspert, „die aus dem einfachen Volk kommen und sich aufgrund ihrer Intelligenz und einer großen Portion Ehrgeiz in die oberen gesellschaftlichen Ränge emporarbeiten.“ Während er sprach, hatte er eine fast militärische Haltung angenommen und ausgesehen, als wolle er in Kürze das Défilé der französischen Ehrenlegion abnehmen. De Belfort verstand sich sehr gut mit dem Präfekten, der, stolzer Repräsentant eines alten Pariser Adelsgeschlechtes, mit vollem Namen Édouard Philippe Charles de Montmirail hieß. Obwohl Éd, wie er in der Brigade genannt wurde sobald er außer Hörweite war, wie die personifizierte Definition für Großbürgertum daherkam, war er ein kompetenter und charakterstarker Mann mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Am Quai des Orfèvres, dem Sitz der Brigade Criminelle, der Pariser Mordkommission, genoss er daher hohes Ansehen und das absolute Vertrauen seiner Mitarbeiter. De Belfort gähnte erneut. Während sie sich ihr linkes Auge rieb, drückte sie mit der anderen Hand die Taste, die sie mit Perrec verbinden würde.
„Guten Morgen, Madame le Commissaire“, vernahm sie kurz darauf die herzliche und ein wenig aufgeregte Stimme ihres Inspektors.
„Ich bin mir sehr sicher, dass er ganz und gar nicht gut ist, habe ich recht?“, entgegnete de Belfort, ohne sich lange mit einem Gruß aufzuhalten. „Sie werden mich nicht ohne Grund zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett geklingelt haben.“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, taten sie ihr auch schon leid. Ihr Inspektor konnte schließlich nichts dafür, dass es offensichtlich wieder einmal Zeit war, einen Mord aufzuklären. Und in den meisten aller Fälle geschahen derlei Dinge nun einmal nicht am Nachmittag. Noch weniger aber konnte er dafür, dass sie bereits mit einer geradezu unterirdisch schlechten Laune zu Bett gegangen war. Daran hatte Étienne Schuld, ihre große Liebe und zuverlässiger Quell für prickelndes Glücksgefühl und dunkelsten Herzschmerz. In welche Richtung der Kompass der Emotionen gestern Abend ausgeschlagen hatte, das hatte ihr Inspektor soeben zu spüren bekommen.
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