Docteur Dupin legte eine Kunstpause ein, als müsse er bei seinen Zuhörern die Spannung steigern.
„Giftmorde kommen in dieser Szene nämlich eher selten vor.“
„Giftmorde? Es ist also eindeutig Mord? Und Sie tippen auf Gift? Ich hatte mich nämlich gerade gefragt, ob der Tote nicht eventuell einen Herzinfarkt erlitten haben könnte. Als direkte Folge der Schlägerei, das wäre doch denkbar. Der Angreifer gerät daraufhin in Panik und verfrachtet den Toten ins Karussell.“
De Belfort blickte den Gerichtsmediziner fragend an und nahm wahr, wie Perrec neben ihr ein kleines gebundenes Heft aus der Tasche zog und begann, sich Notizen zu machen.
„Ja, Madame, denkbar wäre das. Doch so wie es aussieht, ist dieser junge Mann hier“, er wies mit dem Kopf hinter sich, „vergiftet worden. Bei näherer Betrachtung sind die Hinweise recht eindeutig. Sehen Sie hier“, sein Finger schwebte über dem leicht geöffneten Mund der Leiche, „die Lippen weisen eine charakteristische blaue Verfärbung auf und an der Zunge haben wir eine, wenn auch nur schwach sichtbare, Geschwulstbildung.“
Er nahm seine silbern gefasste Nickelbrille ab und wischte mit dem Zeigefinger über die Gläser.
„Ich würde sagen, er ist seit vier bis sechs Stunden tot. Genaues aber, wie immer, wenn ich ihn auf dem Tisch hatte.“
„Was macht Sie so sicher, dass es kein Suizid war? Der Mann mag in eine Schlägerei verwickelt gewesen sein, doch sein Tod muss damit nicht in unmittelbarer Verbindung stehen. Immerhin könnte er sich danach selbst das Leben genommen haben.“
Loïc Perrec schaute kurz von seinem Notizblock auf und ließ den Stift über dem Papier schweben, bereit, die Antwort schon zu notieren, noch während sie ausgesprochen wurde. Bevor er die Augen wieder senkte, fing er den zweifelnden Blick seiner Chefin auf.
Der Doktor wiegte den Kopf. „Ich kann es natürlich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber es gibt Druckstellen an den Armen, die nicht zu den restlichen Verletzungen zu passen scheinen. Ich würde sagen, sie sind ihm später, womöglich kurz vor Eintritt des Todes, zugefügt worden. Als sei er festgehalten worden.“
Den letzten Satz hatte Docteur Dupin sehr leise ausgesprochen, so als grüble er beim Sprechen über die Wahrscheinlichkeit seiner Vermutung nach. Dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: „Aber, wie gesagt, ich muss ihn mir erst aus der Nähe betrachten. Und nun überlasse ich Ihnen das Feld, wenn Sie erlauben.“
Mit einem festen Händedruck verabschiedete er sich von der Kommissarin und ihrem Inspektor und stapfte zu seinem Auto, das außerhalb der Absperrungen geparkt war.
„Möchten Sie zuerst mit dem Typen sprechen, der ihn gefunden hat?“, fragte der junge Bretone. „Ein Obdachloser aus Marseille, der erst seit ein paar Tagen in Paris ist.“
Er zeigte quer über den Platz auf eine kleine Gruppe von Männern. Zwei Gendarmen unterhielten sich mit einem älteren Mann, der beide Hände fest um einen Kaffeebecher geschlossen hatte. Zu seinen Füßen stand ein alter Rucksack, an dem eine aufgerollte rosarote Isomatte festgeschnallt war.
„Macht einen intelligenten und nicht allzu verwahrlosten Eindruck“, präzisierte Perrec. „Aber er hat einen ganz schönen Schrecken bekommen, der Arme.“
„Die Stadt hat sich ihm ja auch weiß Gott nicht von ihrer besten Seite gezeigt, um ihn willkommen zu heißen“, murmelte de Belfort. „Um ihn kümmern wir uns später.“ Die Kommissarin berührte ihren neuen Mitarbeiter leicht an der Schulter.
„Bereit?“
Perrec nickte und kurz darauf zwängte er seine ein Meter neunzig lange Gestalt in die Enge des Miniatur-Ballonkorbes. Die Kommissarin gab dem Kollegen von der Spurensicherung, der einige Meter weiter den Boden untersuchte, ein kurzes Zeichen.
„Wir gehen jetzt da rein, venez, kommen Sie bitte“, rief sie ihm zu und drehte sich wieder zu ihrem Inspektor um.
„Ja, er wird hier dringend gebraucht“, kam es gedämpft aus dem Innern der Karussellfigur. „Ich habe nämlich etwas gefunden.“
Perrec hielt einen Zettel zwischen seinen behandschuhten Fingern und streckte ihn seiner Chefin entgegen. „Offensichtlich hat der Mörder seine Visitenkarte hinterlassen. Ein weiterer Beweis dafür, dass es sich hier nicht um die Tat einer kriminellen Gang handelt.“
„Was macht Sie so sicher?“ De Belfort beugte sich vor und nahm den kleinen Zettel entgegen. Während sie las, fuhr sie mit dem Finger über die Schrift. Nein, dieses Zeichen hatte keine Jugendbande hinterlassen, um sich die vermeintliche Heldentat auf die Fahnen zu schreiben. Vorurteile hin oder her, dachte die Kommissarin und verbot sich ein Schmunzeln. Ein Vierzeiler mit jambischem Versmaß passte nicht ins intellektuelle Repertoire von Mitgliedern einer Straßengang.
Völlig reglos stand er dort, auf der Anhöhe, dicht bei den mächtigen Mauern des Palais de Chaillot. Eine kleine Ewigkeit verharrte er nun schon so, ohne die geringste Bewegung. Doch dann, wie auf ein unsichtbares Kommando hin, hob er langsam ein Fernglas vor die Augen. Die starken Gläser fingen für den Bruchteil einer Sekunde das Mondlicht ein, bevor sie auf die Szenerie gerichtet wurden, die sich einige hundert Meter weiter unten abspielte. Aufgeregt blinkende Blaulichter, ernste Gesichter, eine Bahre gleich neben dem Wagen eines Bestattungsinstitutes. Er bewegte das Glas ein wenig weiter nach rechts. Eine attraktive, dunkelhaarige Frau erschien in seinem Blickfeld und für einen kurzen Moment erschrak er über ihre plötzliche Nähe. Sie hielt ein Stück Papier in der Hand und schien zu lesen.
Gestohlen hast, mit wilder Gier Nicht nur der Fremden Hab und Gut Den Glauben, Liebe, nahmst Du mir Und kommt der Tag, versiegt Dein Blut
Seine Lippen formten die Worte lautlos. Dann lächelte er, ließ das Fernglas sinken und stieg den Weg zur Avenue Paul Doumer hinauf.
Hinter dem Eiffelturm ging die Sonne auf.
Quai des Orfèvres, 1. Arrondissement
„Die Chefin schickt dich alleine da raus?“
Leutnant Sébastien Malbert schlug einen mitfühlenden Ton an, doch sein spöttischer Gesichtsausdruck sprach eine ganz andere Sprache. Grinsend lehnte er in seinem Bürostuhl, seine Beine lässig übereinandergeschlagen und auf dem kleinen Stahlcontainer ausgestreckt, der direkt neben seinem Schreibtisch stand. Teure Schuhe, dachte Perrec und musterte seinen Teamkollegen. Überhaupt schien Malbert einen anspruchsvollen Geschmack zu haben. Das Hemd zierte eine Stickerei, die auf ein bekanntes amerikanisches Label hinwies und seine Uhr mit dem extrabreiten Stahlarmband hatte sicher ihren Preis. Wie zum Beweis blitzten die Diamanten auf dem Ziffernblatt in der Sonne, als er sich mit der Hand durch die gegelten schwarzen Haare fuhr. Eine goldgeränderte Fliegerbrille der Marke Ray-Ban komplettierte das Outfit. Für Perrecs Geschmack etwas zu dick aufgetragen. Der Inspektor war kein Freund von zu schnellen Urteilen, was den Charakter seiner Mitmenschen anging. Dennoch hatte er sich schon ein Leben lang auf seinen Instinkt verlassen können, und was seinen Kollegen anbetraf, so hatte er sich in den letzten Tagen eine Meinung gebildet: Malbert war ein Angeber. Leidenschaftliches Engagement und herausragende Menschenkenntnis, das sind die Attribute, die unseren lieben Loïc in ganz besonderem Maße auszeichnen! Das hatte sein ehemaliger Vorgesetzter in der Dienststelle von Perros-Guirec in seiner Abschiedsrede für den scheidenden Leutnant Perrec geschmettert und dabei sein Glas erhoben. Perrec musste lächeln, als er daran dachte, und prompt deutete Sébastien Malbert die Regung seines Gesichtes falsch.
„Da lacht er, der Bretone!“ Mit einem Ruck stellte er beide Füße auf den Boden. „Lass es dir von einem Experten wie mir gesagt sein, Kumpel, die Banlieue ist nur was für die ganz Harten unter uns.“
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