Foto: Nishat Bagh
Schließlich gelangt man nach wenigen Kilometern zum Garten Chashma Shahi, der im Jahr 1632 unter Shahjahan errichtet, aber in jüngster Zeit restrukturiert wurde. Unweit des ehemaligen Gartenpalastes Pari Mahal sowie des Maharaja-Palastes, fünf Kilometer außerhalb von Srinagars Dal Gate gelegen, ist Chashma Shahi eine vergleichsweise kleinflächige Gartenanlage, die von einem Berghang aus den Blick auf den Dal-See erlaubt. Der Garten besteht aus drei Terrassen, die einen Höhenunterschied von jeweils gut fünf Metern zueinander aufweisen. Dem Muster persischer Gartenarchitektur folgend, verläuft auch hier eine zentrale Wasserachse von oben nach unten, wobei der Kanal aus einer Quelle am obersten Punkt des Gartens gespeist wird, die „für ihr sauberes, bekömmliches und kaltes Wasser“ (Wakhlu 2005) bekannt ist. Auf jeder der drei Ebenen befindet sich in zentraler Position ein Wasserbassin, durch das der Kanal hindurchführt, bevor er auf die nächsttiefer gelegene Etage hinunter geleitet wird. Keine riesigen Platanen bestimmen das Erscheinungsbild dieses Gartens, vielmehr ist es die schiere Lage hoch über dem See und in gewisser Weise in den Berg integriert, die für eine spektakuläre Szenerie sorgt.
Foto: Blick von der obersten Terrasse des Nishat Bagh.
Es existierten zweifelsohne noch eine ganze Reihe so genannter „Mogulgärten“, die im Verlauf dieser Dynastie errichtet wurden; manche von ihnen waren öffentlich zugänglich, andere dem jeweiligen Herrscher oder seinen Ministern vorbehalten. Sie alle dienten mehreren Zwecken, bezeugten jedoch in erster Linie Präsenz und Machtanspruch der Herrscher. Es waren jedoch die oben beschriebenen Gärten, die sich durch ihre aufwendigen Anlagen und teils spektakulären Panorama-Aussichten vom Gros der Gartenanlagen abhoben. So hielten die Herrscher in den Gärten Nishat und Shalimar während ihrer Anwesenheit in Kaschmir regelmäßig Hof, empfingen Untertanen, Abgesandte und Beamte - führten ihre Regierungsgeschäfte. Sie schufen für sich, ihr politisches Amt und in Teilen auch für die Menschen Kaschmirs kleine Paradiese, die von der Perfektion göttlicher Schöpfung und herrschaftlicher Allmacht kündeten.
Foto: Gebet auf dem Wasser
Foto: Gebet auf dem Idgah
Foto: Männer beten auf dem Idgah in Srinagar
2.1. Sufistische Praxis in Kaschmir
Gelebte Überzeugung von Nächstenliebe und Gastfreundschaft
Volksreligiöse Werte und moralische Handlungsnormen im Kaschmir-Tal „Wer einen Menschen tötet, der tötet Gott“, klärt mich Mohammed Sultan Baba kurz und bündig auf, während wir miteinander Tee trinken. Hinter dieser vergleichsweise nüchternen Erkenntnis steht die Überzeugung, dass Gott jetzt und hier in allen Dingen und Lebewesen präsent ist. Mystiker aller Religionen haben diese Überzeugung zur Grundlage ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens gemacht, aber in Kaschmir entwickelte sich während des Mittelalters eine religionsübergreifende Form des Mystizismus, bestehend aus islamischen, hinduistischen und buddhistischen Elementen. Deren Hauptprotagonisten - Lal Ded und Skeikh Nooruddin Noorani (ca. 1378 bis 1438) – führen die schier endlose Reihe an Rishis, Babas (heiligen Männern) und Pirs (individuellen geistigen Mentoren) verschiedener Sufi-Tarekhas (Bruderschaften) an, und sie sind auch heute noch maßgebliche Vorbilder einer volksreligiös höchst aktiven Bevölkerung. Ihre grundsätzliche Einstellung besagt: Liebe Gott, respektiere jeden Menschen, begehe keine Gewalt- allen aktuellen Ereignissen in Kaschmir zum Trotz.
Foto: Ein Mann verkauft Fotos bekannter Sufi-Heiliger.
Dabei war es vielleicht kein Zufall, dass sich ausgerechnet im vergleichsweise kleinen Kaschmir der Sufismus zu einer der tragenden Säulen kultureller Identität entwickeln konnte. Schließlich konnte die Region bereits zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts auf eine Jahrtausende alte Tradition religiöser Gelehrsamkeit, aber auch der Kämpfe und der Intoleranz zurückblicken. Buddhisten, Hindus und Muslime in Kaschmir, sie alle besaßen beizeiten Mitglieder in ihren Gemeinschaften, die dem Mysterium des Menschseins und der göttlichen Bestimmung tiefer auf den Grund gehen wollten, als es die zeitgenössischen Schriften taten. Konfrontiert mit der Machtgier, dem Prunk und der Korrumpierbarkeit der jeweiligen Herrscher einerseits sowie der Armut und Hilflosigkeit der einfachen Menschen andererseits, suchten diese Mystiker nach Erklärungen für den jeweiligen Status Quo. Sie überschritten bestehende religiöse und gesellschaftliche Grenzen, um Missstände aufzuzeigen. Sie wählten poetische und prosaische Formen, um die Herzen der Menschen zu erreichen. Sie schufen eine Tradition, die Gott nicht als unerreichbares Phänomen im Himmel betrachtet, sondern vielmehr als äußerst lebendigen und aktiven Aspekt menschlichen Daseins. Durch die tatsächliche Präsenz Gottes in jedem Menschen wurde der Mensch selbst quasi göttlich.
Es muss für die Meister des Glaubens mit dieser Überzeugung ein kaum erträglicher Schmerz gewesen sein, ihre Umwelt voller Gewalt, Hunger und Korruption wahrzunehmen, aber es existierte ja eine Möglichkeit, diesem Pfad zu entrinnen. Die Bedingung hierfür lag nach Meinung der Rishis, Babas und Pirs in bedingungsloser Hingabe zu Gott und seinen Geboten. Nicht materielle Werte sollten den Menschen zum Handeln anleiten, sondern vielmehr das Versprechen der spirituellen Einheit mit Gott. Nicht die Macht der Armeen sollte die Herrscher auszeichnen, sondern ihre Pietät und Gerechtigkeit gegenüber Jedermann. Waren es bis zur Durchsetzung des Islam in Kaschmir ab dem 14. Jahrhundert n. Chr. hauptsächlich hinduistische Sadhus und buddhistische Mönche gewesen, die den Pfad der Entsagung und der Askese für sich und ihr Seelenheil gewählt hatten, so existierten etwa ab dem 15. Jahrhundert n. Chr. zeitweise Mystiker beider großen Religionen zeitgleich neben- und miteinander. Tatsächlich war der Prozess der „Islamisierung“ Kaschmirs (nicht nur des Tals) ein schleichender. Bereits ab dem 8. Jahrhundert nahmen die ersten Muslime zunehmend wichtige Stellen in der Militärhierarchie des Landes ein. Um 1320 n. Chr. konvertierte der buddhistische Herrscher Rinchana Sadr-ut-Din zum Islam. Schließlich erreichte Mir Sayyid Ali Hamadani (Shah-i-Hamadan) um 1384 das Kaschmir-Tal und sorgte mit seinen Anhängern für eine flächendeckende Durchsetzung islamischer Werte (vgl. Wani 2005). Obwohl unterschiedlichen Glaubens, blickten die Mystiker auf eine gemeinsame volksreligiöse Tradition im Kaschmir-Tal zurück, die sie selbst in ihrem Denken und Streben beeinflusst hatte. Vielleicht war es kein Wunder, dass der Sufismus im Kaschmir-Tal eine solch starke Stellung einnehmen konnte wie in kaum einer anderen Region Südasiens. So besitzt wohl die Mehrheit der Bevölkerung eine persönliche Verbindung zum Mystizismus: Entweder durch einen Pir, einen persönlichen spirituellen Lehrer, oder durch eine religiöse Bindung an einen der zahlreichen Schreine, die mit berühmten Sufi-Meistern assoziiert werden.
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