Im Winter 1945 wurden die Verpflegungslage und auch der Gesundheitszustand meiner Mutter immer schlechter.
Opa war immer noch als Bahnschirrmeister tätig. Manchmal fuhren mit der Rootsdampflok auch große Reichsbahn-Personenzuganhänger ins Industriegebiet, vermutlich nur zwischengelagert um dann wieder neu zusammengestellt zu werden. In diesen Waggons befanden sich wie man heute weiß die Vertriebenen aus den Ostgebieten, um dann in Deutschland weiter verteilt zu werden. Für mich sind da zwei Erinnerungen haften geblieben. Einmal die Tatsache, dass diese Menschen Brötchen und Wurst in den Händen hielten, was für uns wie Paradies aussah, aber unerreichbar, da die Türen geschlossen blieben. Andererseits aber auch ein Mann der so fürchterlich laut weinte, weil er vermutlich seine Liebsten auf ewig verloren hatte. Wir Kinder hatten keinerlei Verständnis für die Hintergründe und machten uns noch über diesen weinerlichen Singsang lustig.
Da nun der Hunger zum Alltag gehörte und mein Bruder es geschafft hatte den kleinen Vorratsschrank zu knacken, in dem die Reste der Arsenal-Plünderung aufbewahrt wurden, gab es großen Ärger. Mutter war nun bettlägerisch geworden und auch Oma hatte inzwischen derart angeschwollene Beine, das sie nur noch schwer laufen konnte. Aber sie hatte tapfer meine Mutter gepflegt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als kleiner Bub vor diesem Vorratsschrank Wache gehalten habe, um meinen Bruder daran zu hindern sich nochmals zu bedienen. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder war natürlich kräftiger und hat mir Ohrfeigen gegeben. Was blieb mir anderes übrig als zu petzen, was wiederum Prügel von Opa für meinen Bruder bedeutete. Kein gutes Omen.
Ein anderes für mich sehr peinliches Ereignis aus dieser Zeit ist auch unvergessen geblieben. Eines Nachts träumte ich, dass ich vor einem Pollerstein stehen würde, an dem ich manchmal tagsüber pinkelte. Als ich morgens wach wurde - war das Bett nass - das war das erste und letzte Mal in meinem Leben das mir so etwas passierte.
Ein anderes ähnlich gelagertes Beispiel war mir auch peinlich. Als ich nahe dem Haus auf dem Fußweg lief und Dampflok spielte, sahen mich zwei Mädchen kommen, ließen ihre Schlüpfer herunter, nahmen die Röcke hoch, begaben sich in Positur, um mir zu zeigen, dass auch sie eine Parabel pinkeln können.
Auch eine Form der Emanzipation, die ich damals nicht verstand.
Leider sind in Kriegs- und Nachkriegszeiten die Sitten teilweise entgleist und verroht. Wie immer wurde in der Clique agiert und eines Tages näherte ich mich einem großen Stück eines Steinabflussrohres, welches so groß war, dass ein kleiner Bub darin stehen konnte. Ich hörte darin Stimmen und war natürlich neugierig was da wohl vor sich ging. Zu meinem großen Erstaunen sah ich ein etwa 9 oder 10 Jahre altes Mädchen nackt auf dem Rücken liegen und Jungens machten sich an ihr zu schaffen. Nach einer gewissen Zeit wurde ich aufgefordert es doch auch mal zu probieren – was natürlich absolut unmöglich war. Nach vielen Jahrzehnten habe ich mal meinen Bruder gefragt, ob er sich an diese Szene erinnern kann und er bejahte dies. Sogar den Vornamen des Mädchens wusste er noch. Wahrscheinlich hatte man sie in dieser Zeit des Hungers mit Lebensmitteln gefügig gemacht, denn nach brachialem Zwang sah das nicht aus, anders ist dies kaum zu erklären.
An einem anderen Tag im Herbst 1945 spielte ich auf der so genannten „Atlasruhe“, einem riesigen Sandberg den es heutzutage nicht mehr gibt. Plötzlich tauchten zwei etwa 14 Jahre alte Mädchen auf. Die waren auf Randale aus, denn sie zerstörten sofort meine Sand-Bauwerke und attackierten mich mit bösen Worten. Als Junge meint man ja sich gegen das Weibsvolk wehren zu können…. Da beide aber wesentlich älter und stärker waren, verabreichten sie mir eine gehörige Tracht Prügel. Dass ich danach bitterlich vor Schmerz, Wut und Scham weinte ist nur allzu verständlich.
Bei einer weiteren Begebenheit in der Nähe der Atlasruhe unter der Unterführung der Betriebsbahn war ich Augenzeuge. Im Rahmen der Reparationsleistungen die das besiegte Deutschland an Russland zu erbringen hatte wurden Industrieanlagen, lange Gleisanlagen der Reichsbahn und andere nützliche, dem Sieger dienende Werte, wie etwa auch komplette Chemieanlagen, nach Russland gebracht. Wie ich später erfuhr, wurde teilweise dieses Beutegut nicht einmal genutzt. So demontierten die Russen auch die Turbinenfabrik im Industriegelände. Ich sah wie auf einem Pferdewagen sehr schweres Industriegerät transportiert wurde. Zwei Gäule waren von den Russen vorgespannt worden. Auf der abschüssigen Strecke unter die Unterführung hatten wohl die Bremsen wegen der großen Last nicht ausreichend wirken können und das schwere Gefährt raste in die Gäule hinein, die diese Geschwindigkeit nicht mithalten konnten. Aufmerksam wurde ich durch die qualvollen und lauten Schreie der Pferde deren Hinterteile zerschmettert waren. Ziemlich ungerührt zückte einer der Russen seine Pistole und erschoss beide Pferde. Für mich war das damals derart erschütternd zu sehen, dass ich es lange nicht vergessen konnte. Das Erschießen war jedoch ein schnelles Ende der Qual für die Pferde, was ich damals nicht verstand.
Das Jahr 1945 neigte sich dem Ende zu und die Lebensmittelrationen pro Tag wurden immer kleiner. Hunger wurde nun unser ständiger Begleiter. Was auch immer häufiger vorkam waren unvermittelte Stromabschaltungen. Plötzlich saß die Familie im Finstern und bei einer derartigen Gelegenheit, der Hunger war allgegenwärtig, meinte Großvater, dass wir noch eine Keksdose aus den Arsenalvorräten hätten und wir doch diese Kekse jetzt als Abendbrot essen könnten. Gesagt getan und die Kekse wurden im Dunklen verteilt, denn inzwischen waren auch die Wachskerzen ausgegangen. Ach war das köstlich - ein leichter Geschmack nach Mohn war diesen Keksen eigen. Plötzlich ging das Licht wieder an und oh Schreck was wir da sahen war äußerst lebendig, denn die Kekse hatten ein madiges Innenleben. Es waren nur noch 2 Kekse übrig, die aus Ekel nicht verzehrt worden sind. Eine gewisse Eiweißportion hatte nun ein jeder doch hinunter geschluckt.
So hat auch ein Stromausfall sein Gutes.
Das Jahr 1946 begann gar nicht gut. Meiner Mutter ging es immer schlechter und im Februar 1946 wurde sie ins Krankenhaus gebracht. Am 27.02.46 ist sie dort verstorben. Nun waren wir Geschwister Vollwaisen. An das Begräbnis auf dem Garnisonsfriedhof kann ich mich noch erinnern und auch daran, dass ich bitterlich weinte und mich gar nicht mehr beruhigte. Nächtelang träumte ich von meiner Mama, aber es waren leider nur Träume. Doch das Leben ging unerbittlich weiter und so richtig bewusst ist einem 5-jährigen Jungen die volle Tragweite dieses Verlustes noch nicht.
Einer aus der Clique hieß Horst und sein Vater muss schon etwas vermögend gewesen sein, denn er hatte ein Haus mit einem großen Garten dran. In diesem Garten waren Gleise einer Märklinbahn größeren Ausmaßes verlegt und die Lok sowie Anhänger waren so groß, dass ich mich auf einen dieser Waggons hätte setzen können. Alles aus gediegenem Blech naturgetreu dargestellt, das war schon etwas Besonderes. Und im Haus auf dem Boden hatte er eine riesige Modellplatte, auf der eine H0 – Märklinbahn - Anlage aufgebaut war. Sowas hatte ich noch nie gesehen, da die Lokomotiven elektrisch angetrieben waren und ohne Aufzugsfeder fuhren. Doch plötzlich ließ Horst B. lautstark einen Wind wehen, der so intensiv war, dass es nicht zum aushalten war, als wäre Giftgas abgelassen worden. Fluchtartig verließen alle Jungs den Dachboden.
Da mein Großvater arbeiten musste, meine Großmutter auch erkrankt war und kaum laufen konnte, mein Bruder zur Schule zu gehen hatte und auch nicht sehr vertrauenswürdig war, musste ich als kleiner Bub im bitterkalten Winter jedes Mal zum Einkauf der spärlichen Naturalien wie etwa Magermilch oder Brot einen langen Weg zu Fuß bis auf den Nordplatz zur Heerstraße laufen, da es im Industriegelände keinerlei Geschäfte gab. Für die Milch musste eine leere Henkelkanne mitgenommen werden, die in einem Beutel im leeren Zustand getragen wurde. Gegen die Kälte und zum Schutz der Hände bekam ich einen Muff. Der war mit Fell gefüttert und von beiden Seiten führte man die Hände hinein, damit diese nicht erfroren. Am Arm baumelte dann der Beutel. Der Hinweg ging einigermaßen, aber wenn man dann Milch in der Kanne hatte, musste diese am Henkel getragen werden und da konnte die Tragehand leider nicht in den Muff gesteckt werden. Nach ganz kurzer Zeit musste man ständig wechseln und so richtig warm wurde auch die im Muff steckende Hand nicht, weil ja eine Seite offen war. Was habe ich vor Kälte geheult, immer wieder anhalten müssen, um die Hände zu massieren, damit wieder Blut in den Adern fließt, was jedes Mal schmerzhaft war wenn man dies geschafft hatte, aber notwendig, damit die Hand nicht erfriert.
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