X
Grosz flanierte durch die Straßen, es war Nacht geworden, um den Kopf freizumachen, wie einen Brief. Er ging auf einen Aquavit in eine Bierhalle, kam erfrischt, da es vier geworden waren, zurück und brachte dem Bettlerkrüppel vor der Eingangstür eine Flasche Bier mit nach draußen. Heute war der Abend spendabel, das könnte morgen wieder anders sein. Es begann wieder zu regnen. Er setzte sich unter eine vergessene Marquise, ließ die Welt in sich hinein, zwickte ein batteriebetriebenes Glühlämpchen auf dem Schirm seiner Schiebermütze fest, wie einst van Gogh seine Nachtportraits zu malen wusste, mit Kerzen auf seinem Hut – und zeichnete ein wenig, vergaß die Zeit.
Als der Himmel allmählich wieder aufzog beschloss er seinem Freund Wieland Herzfelde einen Besuch im Verlag abzustatten. Der Balldada von letzter Nacht, der immer arbeitete. Ein kleiner Besuch, um etwas zu plaudern, auch etwas Ehrliches zu trinken und vielleicht auch um etwas zu planen. Ein langer Weg, immer geradeaus, sein Kopf viel ihm in den Nacken. Keine Leuchte brannte über den Straßen, die Elektrizitätswerke streikten wiedermal und die Lichtkugel über der Stadt war ausgeknipst, auch die an der Schiebermütze. Der Sternenhimmel rauschte klar, warf silbernen Schimmer über den absonnigen Erdteil und perlte auf den nassen Pflastersteinen zurück. Er schaute nach oben hinaus, in das Lichtorchester der Nacht, dem Universum ins Gesicht. Gigantisch glotzte es in ihn zurück. Er machte Sternbilder aus und fragte sich, wie viele Jahre wohl schon zwischen ihnen lägen, den Sternen und den Erdlingen. Dieses rege Treiben in hiesigen Straßen und das ewige Glühen dort oben. Dieses ewige Nichts, diese unendliche Fülle. Alles leer und voll zugleich. Nichts hat eine Eigenschaft, denn es ist alle Eigenschaften. Es lohnt sich kein Gedanke daran, denn es ist alle Gedanken. Umhergeschleuderte Sonnen und ihre abgebrochenen Monde flogen in die Ewigkeit einer Kettenreaktion unbekannter Unbekannte um sich herum. Genauso wie hier unten. Dort, wo das Selbst ist und bleiben muss, die Kreatur, das Eine in Allem, ist etwas, eines, aber mehr auch nicht. Man wird es vielleicht eines Tages ermessen können, aber niemals erraten. Das Ereignis der wahren Natur ist für die menschliche Wahrnehmung zu langsam, oder zu schnell, um es zu verstehen. Und aus der Not dessen, aus dem Bedürfnis mehr zu sein als nur das Eine aus einem Zufall im All, aus dieser Not töpferten sich einst die Menschen ihre Götter zusammen. Und dann hatte man den Salat. Sie gaben viele Fragen auf, aber niemals Antworten, diese Sterne und diese Wunder. Er blieb stehen, mit beiden Beinen auf dem Boden gravitiert, in Ort und Zeit versetzt, in unendlicher Umrundung aus unerfindlichen Gründen auf den Planeten geklebt. Die Welt, nur ein Ort, das Leben, nur eine Zeit. Was bleibt einem schon übrig, als weiter zu ziehen, sich vorwärts zu tasten, auf- und unterzugehen wie die Sternenbilder. In solchen Momenten, wo der Nachthimmel rund und das Herz weit wird, fühlt sich der Mensch, fern ab jeder Beschreibung, inmitten der Absurdität des Seins.
Er schlenderte weiter, mit dem Hirn im Äther und Sternen in den Augen, dann bekam er einen Stoß vor die Brust und landete in der Realität. Ein Laternenmast hatte ihn gebremst, gut getarnt im finsteren Nachtschatten. Das perfekte Relief für einen notorischen Tollpatsch wie ihn. Die aktiven Ratten quiekten einen unerhört lauten Nachtgesang, die Hunde waren knurrend auf der Jagd nach fetten Leckerbissen und rasselten an Grosz‘ Beinen vorbei. Der Planet machte ihn mit akuter Physik wieder auf sich aufmerksam, seine Gravität war ihm sein beständiges Werkzeug. Da war er wieder, umging die Nicht-Leuchte und nahm seinen Weg auf.
Oben im Dachgeschoss brannten noch Kerzen, echte Kerzen, in einer vergleichsweise winzigen Mansarde. Er ging das Treppenhaus hinauf, stolperte einmal. In den Wohnungen löschte man die Öfen, darum roch es in den Fluren nach kalter Kohle. Oben angekommen öffnete er die Tür mit der Aufschrift über dem Klingelknopf: »Malik-Verlag. Jedermann sein eigener Fußball.« Darüber das Firmenemblem, das er vor einer Weile entworfen hatte, eine etwas dadaistisch anmutende Buchstabenkonstellation, ins Abstrakte abgleitend. Auf keinen Fall aber abstrakt!
Herzfelde saß an seinem Schreibtisch und sortierte vollgekritzelte Korrekturfahnen. Texte, Essays, Gedichte, Zeichnungen, Collagen, alles, was man zu Papier bringen konnte. Das bimmeln des Glöckchens schien ihn nicht aus seinem Fokus zu lösen. Der Raum war wie ein großes Wohnzimmer eingerichtet, oder wie eine Lobby eines guten Hotels. Sofas standen in der Mitte um einen Tisch herum auf einem blau-rot-weißen Stickteppich, Wände gab es nicht, nur volle Bücherregale, viele Hefte. An der Rückseite führten zwei lange Stufen zu einer Anhöhe, auf dem ein Schreibtisch stand an dem Wieland saß und sich in Papier vergrub.
»N’Abend Wiz«, sagte Grosz und schloss die Tür hinter sich, nahm seinen Mantel und warf ihn auf eine Sessellehne.
»Guten, George, warte«, sagte Herzfelde, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
»Gelungener Abend gestern, Herr Balldada.«
»Ein Schritt in die richtige Richtung. Setz dich, mach es dir bequem, arbeite ein wenig. Ich muss hier noch ein paar Dinge redigieren.« Seine konzentrierten Augäpfel rollten in konzentrischen Kreisen über seine Papierstapel. Er blätterte, faltete, beschrieb und war ganz und gar in Buchstaben vertieft. Grosz ließ sich also auf sein Lieblingssofa in seine angestammte Sitzkuhle fallen, zog einen Stift aus seinem Gürtel, nahm sich einen Block vom Couchtisch und kritzelte, wie er es in letzter Zeit immer öfter tat, locker aus der Hose heraus und einfach drauf los. Das Kratzen seiner Mine auf dem Papier war neben dem Rascheln von Herzfelde das einzige Geräusch im Laden. Der Stift zog laute Striche in regelmäßiger Abfolge wie Klopfzeichen. Lang, kurz, kurz; kurz, lang; lang, kurz, kurz; kurz, lang. Plötzlich guckte Herzfelde aus seinem Blättergewühl auf wie ein Erdmännchen.
»Dada«, sagte er und Grosz blickte ebenso fragend auf.
»Hast du was gesagt?«
»Dada. Lang, kurz, kurz; kurz, lang; lang, kurz, kurz; kurz, lang. Das sind Morsezeichen. Und sie bedeuten D-A-D-A. Dada. Du weißt, ich war Funker, ich höre so etwas. Machst du das mit Absicht?«
»Ich verstehe kein Morsisch.«
»An was arbeitest du?«
Grosz nahm seinen Entwurf hoch der genauso gut als Endpräsentation hätte dienen können.
»Ich porträtiere dich, Wiz«, sagte Grosz. »Ich zeichne einen Privatverleger, der mit Leibeskräften versucht auf das Großkapital zu kacken. Hier in der Hocke – das bist du.«
»Und was ist das da unter mir?«
»Das ist der Papst.«
»Aha. Und das da?«
»Das ist Hindenburg. Und das da, das soll Martin Luther sein.«
»Luther, aha, warum nicht.«
»Ich glaube, ich nenne es den ›Heiligen Stuhl‹.«
Herzfelde neigte den Kopf und zog seine leichten Stirnfältchen grüblerisch gegeneinander.
»Klingt gut«, resultierte er, beendete die Bedenkzeit und machte sich weiter an seinen Korrekturfahnen zu schaffen. Lang, kurz, kurz; kurz, lang; lang, kurz, kurz; kurz, lang.
Auf einmal stand er auf, klopfte einen Stapel zusammen, schlug ihn kantwärts zweimal auf die Tischplatte und legte ihn auf einen weiteren Stapel.
»George, komm her, sieh dir das an.«
Grosz legte sein Zeichenzeug beiseite, ging die zwei Stufen hinauf, trat an den Schreibtisch und sah eine anarchische Zusammenstellung von Schriftwerk, einige seiner Bilder, jede Menge ausgefüllte Notizzettel, welche des Öfteren schon zerknüllt und wieder aufgefaltet waren.
»Was soll ich sehen?«, fragte er. »Sieht nach Chaos aus.«
»Chaos ist der Ursprung aller Hierarchie«, postulierte Herzfelde. »Information, George, Information. Zuerst die Funktion, dann die Form, dann die Kunst, dann die Ordnung – Information.«
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