Ein frischer, gräulicher Morgennebel durchwehte die Straßenschluchten. Es war früh. Kollwitz ging vorbei am Denkmal des vergessenen Kriegers und rieb sich den Sand des Schlafes aus den Augen. Eine Traube von knöchrigen Menschen hatte sich vor dem Bronzesoldaten versammelt, eine Gulaschkanone hatte sich zu seinen Füßen postiert. Befeuert wurde der Topf mit dem eisernen Hindenburg, der mittlerweile zu sechsundzwanzig Tonnen Brennholz umfunktioniert worden war. Sie passierte das Spreeufer, an dem sie gestern noch in Erinnerungen schwelgte. Dort standen nun die schwitzigen Schwarzhändler und Hehler, die einem ihre Angebote zuflüsterten. Brotkarten, Fleischsiegel, Gemüsemarken, Spezialbürgerpässe, alles eigenartige Produkte der Umstände, alles notwendig, alles eine Frage des Preises. Sie kaufte eine Gemüsemarke und entschied sich für den gleichen Weg wie am Vorabend. Dort angekommen stellte sie sich ans Ende der Warteschlange, welche sich um zwei Häuserecken schlang und sich kaum bewegte. »Das Wassergemüse, wenn’s geht«, hatte Karl gerade eben noch gesagt. »Wenn’s geht, das Wassergemüse.« Sie nickte zu sich selbst. Karl wusste als Arzt schließlich wo die Vitamine versteckt waren. Karl hatte letztlich immer recht.
Drei Stunden Dauer hatte sie für die Lebensmittelausgabe einkalkuliert. Sie durfte also ruhig die Zeit vergessen. Wie selig ihr das Warten war, wo nur ein trockener Laib Brot, ein karges Netz pflaumengroßer Kartoffeln und etwas Wassergemüse die Erwartung stopfte. Nicht viel, doch das war Berlin. Darbender Hunger und existenzielle Wohnungsnot lag wie ein Unstern über der Stadt. Klamme Familien bewohnten Lauben und Blechverschläge, Arme kämpften mit Ärmeren um Lumpen. Manche Kinder trugen nicht einmal Schuhe, die meisten wussten nicht wie Milch schmeckt. Geistige Wirre, Kleinwuchs und Verschleiß durch Entbehrung war in ihren Gesichterchen vorauszusehen. Lange und tief hatten sie in die Schluchten und Abgründe geblickt; lange und tief hatten die Abgründe in sie zurückgestarrt. In ihren Mägen lagen die Canyons leerer Meere. Ihre Augen waren einer inneren Finsternis angepasst, Nahrungsmangel bremste ihren Spieltrieb. Die Kalamität der Erwachsenen traf vor allem ihre Erben. Im Bestattungsinstitut neben der Lebensmittelausgabe lagen kurze Särge zum Sonderpreis aus. Wenn Kinder sterben, denkt man instinktiv an etwas Anderes.
Die Neuankömmlinge am Schlangenschwanz begrüßten sich verheißungsvoll, auf dass es an diesem Tage zügiger vorwärtsgehen mochte. Der Triumph der Hoffnung über die gestrige und vorgestrige Erfahrung. Die lange Ausgestandenen vor der Türe wirkten nicht mehr allzu frisch, das Warten war ihnen wieder mal zäh geworden. Kollwitz knitterte ihre Essensmarke, streckte ihr Kreuz und sah in sich hinein. Sie dachte an Hans und seine Frau Otty, sie erwarteten ein Kind, bald würde es soweit sein. O je, ein Kind in die Welt zu setzen, zu einer Zeit, in der Kinder sterben. Wie sie dem Kind all die schweren Kapitel ihrer Generation mitgeben würden, auf dass er oder sie es eines Tages besser mache, so wie es ihre Generation schon nicht besser gemacht hatte. Sie konnten nichts für all das Elend, das ihnen angetan wurde. Die Unschuldigen fühlen sich immer schuldig, die Schuldigen zeigen niemals Reue.
Die Schlange schob sie weiter nach vorne, viele kleine Tippelschritte waren abgeschlürft, so dass sie sich schon in der Mitte der Kolonne schätzte. Die Sonne drückte sich aus der Bewölkung heraus und die nasse Kälte des Morgens verschwand allmählich von der Haut. Sie sah sich um und beobachtete die Gasriecher, die beflissen ihrer Arbeit nachgingen, wo sie noch eine hatten. Sie klopften ihre Riechstäbe in die Böden und schnupperten, ob da nicht doch noch irgendwo etwas Gas leckte. Doch es gab nichts zu erschnüffeln, die Kraftwerke streikten schon seit zwei Wochen, dennoch schienen sie beschäftigt und ungestört. Denn ohne Beschäftigung kein Lohn. Man tut, was man soll, wenn dieser jemand, der einen bezahlt, nichts sagt. Am nahen Ende der Straße tat sich ein kleiner Stadtpark auf und dort sah sie einen amerikanischen Gentleman, oder das, was man sich darunter vorstellte, auf einer Bank platznehmen und einen Block aufschlagen. Er fing an zu zeichnen und es schien, als hätte er die Warteschlange als sein Motiv gewählt. Sein Aufblicken wirkte konzentriert, sein Kohlestift bewegte sich vital. Durch und durch ein Zeichner, konnotierte Kollwitz. Überrascht stellte sie fest, dass sie ihn wiedererkannte. Es war der Propagandadada vom gestrigen Abend, doch erinnerte sie sich nicht mehr an seinen Namen. Etwas Unaussprechliches mit einem »G« zu Anfang und mit einem »SZ« am Schluss. Ein slawischer Name vielleicht, vielleicht polnisch. O, wie hatte dieser junge Mann am Vorabend noch die Urteile und Widersprüche in den Köpfen der Zuschauer durcheinandergewirbelt. Wo wachsen noch solche Wilden heran? Doch wirkte er wenig wild an diesem Vormittag, so fokussiert auf seine Arbeit. Sie wollte zu ihm hinübergehen, doch die durchsichtige, aber nicht durchbrechbare Glaswand vor der Warteschlange hielt sie ab. Eine geschlagene Stunde stand sie schon, oder mehr. Ein zu großes Opfer für ein kurzweiliges Kompliment.
Der Künstler blickte wieder auf und begutachtete seine Vorlage. Er schien Kollwitz erkannt zu haben und grüßte sie mit offener Handfläche. Sie grüßte lächelnd zurück und wandte ihren Blick ab, wohl wissend die Glaswand nicht durchdringen zu können. Als sie vorsichtig zurückblinzelte bemerkte sie, wie der Künstler aufgestanden war und über die Straße kam.
»Frau Kollwitz, es freut mich Sie zu treffen, ich habe Sie gestern bei der Messe gesehen, hat es Ihnen zugesagt?«, fragte Grosz.
»Oh ja«, sagte Kollwitz erfreut darüber, ihr Kompliment doch noch loswerden zu können. »Das war mal was Neues. Komödie in Spiegelschrift will ich meinen. Die Arbeiten in der Ausstellung, die sind von Ihnen? Das Wintermärchen meine ich im Besonderen. Sie sind Maler?«
»Ganz und gar«, sagte Grosz.
»Nun, Herr …, wie spricht man Sie aus?«
»Grosz. George Grosz.«
»Herr Grosz, ein polnischer Name?«
»Ein umgedichteter Name aus ›Groß‹. Damit er auch auf Englisch ausgesprochen werden kann. Zudem ist dies meine Kritik an den Gott-strafe-England-Parolen, wie sie hier und da gesungen werden und papageienartig durchkonjugiert werden. Dem will ich widersprechen. Ich bin international, müssen Sie wissen.«
»Ihre Arbeiten sind scharf, wie mit einem Messer geschlitzt«, sagte sie und zeigte auf seine Mappe.
»Die Schärfe ist wichtig – die Stumpfheit ist das Einzige, was wir derzeit im Überfluss besitzen. Es muss schmerzen wo es nicht kitzeln soll.«
»Lassen Sie doch mal sehen, an was haben Sie gerade gearbeitet haben.«
Grosz öffnete seinen Block und hielt das Bild vor sie hin wie einem Professor an der Kunstakademie. Ebenso analytisch öffnete sie ihre Augen und suchte nach Anzeichen von Fehlgriffen und Gesamteindrücken. Der Schlangenkorpus bewegte sich und schob sie ein paar Schritte weiter.
»Sie haben tatsächlich die Wartenden gezeichnet, Herr Grosz, nichts übrig für Architektur?«
»Nein«, sagte Grosz, »ich male Menschen. In ihnen sehe ich Landschaften und Gebäude genug.«
»Natürlich«, sagte Kollwitz, »und was sehen Sie in diesen Landschaften und Gebäuden?«
»In den Landschaften sehe ich ausgefallene Ernten, schlechte Witterung, karge Böden. Nicht mehr als magere Wintermonate und dürre Sommer. Die Gebäude sind großteils eingestürzt und unbewohnt.«
Kollwitz nickte sachgemäß und nahm den Block in ihre Hände. Die Schlange schob sie wieder ein paar Schritte weiter. Sie blätterte durch.
»Wie finden Sie die Farben?«, fragte Grosz.
»Ach, Farben«, seufzte sie. »Dazu habe ich keine Meinung. Wo wurden Sie unterrichtet?«
»Kunstakademie Dresden, Frau Kollwitz.«
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