X
Kollwitz stand an den angeschlagenen Scheiben ihrer Mansarde, die Hände auf dem Rücken ineinander geschlossen, die Gesichtszüge eingefallen. Ein Ausdruck, der sich längst verfestigt hatte, ein Ausdruck wie gemeißelt. Ihre hohlen Blicke fegten über die leeren Straßen. Zeitungen tanzten wie Wüstenbüsche durch die Geisterstadt, überall lagen Müllhaufen aus abgesplittertem Putz und Sperrholz. Die wenigen Passanten liefen zügig durch das Terrain, mit den Nasen voran, Gefahr erschnuppernd, die Lauscher aufgesperrt, die Ohren ausgestreckt. Der nervenknabbernde Angsthase hoppelte wieder mal durch die Gassen und Hausflure und schabte an den Haustüren. Zeiten der Neuorientierung, Zeiten des Aufstands. Die Bäckerei gegenüber hatte erst einmal die Fensterläden zugezogen. Hans kam anklopfend durch die Tür hereingepoltert.
»Hey, Mutter, können wir los? Draußen scheint’s gerade frei zu sein.«
Sie drehte sich vom Fenster weg, löste die Hände von ihrem Rücken und öffnete ihre Handflächen.
»Mensch Söhnchen, ist eine Umarmung seiner Alten zu viel verlangt?« Sie war stets bemüht.
Ins Bewusstsein berufen kam er bereitwillig zu einer Umarmung heran. Er war hektisch und fröstelte, rieb sich die Hände und pustete in die Ballen.
»Trink doch erstmal eine Bohne«, sagte sie und deutete auf ihren Zeichentisch, auf dem eine halb abgetrunkene Kaffeetasse auf einer ihrer Zeichnungen stand.
»Mutter, bald wird’s dunkel.«
»Ist es nicht vor langer Zeit schon dunkel geworden? Alle Erinnerungen kommen mir so dunkel vor. Die Stimmen werden so dumpf, die Konturen so unscharf.« Sie setzte sich trist zur Tasse an den Tisch, befühlte sich die Stirn und sah über die gefallenen Blätter wie ein Beduine über die Dünen, wie sie kamen und verwehten. Hans ging um den Tisch herum, streifte über das Papier, besah im Schnelldurchlauf die durchwühlten Abbozzi, Kritzel- und Krakeleien von Armen und Beinen, von Körpern und Köpfen mit traurigen Gesichtsausdrücken. Fast überall erkannte er Peter, seinen kleinen, toten Bruder. Auf so vielen Skizzen das gleiche Bild. Eine trauernde Mutter hält ihr lebloses Kind. Und immer war es Peter. Und immer war es sie. Nicht ein einziger Tupfer Farbe, alles schwarz auf weiß.
»Peter wartet bestimmt noch ein bisschen.«
Wie jeden Samstag wollten sie ihn auf dem Friedhof besuchen. Sein Vater Karl konnte dieses Mal nicht mitkommen, im Krankenhaus schoben die Ärzte Doppel- und Dreifachschichten durch ihre Eingeweide, getrieben von der Notwendigkeit ihrer Arbeit. Die Schwestern wuselten wild durcheinander. Die Patienten kamen neuerdings mit Kriegswunden herein, machten schreiend auf ihre Notlage aufmerksam und das Morphium war nicht mehr auffindbar. Es war Medizin mit Hammer, Bohrer, Schraubstock und allem, nach dem man greifen konnte. Die Gasgesellschaft streikte, ebenso fielen die Brennholzlieferungen aus, die Hallen wurden kalt. Gebrochene Knochen unter frierender Haut. Das Frostbibbern löste Schmerzzustände aus die nicht selten zur Bewusstlosigkeit führten. Und Patienten die nicht mehr schrien bedeckte man mit weißen Tüchern unter denen sie dann, in Ohnmacht, erfroren. Hans kannte diese Bilder aus den Lazaretten der Kriegsfront, er wusste welchen Schrecken sein Vater nun erlebte. Er sah seine Mutter an und wünschte, er könnte sie vor dieser Kriegskrankheit beschützen, einmal ausgebrochen war sie zäher als Seuche. Kollwitz trank die Tasse aus und stellte sie zurück auf die Zeichnung, auf den Kaffeefleck der ein ruhendes Kindergesicht umkreiste.
»Na, dann.« Sie stützte sich von der Tischplatte und legte sich Mantel und Schal an. Hans flitzte zum Fenster, lugte zu beiden Seiten an die Häuserkanten und öffnete ihr die Tür. Der Boden im Treppenhaus knarzte, alles war still und schien zu horchen.
Mehltau vereiste auf den Efeublättern, die Gräber waren neu bestellt. Es kamen dieser Tage wieder mehr Besucher auf den Friedhof und trauerten frisch und bitter unter den siffbehangenen Tannen. Gedämpfte Stimmung und Nebelbänke hingen über der vom Weihwasser durchnässten Erde. Sie gingen an den Totensteinen vorbei und schauten sich um, die Verbuddelten lagen unter frisch aufgehäuftem Torf und man sah Schaufeln und Schubkarren herumstehen. Der Rasen war gemäht und die Hecken waren geschnitten in liebevoller Gärtnerarbeit, selbst im Januar. Nach vielen Totensteinen standen sie bedächtig an Peters Grab. Eigentlich war er hier nicht vergraben und eigentlich stand auf dem Stein auch ein anderer Name, doch sie handhabten es wie viele Familien: Sie suchten sich einen bestimmten Stein aus, der ihnen richtig erschien, einen Platzhalter mit einer Stellvertreterleiche, um die Trauer an irgendetwas festzumachen. Und nun starrten sie durch die Blumenerde herab auf ihren kleinen Bruder, ihren Sohn. Obgleich seine wirklichen Gebeine irgendwo in Belgien verscharrt lagen, malte sich Kollwitz zu ihm herunter in die Erde, um ihn noch einmal zu halten, im Schatten.
Schlachten schlagen sie um Vergeltung, dachte sie. Die Staaten und ihre Erziehungsbehörden locken die Jungen mit wertlosen Blechmedaillen und dem Süßkram der Anerkennung, schenken ihnen billiges Gemeinschaftsgefühl. Wie teuer sie es bezahlen. Sie machen die jungen Männer zu Heroen; anmaßend und mutig und jung wie sie sind. Wie konnte ich ihn gehen lassen mit geladenem Gewehr? Wie kann ich meine Tat, oder meine Tatenlosigkeit, ungeschehen machen? Ich kann meine Schuld nicht erschießen. Ich kann sie nicht verbrennen. Durch Reue fliegen die Kugeln hindurch. Reue brennt nicht. Und so bleibt sie auf immer – »nur Peter, er kommt nie wieder!«, sagte sie und starrte auf das Sohnesgrab.
»Hast du was gesagt?«, fragte Hans aus anderer Gedankensphäre gerissen. Kollwitz ertappte sich beim Lautdenken und richtete ihren Schal. Sie drehte ihr Gesicht zu Hans und sah ihn an. Ihr großes Kind, das schon grausameres von der Welt gesehen hatte als sie. Zu was sie fähig sein konnte. Er hatte es gesehen, in allen Dimensionen, riechbar und schmeckbar und schmerzbar. Nur durch Zufall noch am Leben, nicht unsterbbar. Wie willkürlich noch einmal geboren. Die Knochenmühle der Massen hatte ihn wieder ausgeworfen, eine industrielle Bewegung der Menschenvernichtung, eine rädernde Maschine ließ ihn vom Band zurück zu ihr. Er hatte die Verdammnis erlebt, was konnte sie ihm noch erzählen? Ihrem Ersten und Letzten. Und dennoch schuldete sie dem Mutter-Sein eine Predigt an sein immer noch Sohn-Sein. Hans runzelte die Stirn und sah sie an als suche er nach einem passenden Puzzleteil. Denn sie sagte nichts.
»Ja?«, fragte Hans.
»Ach, ich dachte nur, Peter…«
»Ja?«
»Hans, du und Peter«, sagte sie. »Ihr seid herangewachsen in vaterländischem Hurragebrüll. Fahnen und Gewehre tanzten vor euren Kinderaugen. Auch ich sah noch mit Kinderaugen. Falsche Zwecke hat man euch gesetzt, grausames Spiel- und Rüstzeug legte man euch in eure Kinderhände. Und ihr lagt in meinen Kinderhänden. Ich gab euch, mein Eigenstes, dem Volkskörper herauf und erkannte nicht seinen hässlichen Völkerhass – Närrin die ich war. Nichts hatte euch dieses Kannibalenvolk zu geben, das sein eigenes Saatgut vermahlt. Nur satt sein fordert es, und jetzt hat es sich den Bauch vollgeschlagen, den Magen verdorben. Alles wühlt und wirrt in ihm umher und am meisten krankt – seine Jugend, mein Kind. Eine Schlangengrube voller Konzepte und Rezepte für die Nachwelt tut sich auf, ihre Lehrer zischen und züngeln und winden und beißen und vergiften und fordern ihrer Idee das alleinige Existenzrecht zu. Und alles nennen sie – Bewegung. Die Arbeiter-Bewegung, die Nationale Bewegung, die Jugend-Bewegung. Was ist eine Bewegung anderes als der Weg von einer Versklavung in die nächste? Alles bewegt und behindert sich und versperrt sich den Weg. Sie lehren das Eingliedern, das Kleinsein, sagen, dass für-sich-selbst-sein etwas Schlechtes sei. Sie lehren Zugehörigkeit die nur mit Abgrenzung einhergeht, schüren und schnüren die Gruppe zu, sagen, dass anders-sein etwas Böses sei. Sie spornen an zum Namenmachen, durch Abzeichen und Titel, Qualifikationen und Zeugnisse – wer der Beste sei im Nachmachen. Nichts als Zierrat für die Eitlen, Federschmuck für Pfauenstolz. Mein Sohn, lass mich dir meine letzten mütterlichen Worte für dein Leben geben: diene nicht denen, diene dir selbst. Wenn du gibst, vergiss nicht zu nehmen. Und verharre nicht auf öffentlicher Meinung, sei nicht so faul.« Sie fühlte ihren Kopf an Hans‘ Schulter und der legte den Arm um sie, wie es Vater oft tat. Dann sprach er auch seine Grabesrede an seine Mutter.
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