Ihr Hausarzt hat vermutlich vorwiegend Beziehungen zur örtlichen Klinik. Bei seinem Rat stützt er sich auf Erfahrungen mit früheren Patienten. Allerdings werden sich seine Kenntnisse über ein Krankenhaus eher auf allgemeine Gesichtspunkte wie die sorgsame Pflege oder die Qualität und Aktualität der Arztberichte beziehen. Denn das Spektrum an Krankheiten, die ein Allgemeinarzt zu behandeln hat, ist gewaltig breit gefächert. Vergleichsweise wenige seiner Patienten werden überhaupt in ein Krankenhaus müssen. Nur wenige davon wiederum werden gerade Ihr Krankheitsbild gehabt haben und konnten dem Hausarzt später darüber berichten.
Das ist bei niedergelassenen Fachärzten deutlich anders. Sie sehen viele Kranke mit ähnlicher Symptomatik aus einem vergleichsweise schmalen, komplizierten und deswegen spezialisierten Fachgebiet, zum Beispiel nur mit Leiden am Kehlkopf oder den Ohren. Sie sehen in diesem „Krankengut“ dann auch häufiger schwere Fälle, die stationär eingewiesen werden müssen. Daher kennt der niedergelassene Facharzt die Spezialabteilungen der benachbarten Krankenhäuser eingehend, vielleicht hat er dort seine eigene Ausbildung erhalten oder seine Patienten besucht. Er kann Sie einschlägig beraten und Sie vielleicht auch persönlich bei einem ihm bekannten Kollegen der Klinik anmelden.
4.3 Recherchen im Internet: Wichtig ist das Team
Immer mehr Menschen versuchen bei planbaren Eingriffen, also wenn man noch Zeit hat, im Internet selbst auf die Suche nach der besten Klinik zu gehen. Eigeninitiative ist grundsätzlich zu begrüßen, der mündige Bürger informiert sich. Den eifrigen, selbständigen Leserinnen und Lesern möchte ich einige Hinweise geben.
Die große Auswahl an Informationsquellen ist verwirrend. Viele Krankenkassen, Interessenverbände, Zeitschriften, Selbsthilfegruppen haben Listen und Empfehlungen zusammengestellt, manchmal sogar mit Bewertungen durch Patienten. Gehen Sie jedenfalls von der Diagnose Ihres Arztes aus, nicht von Ihren Symptomen, also von Hepatitis oder Gallenstein und nicht von Gelbsucht oder Hautjucken. Die besten Informationen erhält man in jedem Fall, wenn man die Art der Abteilung eingibt, in der man angemeldet ist oder in der man voraussichtlich behandelt werden muss.
Gut für kritische Patienten ist die Seite www.weisse-liste.deder Bertelsmannstiftung. Einigermaßen übersichtlich ist auch die Suche in www.deutsches-krankenhaus-verzeichnis.deorganisiert. Sie müssen zunächst entscheiden, ob Sie eines der Krankenhäuser in Ihrer Nähe oder zum Beispiel nur Universitätskliniken berücksichtigen wollen. In einigen Internet-Seiten gibt es listenmäßig Angaben über die Wertung bei der Qualitätsprüfung. Sie werden feststellen, dass praktisch alle Kliniken im grünen Bereich sind. Das liegt daran, dass diese „externe“ Qualitätssicherung eigentlich dafür ausgelegt ist, die ganz besonders schwarzen Schafe zu finden, bei denen dann eine amtliche Überprüfung anlaufen muss. Diese Angaben helfen Ihnen nur, wenn Sie tief in die Einzeldaten einsteigen und dann die Bewertungen mehrerer Abteilungen vergleichen.
Bei Ihrer Internetrecherche haben Sie eigentlich zwei Ziele: Sie wollen einen besonders guten Fachmann, der bezüglich Ihrer Erkrankung große Erfahrung hat, also in seiner Lernkurve weit fortgeschritten ist. Sie streben damit die perfekte Einzelleistung an. Sie müssen aber, obgleich das wenig wahrscheinlich ist, auch einkalkulieren, dass ausgerechnet Sie das Pech haben könnten, dass irgendetwas nicht normal läuft.
Dann ist ja nicht gleich alles verloren. Dann kommt es auf erfahrenes Krisenmanagement an. Dann wollen Sie also ein eingespieltes Team, dessen Mitglieder sich alle schon in vielerlei schwierigen Situationen bewährt haben und daher möglichst vielen der Probleme, die alle gelegentlich auftreten könnten (auch bei Ihnen), souverän gewachsen sind. Stichwort Intensivstation (Kapitel 13). Darüber sagt Ihnen die Fallstatistik im Internet fast gar nichts. Überall und auch in der Medizin erweist sich die wahre Könnerschaft erst im Krisenmanagement. Um diese Könnerschaft weiß nur der Insider. Das muss ich ausdrücklich betonen, damit Sie trotz lobenswerter Eigeninitiative nicht allzu forsch alles selbst bestimmen wollen. Letztlich wiegt viel schwerer, wenn Ihnen Ihr niedergelassener Facharzt sagt: „Die sind gut“. (Und falls Ihnen dieses Urteil nicht genügt, können Sie ja noch fragen, wohin er seine Mutter schicken würde.)
Bei einer größeren Operation und/oder bei problematischem Zustand des Kranken ist nämlich anderen Mitarbeitern, besonders den Ärzten, die die Narkose führen und für die Intensivüberwachung zuständig sind, ein wesentlicher Anteil am Erfolg zuzurechnen. Und alle diese Ärzte wiederum sind auf engagierte und bestens trainierte Schwestern und Pfleger angewiesen. Wir haben es mit Teamarbeit zu tun, und das Team kann ziemlich groß sein. Das hat man sogar wissenschaftlich untersucht: Trotz der vielen Beteiligten sind die Ergebnisse sehr großer Kliniken deutlich besser, soweit es um schwere Erkrankungen geht. Bei komplizierten Vorgängen kann dann die Führungskompetenz des Operateurs ausschlaggebend sein. Nebenbei zu diesem Thema: Der medizinische Ruf manches großen Vertreters seines Faches kann auf seinen wissenschaftlichen Aktivitäten, besonders auf Veröffentlichungen und Vorträgen beruhen und weniger auf Erfolgen in der Krankenbetreuung. Beides kann seine Vorteile haben.
Die Erfahrung eines guten Krankenhausteams – und ein solches werden Sie nach dem Gesagten nun suchen, falls ein großer Eingriff bevorsteht – könnten Sie außer aus der Zahl der einschlägigen Fälle auch aus der Zahl der Betten der Abteilung oder dem Anteil von Fachärzten im Vergleich zur Gesamtärztezahl der einschlägigen Abteilung abzuschätzen suchen. Alle diese Angaben finden Sie in der Qualitätsberichten der Krankenhäuser, auf denen die oben genannten Internetseiten beruhen. 3
Jedes Krankenhaus hat heute eine eigene Internetseite. Diese sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zu einem anderen Zweck nutzen: Nachdem schließlich feststeht, in welches Haus Sie gehen werden, können Sie sich über genau dieses Haus ausführlicher informieren. Falls es Sie überhaupt interessiert, erfahren Sie über die Struktur, die Zahl der Mitarbeiter oder sonstigen Service meist schon eine Menge, oft gut bebildert. Sie können sich dann innerlich darauf einrichten, manche Frage ist dann vielleicht schon beantwortet.
4.4 Die Pflege können Ihre Bekannten beurteilen
Nun bleibt uns die Frage, wie sehr Sie sich wenigstens hinsichtlich Pflege und sonstigem Service auf die Erfahrung von Privatpersonen verlassen können, die vergleichbare Erkrankungen hatten. Vorsicht ist geboten. Erstens könnten sich Ihre Freunde schon bei der Behauptung irren: „Genau das Gleiche wie Du hatte mein Nachbar vor zwei Jahren!“. Sie müssten wenigstens die exakte medizinische Fachdiagnose vergleichen können. Aber selbst wenn der grausame Schmerz am „Fuß“ (der kann in Süddeutschland bis an die Hüfte reichen) mit Ihrer Krankheit vergleichbar ist, gibt es Leute, die alle Erkrankungen schlimmer und alle Krankenhäuser schlechter machen, und andere, bei denen alles in der Erinnerung rosig erscheint. Beide können in der gleichen Klinik gelegen haben.
Skepsis ist auch bei Zahlen über Patientenbefragungen angezeigt. Dass nur 10% oder weniger der Fragebögen ausgefüllt wurden, werden Sie nicht erfahren, es beeinträchtigt aber die Aussagekraft der Erfolgsmeldungen gewaltig.
Gar nicht beachten würde ich Einzelaussagen von Patienten, die es in manchen Portalen im Internet auch gibt (Seite FAQ = frequently asked questions). Da weiß man nie, weshalb sie gemacht wurden. Daher würde ich meine Entscheidung, sofern es nur um die Pflege geht, dann doch lieber auf dem Urteil eines guten Bekannten aufbauen, der selbst vor nicht allzu langer Zeit Patient war und den ich hinsichtlich seiner Urteilsfähigkeit kenne. Wenn man es dann schlechter trifft als er, hat man Pech gehabt. Darauf zu hoffen, dass es inzwischen besser wurde, als er es erfahren hat, ist in der heutigen Zeit eher eine Illusion.
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