Mit seinen tausend blauen Lichtern beschrieb der „Walk of Freedom“ auch an diesem Abend eine sanfte, elegante Linie bis hin zu den großzügigen Marco Polo-Terrassen und zum internationalen Kreuzfahrt-Terminal 1.
Mein Vater schien das Gleiche gedacht zu haben wie ich; denn jetzt sagte er mit einem zufriedenen Kopfnicken: „Sündhaft teures Wohnen hier, aber der Ausblick ist doch sensationell - oder?“
Ich nickte. „Echt sensationell! Der ,Walk of Freedom’ - bei diesem Licht - einfach magisch!“
Mein Vater nickte bedächtig.
„Und doch ist Heimberg schon jetzt der heimliche Winner im Zweikampf der Städte!“
„Gegen Hamburg?“, fragte ich ungläubig. „Das kann nicht wahr sein!“
„Sie sind natürlich sehr unterschiedlich: Dort die Tradition mit modernen Elementen - hier das absolute Bekenntnis zu den Technologien der Zukunft!“, machte mein Dad einen Versuch der Erklärung. „Heimberg ist total anders! Allein die zukunftsweisende Technik, die in diesem Gebäude, in dieser Wohnung steckt! Was meinst du, wie hoch hier die Wohnungspreise sind!“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Schon jetzt doppelt so hoch wie in der Hamburger HafenCity, Tendenz steigend“, war seine nüchterne Antwort. „Aber wir können uns das hier leisten, weil“, er beschrieb einen großzügigen Bogen mit seiner Rechten, „ich diesen Bomben-Job in Heimberg hab!“
Ich war irgendwie verunsichert. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich den Anschluss an das Leben meines Dads in den vergangenen drei Jahren irgendwann verloren hatte. Ich wusste kaum noch etwas über ihn. Ich konnte vor allem seine finanziellen Verhältnisse überhaupt nicht einschätzen.
„Da musst du aber ’ne Menge verdienen...“, murmelte ich.
„Tu ich auch“, antwortete er lässig. „Weißt du, ,Garten der Zukunft’ ist der Fachbetrieb für Gartengestaltung in dieser Stadt. Wer was auf sich hält, der kauft bei uns. Wir haben jede Menge fetter Aufträge an Land gezogen - Parkanlagen, Bepflanzung ganzer Innenhöfe in Bürokomplexen mit jeder Menge an Großbaumverpflanzungen, dazu Dachgärten auf Wohntürmen und sogar die botanischen Anlagen in der ,Heimberg School’! Und die haben richtig Kohle, sag ich dir!“
„Die nehmen ja auch kräftig Schulgeld, hab ich gelesen!“
Während ich das sagte, dämmerte es mir, dass mein Vater früher für uns als Familie eigentlich nie ausreichend Geld hatte herbeischaffen können; andauernd hatte Mum damals gejammert. Die alte Unsicherheit aus Kindertagen meldete sich zurück. Was war, wenn er heute nur so tat, als ob? Mein Sechs-Wochen- Crashkurs kostete bestimmt ein Heidengeld!
Ich nahm meinen Mut zusammen, dann sah ich ihm ins Gesicht: „Sag mal, können wir uns das wirklich leisten?“
„Klar doch!“, antwortete mein Dad ohne zu zögern. „Mach dir keine Sorgen! Meine Chefin hier, die weiß, was sie an mir hat: Deshalb stellt sie mir ja sogar diese Firmenwohnung zur Verfügung - kostenlos.“
Als er das sagte, lag so ein gewisser Ton in seiner Stimme; ich glaubte zu ahnen, woher der Wind wehte. Aber ich fragte doch nur vorsichtig: „Dann hast du ja wohl viel mehr Geld zur Verfügung als früher?“
Die Augenbrauen meines Vaters bildeten zwei Dreiecke des Staunens im oberen Drittel seiner Stirn. „Mindestens das Dreifache, Kind! Schon sehr bald kann ich mir was Eigenes leisten.“ Seine Hand wies zur Decke: „Ich will das Penthouse ganz oben im 12. Stock! Das ist das Beste!“
Damit zog er lächelnd einen bunt-glitzernden Gegenstand in Handy-Größe aus der Jackett-Tasche und warf ihn mir zu. Mir blieb glatt die Luft weg: Ein nagelneues „Fun Fon“!
Ich flog ihm um den Hals.
„So was braucht man doch in deinem Alter oder?“
Mein Vater hatte ein mir bisher unbekanntes lockeres Grinsen im Gesicht; er hob sein Glas mit Noni-Juice und prostete mir zu: „Bezahlt von meiner letzten Sonderprämie. Auf unsere Zukunft, Juli!“
„Wahnsinn! Aber weiß Mum eigentlich, dass du jetzt so gut verdienst?“
„Sie hat immer gekriegt, was ihr zustand“, antwortete er nun auffallend knapp.
Das teure Glitzerteil in der Hand, holte ich Luft, um etwas Passendes zu entgegnen, aber da redete er schon weiter, und zwar in geradezu schwärmerischem Ton: „Diese neue Stadt ist reich, Juli, sehr reich. Und sie wird immer reicher.“
Er sah mir eindringlich in die Augen. „Sie ist der absolute Hot Spot. Sie wächst rasend schnell. Sie ist die Stadt mit der höchsten Wachstumsrate der Welt. Wie ein Pilzgeflecht breitet sie sich vor allem nach Norden und Westen aus. Das Steinhuder Meer, Nienburg, Verden, Soltau... alles schon Heimberg! Hier investieren jetzt die einflussreichsten Leute der Welt. Südostasien ist out; der Tsunami ’11 in Nippon hat alle verschreckt; Europa liegt auf sicherer Scholle. Seit sich bei Buchholz vor fünf Jahren mit ,CCLife’ ein weltweit operierendes Unternehmen für Biotechnologie ansiedelte, ist es unaufhaltsam aufwärts gegangen: eine Goldgräberstadt, sag ich dir!“
Ungläubig starrte ich ihn an. „Aber Hamburg...“, flüsterte ich. Solange ich denken konnte, war doch immer Hamburg das Tor zur weiten Welt gewesen!
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