Das Gefühl, nach vier Stunden oben angekommen zu sein, auf gut 3000 Metern, entschädigt jedoch für alle Strapazen. Es ist, im wahrsten Sinne des Wortes, der Höhepunkt unserer Tour! Nach einer kräftigenden Minestrone geht es hinunter ins Schnalstal zum Vernagt-Stausee, der in der Mittagssonne in kühlem Türkis schimmert. Dass wir dafür noch einmal vier Stunden benötigen werden, ahnen wir nicht. Die Profis mit ihren Hightech-Ausrüstungen und dem siegessicheren Lächeln von Männern Mitte fünfzig auf den Lippen, die sich noch einmal beweisen müssen, sind in zwei Stunden unten. Uns aber ist das jetzt auch egal. Wir haben es geschafft!
Unser Fazit
"Courage ist gut, Ausdauer ist besser." Auf einem unserer kleinen Umwege, in einem Gasthaus in Vent, haben wir ein Schild mit dieser alten Wandererweisheit entdeckt. Familien, die über die Alpen wandern, brauchen allerdings nicht nur Courage und Ausdauer, sondern auch einen etwas anderen Takt. Also: Lieber einen Tag mehr einplanen als die Profis und ihre Wanderliteraten, lieber mal ein Steilstück auslassen und dafür in Ruhe Murmeltiere und Steinböcke beobachten. Am Ende, kurz vor dem Stausee, überholt uns eine Gruppe von Wanderern aus Niederbayern, die wir in dieser Woche immer wieder mal getroffen haben. "Gut habt‘s das gemacht", sagt einer von ihnen zu unseren Kindern. "Bis zum Ende durchgehalten. Respekt."
Die eine Woche auf Madeira anschließend haben wir uns jedenfalls verdient. Eigentlich ist die Atlantikinsel ja ein Wandererparadies. Wir aber lassen die Bergschuhe diesmal zu Hause - und schnüren sie erst im nächsten Jahr wieder. Dann geht es noch einmal auf den E 5. Mit Courage. Mit Ausdauer. Und mit etwas mehr Zeit.
Kurz informiert:
Reisezeit: Als beste Wanderzeit gelten Mitte Juli bis Mitte September, wenn der Großteil der Schneereste aus dem vergangenen Winter geschmolzen und die Gefahr neuer Schneefälle noch gering ist
Information: Wanderer, die nicht auf eigene Faust über die Alpen wollen, können sich auch einer geführten Tour anschließen, wie sie verschiedene Bergschulen im Allgäu und im Kleinwalsertal im Programm haben.
Geodaten: 47°24'39.6"N 10°16'38.5"E (Oberstdorf), Google Maps
Gesundheit: Nicht an der Ausrüstung sparen! Regenschutz, gutes Schuhwerk und ein gut sitzender, nicht zu großer Rucksack sind das A und O für das Gelingen einer solchen Tour. An einigen Stellen ist Schwindelfreiheit erforderlich.
Nicht verpassen: Die Minestrone auf der Similaun-Hütte. Vor dem letzten schweißtreibenden Abstieg ein erster Eindruck von Italien - in mehr als 300 Metern Höhe. Die Fittesten der Fitten gehen vorher noch an der Fundstelle des Ötzi vorbei.
Besonderheiten: Der europäische Fernwanderweg E5 führt von der französischen Bretagne über die Alpen nach Verona und ist insgesamt rund 3200 Kilometer lang. Als Herzstück gilt die sechstägige Alpenüberquerung – entweder von Oberstdorf nach Meran oder über das Passeiertal nach Bozen. Im Schnitt legen Wanderer dabei jeden Tag zwischen zehn und 20 Kilometer und 800 bis 1200 Höhenmeter zurück Höchster Punkt der Tour nach Meran ist die auf 3019 Metern gelegene Similaun-Hütte.
Deutschland | Österreich
Auf den Spuren des weißen Goldes
Auf dem Königssee wurden einst die Baumstämme transportiert, die für Befeuerung der Sudpfannen bei der Salzgewinnung notwendig waren.
Der Salzalpensteig führt vom Chiemsee nach Obertraun. „Genusswanderern“ will er die Kulturgeschichte des Salzes erschließen – auf alten Saumwegen und entlang von Soleleitungen
Von Ute Krogull
Vielleicht streuen Sie ja gerade ein bisschen Salz über Ihr Frühstücksei, während Sie dies lesen. Ganz achtlos, nebenbei. Salz ist schließlich ein Alltagsprodukt, 19 Cent kosten 500 Gramm im Supermarkt. Früher aber ließen Menschen für Salz ihr Leben – auf gefährlichen Handelsrouten, in Kriegen, oder weil sie es gestohlen hatten. Salz war heiß begehrt, als Gewürz und Konservierungsstoff. Doch es war mühsam abzubauen. Deshalb wurde es in Gold aufgewogen, Städte wie Salzburg und München verdankten ihm ihren Reichtum.
Handelswege entstanden, etwa die Via Salaria über Rom, die zu den ältesten Straßen Italiens zählt, oder die bayerische Salzstraße von Reichenhall über München und Landsberg zum Bodensee. Salzsteuern, Wegezölle und Handelsrechte machten erhebliche Einnahmequellen der Landesfürsten aus. Mit der Industrialisierung wurde aus dem „weißen Gold“ ein Alltagsgut. Über 300.000 Tonnen im Jahr produzieren allein die Bad Reichenhaller Markensalze.
Die Kulturgeschichte des Salzes, seine Bedeutung für eine ganze Region – früher und auch heute noch – sollen nun sichtbar werden auf einem neuen Weitwanderweg, dem Salzalpensteig. In 18 Tagesetappen von Prien am Chiemsee bis ins österreichische Obertraun führt er 230 Kilometer weit durch historisches Gebiet teilweise jahrtausendealter Salzgewinnungsstätten. Konzipiert ist die Strecke als moderater Mittelgebirgswanderweg für „Genuss-Wanderer“, der von Mai bis in den Spätherbst hinein gangbar ist. Ziel ist es, möglichst viele und möglichst unterschiedliche Naturschönheiten zu inszenieren: Berge natürlich (höchster Punkt des Salzalpensteigs ist der 1 674 Meter hohe Hochfelln), aber auch Moorgebiete wie im Chiemgau, Schluchten wie die Salzachklamm oder die Weißbachschlucht, bizarre Felsformationen wie die „Steinerne Agnes“ – und immer wieder Wasser.
Einen solchen Wanderweg denkt sich heutzutage kein Salz- oder Naturbegeisterter im stillen Kämmerlein aus. Sechs Jahre vergingen von der ersten Idee 2008 bis zur endgültigen Eröffnung im Herbst 2014 – Machbarkeitsstudie, Zertifizierung und EU-Förderung inbegriffen. Nach dieser Vorarbeit geht es zum Beispiel an den Königssee, in den einst die Baumstämme für die Feuer der Sudpfannen aus hunderten Metern Höhe krachend ins Wasser gestürzt wurden – schon damals kamen die Menschen in Scharen, um das Schauspiel aus sicherer Entfernung in Booten zu verfolgen. Den fjordartigen See – übrigens einer der saubersten Deutschlands – kann man auch heute mit dem Boot überqueren. Jeder hat den Blick auf die Kirche St. Bartholomä vor der herrlichen Bergkulisse vor Augen, den Klang des berühmten Echos im Ohr.
Im Zauberwald am Hintersee lässt das Mittelalter grüßen
Auch entlang von Gebirgsbächen, auf denen die Stämme getriftet wurden, führt die Route. Bei Ausgrabungen, in Museen und in Schaubergwerken können die Wanderer sich die Geschichte des „weißen Goldes“ (ganz schnöde: Natriumchlorid) erzählen lassen. Informationstafeln sollen Wissenswertes vermitteln. Ganze Siedlungen entstanden des Salzes wegen, so die malerische Ramsau, an einer uralten Salzhandelsroute gelegen. Die Berchtesgader Fürstpröbste ließen das einstmals abgelegene Tal besiedeln, damit Säumer und ihre Transporttiere Rastplätze vorfanden und der Transport des kostbaren Gutes vor Räubern geschützt wurde. Wer dort heute gemütlich auf dem Salzalpensteig durch den märchenhaften Zauberwald zum Hintersee läuft, kann sich leicht in mittelalterliche Zeiten zurückversetzt fühlen: Der Pfad schlängelt sich durch einen malerischen Mischwald, streckenweise säumen große, bemooste Felsbrocken den Weg, wie von Riesen liegen gelassen. Von einem Brücklein geht der Blick tief in eine Klamm, von wo aus kühle Luft empor weht.

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