Er half ihr in den Mantel, und als sie das Geschäft durch die überfüllte Damenabteilung verließen, spürte er in seinem Rücken die Blicke ihrer Kolleginnen.
„Na, die werden 'was zu Ratschen haben“, sagte sie, als sie auf die Straße traten.
Ihm fiel plötzlich das Lied ein: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin in einem Schuhgeschäft...“ Es klang recht fröhlich, wenn er sich recht erinnerte und passte zu seiner Stimmung.
Beim Essen plauderte sie mit einer unglaublichen Ungezwungenheit drauf los. Obwohl es lauter Belanglosigkeiten waren, über die sie sprach, war er fasziniert von ihrer Lebendigkeit. Er dachte an den vorigen Tag, an dem er mit einer Kollegin am gleichen Tisch gesessen hatte. Was für ein Unterschied zwischen den beiden Frauen, schon fast genauso groß wie der zwischen Mann und Frau, dachte er. Am Tag zuvor bei seinem Beisammensein mit seiner Kollegin war ihm erstmals ernsthaft die Idee gekommen zu heiraten, denn schließlich wurde es bei seinem Alter von 30 Jahren langsam Zeit. Die Kollegin war unter den Frauen, die er kannte, die — wie er es mit Understatement ausdrückte — „Vorzeigbarste“: schön, damenhaft, voll Esprit. Und doch hatte er das Gefühl, er hätte vielleicht noch etwas mehr verliebt sein müssen in die Frau, die er zu heiraten gedachte, so wie er es jetzt auf einmal bei dieser Verkäuferin spürte. Aber die hatte nun wieder den Nachteil, dass sie mit etwas geringeren Geistesgaben ausgestattet zu sein schien: Als er bei einem Blick auf eine herumliegende Zeitung eine Äußerung über ein politisches Ereignis machte, sagte sie:
„Ach, dafür interessiere ich mich nicht!“
Unglaublicherweise kannte sie nicht einmal den Namen des neuen Bundespräsidenten. Als er ihr deswegen vorsichtig Vorwürfe machte und sie von der Wichtigkeit der Politik auch für ihr Leben zu überzeugen versuchte, zählte sie die Namen von einigen Popstars auf und fragte ihn, ob er die kenne. Er musste verneinen. Sie neckte ihn damit, dass er also genau so große Bildungslücken aufweise wie sie.
„Na, dann ergänzen wir uns ja prima!“ scherzte er.
„Das habe ich auch schon gefunden!“ nahm sie den Scherz auf und hakte sich lachend bei ihm ein, als sie das Lokal verließen. Er spürte, wie sie ihren Busen an seinem Arm rieb, aber so zart, als komme dies vom Rhythmus des Gehens.
Er brachte sie zum Schuhgeschäft zurück und verabschiedete sich mit den Worten:
„Also, dann bis zum nächsten Schuhkauf!“
Sie war enttäuscht, denn sie hatte sich mehr erwartet.
In dieser Nacht waren es wieder zwei junge Menschen mehr, die sich schlaflos, unruhig und unglücklich im Bett hin und her wälzten: Sie hatte in ihrer sensiblen Art gespürt, dass etwas schief gelaufen war. Wie dumm war sie gewesen, das zuzugeben, was in seinen Augen ein Manko war. Hätte sie nicht einfach vom Thema Politik ablenken können? Und dann kam sie zu einer wahrhaft philosophischen Erkenntnis: Das Blöde am Leben ist, dass man Fehler machen kann, die sich nicht reparieren lassen. Oder vielleicht doch?
Auch er war an diesem Abend total verwirrt. Früher hatte er sich die Liebe so vorgestellt, dass es für jeden Menschen einen Partner gibt, der genau zu ihm passt, so wie wenn man zwei Papierhälften auseinandergerissen hätte; man müsse also nur schauen, dass man seine eigene zweite Hälfte findet. Nun plötzlich fand er, dass es bei jeder Frau ein „aber“ gab, wenn er ans Heiraten dachte. Die beiden Frauen, die ihm den Schlaf raubten, waren eigentlich so geartet, dass erst eine Kombination ihrer positiven Eigenschaften die ideale Ehefrau ergab. Was also tun?
Am Morgen hatte er die Frage endlich beantwortet. Er ging wieder ins Schuhgeschäft, wo sie ihn mit einem so freudigen Schreck begrüßte, dass sie innerlich zu zittern begann.
„Ich habe ja gestern ganz vergessen, mir Hausschuhe zu kaufen“, lachte er.
Nach dem Kauf erzählte er ihr, dass es in seiner Familie Sitte sei, jede größere Anschaffung hinterher mit einem Lokalbesuch ausklingen zu lassen, und er fragte sie, ob sie mitkomme.
„Gern, so ein Hausschuhkauf ist ja auch wirklich ein Ereignis, das man feiern sollte“, lachte sie. „Ich komme aber nur mit, wenn Sie sich dieses Mal von mir einladen lassen!“
„Natürlich, aber Sie werden sich wundern, wie ich beim Essen zuschlagen kann, wenn ich eingeladen werde! Ich bin da nicht so bescheiden wie Sie.“
Sie plauderten beim Essen über persönliche Themen, und die Zeit verging wie im Fluge. Obwohl er nun erst zum zweiten Mal mit diesem Mädchen beisammen war, hatte er das Gefühl, mit ihr schon sehr vertraut zu sein. Irgendwie brachte er es doch nicht übers Herz, sich das Essen von diesem jungen Mädchen, das offensichtlich in bescheidenen Verhältnissen lebte, bezahlen zu lassen. So täuschte er einen Gang zur Toilette vor und beglich heimlich die Rechnung. Hinterher protestierte sie energisch. Aber er lachte nur und sagte:
„Das nächste Mal sind Sie dran — Ehrenwort!“
Beim Gehen fragte er sie, ob sie wisse, was denn heute mit seinem rechten Arm los sei, wobei er ihn ein wenig hin und her schüttelte, als habe er ihn irgendwie verletzt.
„Aber natürlich!“ lachte sie und hängte sich bei ihm ein, dieses Mal aber schon etwas anschmiegsamer, indem sie seinen Arm fest an ihren Busen zog. Er war fasziniert davon, dass sie seine etwas linkische, fast unverständliche Andeutung richtig erahnt hatte.
„Ich lasse Sie nicht eher los, bis Sie mir versprechen, meine Einladung anzunehmen.“ Mit diesen Worten packte sie noch fester zu.
„Nun gut, wenn ich schon verhaftet worden bin, bleibt mir nichts anderes übrig.“
„Übrigens koche ich wahnsinnig gern. Nur für mich alleine lohnt es sich nicht. Wenn Sie sich einmal von mir bekochen lassen würden, würde es mich sehr freuen. Sagen wir morgen?“
Er war sprachlos über diese für ihn ungewohnte Direktheit, mit der sie ihn schon nach so kurzer Bekanntschaft zu sich einlud. Eigentlich wollte er nichts anderes, als mit dieser quicklebendigen jungen Frau plaudern, denn es schien ihm, als sei sie wie ein Lebenselixier. Doch nun stand er sozusagen am Scheideweg: Sollte er zulassen, dass mehr daraus wurde? Würde das gut gehen? Er verscheuchte diese Gedanken und verließ sich auf sein Bauchgefühl: Er sagte einfach zu.
Sie hatte gelogen. Sie konnte gar nicht kochen und rief ihre Mutter an. Sie sagte ihr, dass sie einen Mann zum Heiraten gefunden habe. Ihre Mutter war natürlich neugierig, und als sie alles bis ins kleinste Detail aus ihrer Tochter herausgekitzelt hatte, sagte sie:
„Du spinnst ja. Verbrenn' dir bloß nicht wieder die Finger. Pass auf dich auf!“
Wenn die Mutter auch fand, dass das Ganze so nicht zu billigen war, kochte sie doch ein Menü, mit dem sie schon öfter bei großen Einladungen hohes Lob geerntet hatte. Die Tochter kümmerte sich inzwischen um die Tischdekoration, deren Schmuckstück zwei vielarmige silberne Kerzenleuchter waren, zwei alte Erbstücke, die sie von ihrer Freundin ausgeliehen hatte.
„Soll ich dableiben — als Anstands-Wau-Wau?“ fragte die Mutter noch zum Schluss ihre Tochter, doch die lehnte ab: „Lieber nicht, sonst sieht es so offiziell aus, als ob du ihn schon als Schwiegersohn beschnuppern willst.“
„Na, nun lass mal die Kirche im Dorf.“ Mit diesen Worten versuchte die Mutter, ihre in Hochstimmung befindliche Tochter auf den Boden der Tatsachen herunterzuholen.
Abends kam er mit einer Flasche unter dem Arm.
„Zum Nachspülen!“ sagte er, als er ihr dieses Mitbringsel übergab.
„Na ja, so schlimm wird das Essen wohl nicht sein“, erwiderte sie.
Der Besuch nahm in jeder Beziehung einen ganz anderen Verlauf, als er erwartet hatte. Zunächst einmal hätte er nie geglaubt, dass sie eine so geschmackvoll-gemütliche Wohnung besitzen würde. Irgendwie kam ihm sein eigenes Zuhause demgegenüber ein wenig kahl und nüchtern vor. Ja er ertappte sich bei Gedanken, dass er sich hier mehr daheim fühlen könnte als in seiner eigenen Wohnung. Und das Essen war wie ein Fest — in jeder Beziehung.
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