Dann plötzlich ereignete sich etwas, was wie eine Bombe einschlug: Die junge Frau hatte Klavierunterricht bei einem alten „Pfuideibel“, wie ihn eine Nachbarin beschrieb. Er war jedenfalls der absolute Antityp im Verhältnis zum Ehemann: klein, krumm, ausgemergelt, schon etwas ältlich mit schütteren langen, öligen Haaren und einem ungepflegten, grau-meliertem Bart, der den Eindruck machte, als stammten seine Verfärbungen vom letzten Essen. Eines Tages bemerkte die erwähnte Nachbarin, dass das Klavierspiel schon sehr früh verklang. Neugierig ging sie auf ihre Terrasse und lauschte an der Trennwand zum anderen Garten. Was sie hörte, war so eindeutig, dass sie nichts Eiligeres zu tun hatte, als den jungen Ehemann in seiner Bank anzurufen: er solle doch einmal nach seiner Frau schauen; da würden ihm die Augen übergehen. So war es dann auch, als der Mann — von finsteren Vorahnungen getrieben — nach Hause raste: Er erwischte die beiden „in flagranti“.
Das Ereignis verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die Kommentare der Menschen waren unterschiedlich:
„Das kann doch nicht wahr sein!“ meinten die einen. Andere mutmaßten, dass die junge Frau vielleicht eine Nymphomanin sei. Weder das eine noch das andere stimmte, wie sich im Scheidungsverfahren herausstellte. An sich sind ja Richter zur Verschwiegenheit verpflichtet. Doch gilt dies nur für den Normalfall, nicht aber für einen Prozess, der überall in der Stadt das Thema war, über das man sprach. So sickerte durch, was in dieser von vielen bestaunten Traumehe wirklich los war, nämlich so gut wie nichts.
Der Ehemann war nach dem Gutachten eines hinzugezogenen Psychiaters psychisch krank, was dem Vernehmen nach auf eine sonderbare Ursache zurückzuführen sein soll: Als seine Eltern einmal ins Kino gegangen waren, hatte er sich ein Mädchen ins Haus geholt. Als die beiden jungen Leute gerade mit ihrer ersten Liebe begonnen hatten, kamen seine Eltern zurück, weil sie keine Karten mehr für die Vorstellung bekommen hatten. Sie sahen nun eine ganz unerwartete andere Vorführung. Daraufhin gab es einen furchtbaren Familienkrach mit schweren Strafen für den jungen Mann. Die Folge dieses Ereignisses soll gewesen sein, dass er von da an nur noch zeugungsfähig war, wenn die Gefahr bestand, von anderen beobachtet zu werden: So soll er das erste Kind mit seiner Frau während eines Opernbesuchs gezeugt haben, als beide sich im Männerklo einsperrten und die versammelten Garderobefrauen an die Tür trommelten, um die Frau aus der Kabine zu verweisen. Das zweite Kind soll beim „Probeliegen“ in einem Kaufhausbett entstanden sein.
Man weiß natürlich nicht, ob dies alles so stimmt, was so berichtet wird. Ein Psychiater wird die ganze Geschichte womöglich mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen. Jedenfalls haben all diese Gerüchte einen großen Vorteil: Die Ehefrauen sind wieder zufrieden, wenn ihr Mann in der Badeanstalt neben ihnen liegt und sich in seine Zeitung vertieft. Auch nehmen die Männer nicht mehr Anstoß daran, wenn sich ihre Frauen einer Handarbeit oder einem Buch widmen. Der schäbige Neid, der wie eine giftige Wolke über dem Schwimmbad lag, ist entschwunden und hat wieder einer entspannten Ruhe Platz gemacht, wie es sich für einen Ort der Erholung gehört.
Sie war ein intelligentes Biest. Das ist eigentlich alles, was man von ihr wissen muss, um die folgende Geschichte zu verstehen.
Ihr Vater war ein höherer Beamter und hatte nebenbei noch einen wichtigen Posten in seinem Corps, dem er seit seiner Studentenzeit angehörte. Er erzog seine Tochter Petra zur Achtung der Ehrbegriffe, die er selbst von seinen Vorfahren übernommen hatte. Dazu gehörte auch eine doppelbödige Moral, nämlich die These, dass junge Männer sich erst einmal so richtig „die Hörner abstoßen“ müssen, bevor sie „im Hafen der Ehe landen“, während anständige junge Mädchen auf ihren künftigen Mann zu warten haben, um es einmal so auszudrücken. Selbstverständlich führte der Vater seine Tochter in seine Studentenverbindung ein, denn sie sollte dort ja einen brauchbaren jungen Mann finden oder besser gesagt „eine gute Partie machen“. Auf diese Weise wurde Petra, die sich kurz Pet (d.h. Liebling) nannte, eine Corpsdame. Ihre Freundinnen, die mit solchen Bräuchen nichts am Hut hatten, neckten sie mit der Anrede „Zorpsfrau“ und bemitleideten sie zutiefst, wenn sie mit irgendeinem ihr zugeteilten Studenten auf einen Ball gehen musste. Pet mochte keinen einzigen von ihnen, doch nahm sie weiterhin — wenn auch gelangweilt — am Corpsleben teil, zum einen, weil sie sonst Streit mit ihrem Vater gehabt hätte, zum anderen, weil sie insgeheim hoffte, dass sich eines Tages die Tür öffnen und der Mann ihrer Träume im Ballsaal erscheinen würde. Doch daraus wurde nichts.
Pet studierte nach ihrem Abitur Medizin. Plötzlich passierte das, worauf sie in ihrem Dasein als Corpsdame vergeblich gewartet hatte: Sie verliebte sich in einen Kommilitonen. Und wie es so geht in der Liebe: eines Tages kam der junge Mann mit einem Ansinnen, das sie schelmisch lächelnd mit den Worten beantwortete:
„Rainer, Rainer, was hast du für unreine Gedanken!“
Sie sagte dem jungen Mann, dass an diesem Abend leider aus einer Liebesnacht nichts werden könnte aus Gründen, „na du weißt schon, warum“; aber am Sonntag wollten sie die Liebe in vollen Zügen genießen.
Diese Frist brauchte Pet, um sich das notwendige Wissen über Frauenleiden anzueignen und einen Gynäkologen aufzusuchen. Sie schilderte ihm — frei erfunden — scheußliche Beschwerden, die eine eingehende Untersuchung notwendig machten. Pet verlangte und bekam von dem Frauenarzt ein Attest, in dem ihr bescheinigt wurde, dass sie bis zur Untersuchung „Virgo intacta“ (Jungfrau) war.
Jetzt konnte sie sich beruhigt der Liebesnacht mit Rainer widmen. Mehr wurde nicht aus dieser Beziehung, denn Pet war intelligent und zielstrebig — auch im Studium, während ihr Rainer genau entgegengesetzt veranlagt war: ein Bohemien, für den das Studentenleben — wie er zu sagen pflegte — die schönste Sache der Welt war. Damit hatte er sicherlich nicht ganz unrecht, wenn man wie er von seinem Vater jeden Monat einen üppigen Wechsel bekam, für den er nichts zu tun brauchte. Pet aber konnte einfach nicht mit einem Mann beisammen bleiben, der sich mangels Ehrgeizes in ihren Augen schon auf der Verliererstraße befand. Als er dann, wie voraus zu sehen war, bei den ersten kleinen Zwischenprüfungen, die Pet locker absolvierte, Probleme hatte, kühlte sich das einstmals heiße Liebesverhältnis der beiden rapide ab. Pet zog es vor, im Folgesemester in einer anderen Stadt zu studieren.
Dort besann sie sich nun wieder auf ihre „Jagdgründe“ im Corps. Nachdem sie mit der Leidenschaft Schiffbruch erlitten hatte, setzte sie nun auf ihre Vernunft. Sie fand einen jungen Mann, in den sie sich zwar nicht gerade bis über beiden Ohren verliebte, aber dem sie doch zugetan war. Ihr Vater redete ihr zu, diesen Mann zu heiraten, weil er Charakter besitze und ein gutes Examen abgelegt habe, welches glänzende Berufsaussichten verspreche. Nach ihrem 25. Geburtstag spürte Pet auf einmal das Ticken ihrer biologischen Uhr, d. h.: sie fühlte sich reif für die Ehe. Mit anderen Worten: sie hatte Angst, keine bessere Heiratsgelegenheit zu finden. Dass die Leidenschaft in dieser Beziehung nicht so war wie früher, schrieb sie der Tatsache zu, dass die Liebe ja nun nichts Neues mehr für sie war.
Vor der Hochzeit flüsterte sie ihrem Bräutigam ins Ohr, dass sie noch nie etwas mit einem Mann gehabt habe. Sie erwähnte auch das Attest und zeigte es ihrem Bräutigam. Der aber warf es, ohne es zu lesen, mit einer theatralischen Geste in den Ofen und sagte:
„Ach Herzi, ich glaube dir doch auch so!“
Eigentlich hatte sie sich immer gegen den scheußlichen Kosenamen „Herzi“ gewehrt, aber in diesem Zusammenhang hörte er sich gar nicht mehr so übel an.
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