Und noch etwas ereignete sich vor der Trauung: Pet traf zufällig bei einem Stadtbummel ihren früheren Geliebten wieder und erzählte ihm von der bevorstehenden Hochzeit.
„Oh, da müssen wir aber deinen Junggesellinnenabschied feiern“, schlug Rainer vor, und ehe sich Pet versah, saß sie bei Rainer in dessen Studentenbude bei einer Tasse Kaffee. Die beiden plauderten über ihre Fortschritte, die sie im Studium gemacht hatten. Als Rainer einmal Kaffee nach schenkte, saß er plötzlich neben Pet und bat um einen kleinen Abschiedskuss. Pet gestattete es mit den Worten:
„...aber nur einen kleinen!“
Es wurde dann doch mehr daraus, denn Pet war ein Typ, der schlecht „nein“ sagen konnte — sie litt, wie Emanzen von heute zu sagen pflegen, an einem „Nettigkeitssyndrom“:
„Warum nicht?“ fragte sie sich. „Schließlich haben wir es ja schon oft genug getan.“ Und so taten sie es — und zwar mit der derselben Leidenschaft wie früher.
Pet beruhigte sich danach innerlich damit, dass sie ja schließlich noch nicht verheiratet sei.
Nicht lange nach der Hochzeit war Pet schwanger und spazierte mit ihrem Mann durch den Stadtpark. Völlig unerwartet sah sie ihren früheren Liebhaber entgegen kommen. Diese Begegnung traf Pet wie ein Donnerschlag: Sie fiel in Ohnmacht, was wohl in erster Linie auf ihren durch die Schwangerschaft beeinträchtigten Kreislauf zurückzuführen war. Ihr Mann bemühte sich rührend um sie und auch ihr früherer Liebhaber unterstützte ihn dabei, bis sie die Augen aufschlug und „Ach, Rainer!“ seufzte. Als sie sich ein bisschen erholt hatte, entfernte sich ihr einstiger Freund wieder, und sie ging mit ihrem Ehemann weiter. Er stützte und umsorgte sie rührend und bestand darauf, dass sie einen Arzt aufsuchte, obwohl sie meinte, es sei gar nicht so schlimm gewesen; sie bräuchte nur zu Hause etwas Ruhe.
„Nein!“ widersprach er: „Es ist auch mein Kind, das du erwartest. Da mache ich mir schon große Sorgen, wenn du ohnmächtig wirst und mich plötzlich gar nicht mehr kennst, sondern mit ‚Rainer‘ ansprichst.“
So kam Pet in ihren jungen Jahren schon zu einem zweiten völlig überflüssigen Arztbesuch, aber dabei wird es wohl nicht bleiben, denn schließlich ist sie ja eine Frau.
Pet brachte einen gesunden Knaben zur Welt. Ihr Mann kam ans Wochenbett mit einer — wie er fand — tollen Idee:
„Wir nennen unseren Sohn Rainer, weil ich nach deiner Ohnmacht damals dachte, du hättest vielleicht unbewusst unser Ungeborenes angesprochen.“
Pet protestierte zwar und meinte, sie wolle an das damalige Vorkommnis nicht erinnert werden, doch ihr Mann setzte sich durch, denn Pet konnte — wie gesagt — schlecht „nein“ sagen.
Als Pets Schwiegermutter das Kind erstmals sah, meinte sie wenig taktvoll, wie Schwiegermütter nun einmal sein können:
„Das lass ich mir nicht nehmen: Euren Rainer haben sie in der Klinik verwechselt. Der hat überhaupt keine Familienähnlichkeit!“
Pet beruhigte sie mit der Feststellung, sie habe das Kind bei der Geburt gesehen und erkenne es zweifelsfrei wieder. Aber die Schwiegermutter war damit nicht zufrieden, sondern erwiderte:
„Ich weiß nicht recht, ob du damals deine Sinne ganz beisammen hattest!“
Der Schwiegervater fand den Auftritt seiner Frau etwas peinlich und beruhigte die Lage, indem er über Beobachtungen sprach, die er schon des öfteren gemacht habe:
„Manchmal überspringt die Ähnlichkeit eine Generation und ein Kind sieht mehr den Großeltern oder einer Tante ähnlich. Denk an Kathrin, die doch heruntergerissen ihrer Patentante gleicht.“
Als das Kind älter wurde, schaute Pet es immer wieder forschend an: Sah es nun ihrem Mann oder Rainer ähnlich? Sie wollte es nicht wissen.
Etliche Jahre später gab es noch einmal eine kritische Situation für Pet: Der kleine Rainer war mit dem Fahrrad verunglückt und kam ins Krankenhaus. Dabei wurde seine Blutgruppe festgestellt. Rainer, der sich in diesem Alter für alles interessierte, hatte gerade in der Schule etwas über das Blut gelernt und wollte sein Wissen gleich anwenden. Als er wieder zu Hause war, fragte er seine Eltern, ob sie Gesundheitspässe hätten, in denen die Blutgruppe enthalten sei.
„Ja“, sagte Pet, „wir haben noch von früher her Blutspendeausweise. Wart', ich hole sie.“
Pet kam mit leeren Händen zurück und verkündete künstlich enttäuscht: „Also, ich kann die Ausweise nicht finden.“
Ihr Mann meinte:
Herzi, du hast deine Brille nicht dabei gehabt. Ich schaue selbst noch einmal nach.“
„Da kannst du lange schauen!“ dachte Pet bei sich, denn sie hatte die Ausweise in der Toilette hinunter gespült.
So blieb die Abstammung Rainers ungeklärt und Pet war damit zufrieden, übrigens auch mit ihrer Ehe, die sie nun als glückliche Fügung des Schicksals empfand, was sie daraus folgerte, dass sie immer seltener an ihren „Verflossenen“ dachte. Und wenn ihr Mann sie mit „Herzi“ anredete, war sie jetzt stolz auf diesen Kosenamen, denn sie meinte, dass alle Leute dieses Wort als öffentliches Liebesgeständnis ihres Mannes verstehen würden.
Ältere Ehepaare sind oft schon so lange verheiratet, dass sie infolge der Macht der Gewohnheit ihren Zustand als Glück empfinden, auch wenn neutrale Beobachter sich manchmal fragen, wieso eigentlich. Aber wenn man das Gefühl hat, glücklich zu sein, möchte man halt auch andere daran teilhaben lassen. So war es auch bei den Frohnigs: Sie konnten es einfach nicht mit ansehen, dass jemand noch unverheiratet war. Herr Frohnig kommentierte das Junggesellenleben seiner männlichen Bekannten mit den Worten, so etwas sei doch nicht normal. Sie hingegen war eine resolute Person und fand, wer eben nicht in der Lage sei, selbst sein Glück zu finden, dem müsse man dazu verhelfen.
So befassten sich die beiden Frohnigs in ihrer Freizeit oft mit Gedankenspielen, in welchen sie junge Menschen verkuppelten. Aus diesem Spiel wurde eines Tages Ernst: Als sich die beiden einig waren, dass ein junger Kollege von Herrn Frohnig gut zu der Tochter einer Freundin von Frau Frohnig passen würde, lud man die beiden zum Kaffee ein. Man sagte ihnen als Grund für die Einladung, man finde, dass sich beiden einmal beschnuppern sollten. Nun würde sicherlich im Normalfall eine solche Einladung wohl mit höflichen Ausreden abgelehnt werden, aber die Frohnigs verstanden es, ihren „Opfern“ den Mund wässrig zu machen. Sie schilderten den beiden jungen Leuten jeweils den anderen als idealen Partner, den sie unbedingt kennen lernen müssten; der andere wisse natürlich von nichts und sei nur zufällig da. Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, eine Ehe zu stiften, die allerdings schließlich damit endete, dass die Eheleute getrennt lebten: Er zog in die nahe Stadt, und sie blieb auf dem Lande, weil sie sich nur dort glücklich fühlte. So lebten sie zufrieden nebeneinander her.
Als jemand einmal die Frohnigs scherzhaft auf den Misserfolg ihrer Ehestiftung ansprach, verstanden sie keinen Spaß, sondern fanden, ihre Unternehmung sei geglückt, denn schließlich hätten ja die jungen Leute zwei Kinder in die Welt gesetzt. Auf den Einwand, dass das Glück aber nur von kurzer Dauer gewesen sei, erwiderte Frau Frohnig:
„Besser ein kurzes Glück, als gar keines!“
Alsbald hatten die Frohnigs wieder junge Menschen gefunden, die ihrem Glück selbst im Wege standen, wie ihr übereinstimmender Befund lautete. Sie war ein junges Mädchen, das sich in ihrer Gutmütigkeit von ihren Arbeitgebern so ausnutzen ließ, dass sie oft erst abends spät aus dem Büro nach Hause kam; ihr Vater hatte einmal scherzhaft über sie gesagt, sie könne allenfalls dann einen Mann zum Heiraten finden, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit eine Panne habe und ihr jemand helfe, sonst habe sie überhaupt keine Chance, jemanden kennen zu lernen. Der junge Mann, den die Frohnigs in vielen tiefschürfenden Gesprächen — man muss schon sagen — auserwählt hatten, war ein Typ wie es ihn eigentlich heutzutage gar nicht mehr gibt. Er war zu schüchtern, sich dem anderen Geschlecht zu nähern. Sein Vater, der über sich selbst zu sagen pflegte, er sei früher „ein toller Hecht“ gewesen, äußerte sich daher recht boshaft über sein „etwas zu zaghaftes Produkt“. Hinter der vorgehaltenen Hand warf er sogar die Frage auf, ob sein Sohn vielleicht schwul oder impotent sei, denn anders sei dessen Abstinenz nicht zu erklären. Dies war zwar nur scherzhaft gemeint, wurde aber von denjenigen, die solche Mutmaßungen mit anhören mussten, nur als äußerst geschmacklos empfunden.
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