„Als Antrag!“ antwortete er.
„Dann sind wir also jetzt verlobt?“ fragte sie unsicher.
„Wenn das ‚ja‘ heißt, schon“, sagte er. Und so gaben sie sich einen ersten zarten Kuss als Zeichen ihres Bundes.
Nun hat ein weiser Mann einmal gesagt:
„Im Film und Roman haben zwei Menschen Probleme, bis sie sich kriegen; im wirklichen Leben gehen dann aber erst die Probleme an, wenn im Kino der Vorhang fällt.“
So erging es auch Hermann. Er hatte nicht gemerkt, dass Evelyn ihn eigentlich gar nicht wirklich liebte, sondern ihn als einzige Chance betrachtete, der Einsamkeit und ihrem tristen Dasein als Verkäufern zu entfliehen. Sie hatte sich gedacht, sie würde sich schon irgendwie an ihn gewöhnen, aber das Gegenteil war der Fall. Das zeigte sich schon in der Hochzeitsnacht, nach welcher das junge Paar fand, man sollte sie schnell vergessen. Er las ihr aus einem Buch vor, wo zu lesen war, dass so etwas vorkommen könne und was man dagegen zu tun habe. Schon beim Vorlesen und später bei der praktischen Anwendung dieser Ratschläge spürte Evelyn einen Widerwillen gegen alles Sexuelle oder richtete sich dieses Gefühl nur gegen Hermann? Sie wusste es nicht.
Hermann war wie alle Männer ein Romantiker. Er glaubte, er müsse seine Evelyn durch Verwöhnen, teuerste Geschenke und ständige Liebesschwüre soweit bringen, dass die Ehe wirklich funktionierte. So kam diese Frau völlig unverdient zu Genüssen, die anderen normalen Ehefrauen nicht zuteil werden.
Wahrscheinlich war sie überhaupt frigid oder jedenfalls ihrem Mann gegenüber. Dieser aber glaubte als Bayer, dass norddeutsche Frauen eben so kühl sind und ständig umworben werden müssen. Schließlich, nach reichlichem Alkoholgenus kam es dann doch irgendwann einmal zu einer linkischen Vereinigung der beiden.
Sie hielten es ein Leben lang miteinander aus und dachten, die Ehe sei nun einmal so. Als er pensioniert wurde, fand sie, dass sie auch ihren Ruhestand verdient habe; deshalb sagte sie zu ihrem Mann:
„Jetzt hast du jahrelang an mir herum gemacht, und nun sind wir dafür zu alt für solche Unanständigkeiten.“
Er fand dies normal, weil er gelesen hatte, dass das sexuelle Verlangen der Frauen im Alter zum Erliegen komme. Nun sahen die beiden ihren Lebenszweck darin, die Weisheit ihrer Erfahrung an die junge Generation weiter zu geben: Er zitierte den heiligen Paulus dem Sinne nach mit den Worten: Heiraten ist gut, nicht heiraten ist besser.
Und manchmal erzählte er eine Geschichte aus seiner Jugend: Als kleiner Junge habe er vermeintlich Gold gefunden und habe so viel eingesammelt, wie er tragen konnte; als er dann viel zu spät nach Hause gekommen sei, habe seine Mutter ihn verprügelt und gesagt:
„Das ist ja nur Katzengold.“
So sei nun einmal das Leben: Immer wenn man glaube, man habe Gold gefunden, merke man später einmal, dass es nur Katzengold sei und manchmal bekomme man dann auch noch Prügel dafür. Sein Lieblingsspruch war:
„Im Leben läuft jeder seinen eigenen Ohrfeigen nach.“
Evelyn zog aus ihrer Lebensgeschichte andere Konsequenzen: Sie schwärmte von der modernen Zeit, die soviel besser sei wie die frühere, weil Frauen nicht mehr heiraten müssten.
Leider ist es heutzutage nicht mehr üblich, dass ein Autor seiner Geschichte eine Moral anfügt. Das ist eigentlich schade. Darum sei Ihnen diese weise Lehre mit auf Ihren weiteren Lebensweg gegeben: Man sollte es nicht glauben, welche Folgen kleine Belanglosigkeiten wie ein Fleck im Kleid haben können.
Wenn Ihnen diese Weisheit zu wenig Tiefsinn enthalten sollte, sei auch noch dieses Fazit aus der Geschichte gezogen:
Wohl wenig Fehler straft der Liebe Gott so wie die Wahl der falschen Ehefrau. (Falls Frauen meinen sollten, es müsse statt „Ehefrau“: „Ehepartner“ heißen, sollten sie doch mal darüber nachdenken, mit wie viel Geld vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen die Scheidung versüßt worden ist.)
Eigentlich hatte er in seiner Mittagspause nur schnell etwas zum Rauchen holen wollen, um dann in der Kantine zu essen. Aber es regnete so sehr, dass er sich auf dem Weg zum nächsten Zigarettenautomaten nasse Füße geholt hatte, und als er an einem Schuhgeschäft vorbei ging, sah er in der Auslage ein paar Schuhe mit einem großen Schild:
„Wettertrotzer 79.90 Euro“
Es waren genau die Schuhe, die er jetzt brauchte, um sich keine Erkältung zu zu ziehen. So betrat er das Schuhgeschäft, in dem es zuging, als würde dort etwas verschenkt. Anscheinend hatten sich viele Frauen bei ihrem Einkaufsbummel hierher geflüchtet, um die Zeit zwischen zwei Regenschauern zu überbrücken. Sie thronten auf ihren Sesseln inmitten von Schuhhaufen und das Personal lief mit frustrierten Mienen herum, um die Damen zu bedienen.
„Herrenschuhe — erster Stock“, rief ihm eine Verkäuferin zu.
Einen Stock höher herrschte Ruhe. Männer haben nämlich normalerweise etwas anderes zu tun, als in einem Schuhgeschäft herum zu sitzen. Ein junges Mädchen fragte ihn nach seinem Wunsch.
„Bitte die Wettertrotzer für 79.90 DM in Größe 44“, antwortete er.
Während die Verkäuferin verschwand, um die Schuhe zu suchen, räkelte er sich gemütlich in seinem Sessel, die nassen Füße auf dem Schemel. Dann kam sie zurück mit einem Karton unter dem Arm und nahm auf dem Schemel Platz — direkt neben seinen Füßen. Sie ergriff einen und sagte:
„Oh Gott, Sie haben ja ganz nasse Füße. Nehmen Sie doch bitte diese Probiersocken!“
Und während sie ihm seine Strümpfe auszog und ihn in die Socken schlüpfen ließ, nahm er sie erstmals bewusst richtig wahr: Da saß sie zu seinen Füßen und bediente ihn mit einer verblüffenden Ergebenheit. Und dann schaute sie ihn von unten mit einem Blick an, der ihn zutiefst rührte. In diesem Blick lag eine fast schon totale Unterwürfigkeit, wie man sie heute bei dem Bedienungspersonal an sich nicht mehr findet. Und in Gedanken war ihm fast, als würde sie sich mit diesem Blick sogar selbst als Geschenk anbieten. Ein verdammt hübsches Geschenk wäre das, dachte er, als sie ihn mit ihren leicht mandelförmigen Augen anblickte, während er in den dargebotenen Schuh schlüpfte und dabei versuchte zu ergründen, was sich in ihrem schmalen Ausschnitt verbarg, der sich bei ihren Bewegungen immer ein wenig öffnete.
„Kathrin, ich gehe!“ rief eine weibliche Stimme aus dem Nebenraum.
Die Verkäuferin zu seinen Füßen antwortete, sie komme gleich nach. Er meinte, sie könne doch sofort mit ihrer Kollegin gehen; er wolle nur noch ein bisschen mit den Schuhen auf und ab gehen und werde sie dann an der Kasse bezahlen. Er entschuldigte sich dafür, dass er ihre Mittagspause gestört hätte.
„Ach“, meinte sie, „so genau geht das hier nicht. Wir können immer erst dann zum Mittagessen gehen, wenn wir einen Kunden fertig bedient haben. Lassen Sie sich also ruhig Zeit mit dem Probieren.“
Die Schuhe passten doch nicht so ganz, und sie holte ein anderes Paar. So verstrich doch mehr Zeit, als ihm recht war.
„Ich könnte auch morgen wieder kommen“, bemerkte er zwischendurch im Hinblick auf ihre Mittagspause.
Aber sie wehrte ab. Als er dann ein geeignetes Paar Schuhe gefunden hatte und sie ihn zur Kasse begleitete, fragte er sie, ob er sie nun zum Essen einladen dürfe als Entgelt für die Beeinträchtigung der Mittagspause. Sie war zu schüchtern, um so einfach zuzusagen und meinte, das ginge wohl nicht, denn sie habe Hunger wie eine Bärin und würde ihn arm essen. Und sie fügte etwas schelmisch hinzu, außerdem habe ihre Mutter gesagt, sie dürfe nicht mit fremden Männern gehen.
„Sie sieht's ja nicht! Ich würde viel lieber mal eine hungrige Bärin essen sehen, als allein am Mittagstisch sitzen“, probierte er es noch einmal.
„Na gut! Unsere Chefin sagt immer, wir sollen nach Möglichkeit auf alle Wünsche unserer Kunden eingehen, selbst auf die ausgefallensten. “ Sie lachte sie fröhlich.
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