Opa Karl war vormittags im Kindergarten gewesen und hatte den Kleinen ein Märchen erzählt. Am Nachmittag brütete er über dem Globus und suchte für Wölkchen einen günstigen Weg nach Amerika. Über Russland, dann nach Alaska, das schon zu Amerika gehört, nach Kanada und dann wäre Wölkchen schon zu Hause. Ganz einfach, aber doch ein langer Weg. Die Winde wären günstig, aber auch gefährlich. Der eiskalte Polarwind zum Beispiel ist bis zu 60 Grad kalt, Wölkchen könnte zu Eisklumpen gefrieren und ins Meer stürzen. Vielleicht lieber den längeren Weg nach Süden. Da gibt es die Bora von Italien nach Slowenien über Kroatien, Dalmatien, Montenegro bis Griechenland. Aber die Bora ist auch gefährlich und einer der stärksten Winde der Welt. Sie ist unberechenbar, also lieber nicht. Die meisten Winde, die schnell über viele Länder hinfliegen, sind gefährliche Stürme, die ausarten können in Hurrikane, Taifune, Tornados oder Orkane. Also nichts für Wölkchen. Am besten sind doch die Landeswinde, die etwas langsamer von Land zu Land wehen aber sicher sind. Mit dieser Erkenntnis ging Opa Karl ins Bett.
Am nächsten Tag waren Opa Karl und Wölkchen gleichzeitig wach. „Was hast du alles erfahren, Wölkchen“, fragte er. „Nicht allzu viel“, antwortete Wölkchen, „es war klarer blauer Himmel, fast keine andere Wolke unterwegs. Und der Steinadler Adi ist alt und vergesslich, heute will er mir was erzählen. Ein Häschen habe ich gerettet und Wolkelino kennengelernt.“ „Du musst dich vor den schwarzen Wolken in Acht nehmen. Sie sind gefährlich und räuberisch“, sagte Opa Karl, „und auch unter den Winden gibt es böse. Zum Beispiel der Solano, der ist heiß. Oder der Buran, der ist voller Sand und Nässe. Gib Acht, dass du nicht hineingerätst.“ „Ja, ja Opa Karl, ich will heute noch einmal zum Steinadler. Vielleicht kann er mir jetzt etwas von meinen Eltern erzählen“, antwortete Wölkchen und schwebte davon.
Es war schon wieder ein schöner Tag. Die Sonne brannte auf die Erde nieder und außer Wölkchen war keine Wolke unterwegs. Wölkchen schwebte gerade über München, da sah es ein kleines, schreiendes Mädchen in einem Auto. Die Mutter hatte nur schnell etwas einkaufen und ein paar Freundinnen treffen wollen – doch sie hatte ihr Kind vergessen. Nun wurde die Luft im Auto immer stickiger und heißer. Wölkchen senkte sich sofort herunter und ließ es auf das Auto regnen. So kühlte das Dach etwas ab. Dann schaute Wölkchen, wo die Sonne stand und stellte sich genau davor – sodass das Auto nun im Schatten lag. Das Kind beruhigte sich. Nun kam die Mutter angerannt und wunderte sich, als sie die Autotür öffnete, dass es trotz der Hitze draußen im Auto so kühl war. Sie sah den Schatten, der auf den Wagen fiel, und sah nach oben. Danke Wölkchen, du hast uns gerettet.
Wölkchen zog zufrieden weiter und hatte für einen Moment die eigenen Sorgen vergessen. Da kam ein leichter Fön auf und nahm Wölkchen mit in die Berge. „Grüß dich Wölkchen“, begrüßte es der alte Steinadler, der nun erholt aussah. Er plauderte einfach los. „Ich habe Zugvögel getroffen. Eine Gruppe Gänse von weither, zwei Schwalben, einen Mauersegler, die haben nichts von Amerika gehört. Das Storchenpaar hat aber einen Tornado in Florida miterlebt. Es war ganz schlimm.
Ein heilloses Wolkenwirrwar ist entstanden, es gab viele Verletzte, aber zum Glück haben die Wolken keinen großen Schaden genommen. Allerdings sind einige Wolken noch nicht aufgetaucht.“ „Gott sei dank, sie leben noch“, seufzte Wölkchen, „aber wohin sind sie getrieben?“ Auch darauf hatte Adi eine Antwort: „Gestern waren zwei Kraniche aus Kanada hier, die meinten, einige Wolken aus dem Tornado habe es hierher verschlagen. Die waren sehr ramponiert und brauchten dringen Erholung.“ Dann erzählte der Steinadler noch, dass am Wochenende ein großes Vogelkonzert stattfindet und Singvögel aus aller Welt kämen. „Da erfahre ich bestimmt noch mehr. Schau bald wieder vorbei“, krächzte er und flog davon.
Der Himmel hatte sich inzwischen verändert. Ein großer Wolkenzug kam heran. Wölkchen stieg auf und wurde sofort eingeschlossen. „Dich kenne ich doch, du bist Wölkchen“, hörte es hinter sich eine bekannte Stimme. Als es sich umdrehte, staunte es: „Hallo Onkel, wo kommt ihr denn her? Weißt du, wo Mama ist?“ „Das ist eine lange Geschichte“, sagte Wölkchens Onkel, der bekannt für seine Ausschweifungen war. „Der Tornado war einen Kilometer breit und wir waren mittendrin. Du bist mit deinen Eltern nach rechts rausgeschleudert worden. Doch plötzlich warst du nicht mehr da. Du bist wohl weg zur Meerseite geweht worden. Wir wurden die Küsten entlang mitgenommen, bis zum Ende des Tornados. Nun ziehen wir langsam und vorsichtig dahin, weil sich einige Familienmitglieder erholen müssen. Wir tanken frische Luft über den Alpen. Und über dem Mittelmeer wollen wir unsere Verletzungen ausheilen lassen.“ Wölkchen war schon ganz zappelig. „Weißt du, wo Mama und Papa sind?“, fragte es aufgeregt. Und noch ehe der Onkel antworten konnte, kamen Wölkchens Eltern um die Zugspitze geflogen. War das eine Freude. Mama und Papa stupsten Wölkchen glücklich, und die kleine Wolke plapperte sofort drauflos.
Ich habe dir ja schon erzählt, dass es auf der Welt verschiedene Wolken gibt. Sie können sich verändern, größer, kleiner, länger, runder werden, die Form verändern und sich an Verhältnisse anpassen. Die Farbe zeigt ihren Gemütszustand. Weiße Wolken sind friedlich. Wenn sie leicht grau werden, sind sie grantig oder krank. Schwarze Wolken sind zornig. Wölkchens Familie war jetzt wieder ganz weiß und rund, denn alle waren glücklich. Der Onkel meinte nach der großen Begrüßung: „Wir bleiben hier und wandern die Berge entlang und dann über das Mittelmeer zurück, immer im Kreis herum, das ist schön, die Luft ist gesund. Die schreckliche Zeit in Amerika ist vorbei, jedes Jahr diese Tornados und Hurrikane, die uns das Leben schwer gemacht haben. Wir bleiben jetzt hier. Wir haben hier Freunde gefunden und die Familie ist zusammengerückt.“
Von Birgit Hinne aus Stöttwang
Es war einmal vor langer Zeit, da gab es auf der Erde eine große Mäuseplage. Die Menschen waren darüber sehr unglücklich, denn die Mäuse fraßen das Getreide und die Früchte auf den Feldern und in den Gärten und sie kamen auch in die Ställe und Häuser und nagten alles an, was sie finden konnten. Was sie nicht komplett verputzten, konnten die Menschen trotzdem nicht mehr essen, weil alles mit Mäusepipi und Mäusekötteln vermischt war.
Natürlich gab es damals auch schon Katzen, die von jeher als Mäusefänger bekannt sind. Obwohl es wirklich viele Katzen gab und die Menschen diese auch gut behandelten, weil sie ihnen bei der Mäusejagd halfen, wurde die Anzahl der Nager nicht wirklich weniger. So ging es eine lange Zeit: Die Mäuse vermehrten sich und die Katzen fraßen so viele von ihnen, wie sie nur konnten.
Nun weiß ja jeder, dass Katzen sehr verspielte Tiere sind. Das war auch schon immer so. Als es nun Mäuse im Überfluss gab und die Katzen sich täglich vollfressen konnten, fingen sie an, mit den übrigen Mäusen zu spielen. Wer schon einmal ein Katz-und-Maus-Spiel gesehen hat, weiß, wer der Gewinner ist. Da ein voller Bauch bekanntlich müde macht und das Mäusespiel allmählich langweiliger wurde, ließ der Eifer der Katzen dann auch bald nach. Sie vergnügten sich nur noch halbherzig und kurz mit den gefangenen Mäusen und legten sich lieber zu einem ausgedehnten Nickerchen nieder. Nachdem die Katzen fertig gespielt hatten, lagen dann viele Mäuse wie tot auf der Erde.
Читать дальше