Der kleine Stern sah den Mond mit seinen traurigen Augen an und sagte unter Schluchzen: „Ich möchte anders heißen. Mein Name ist blöd, ich mag diesen Namen nicht: ERNST, so ein doofer Name.“ Der Mond schaute den Stern verdutzt an. „Also so etwas habe ich ja noch nie gehört, dass jemandem sein Name nicht gefällt, nein so was.“
Dann wurde er sehr nachdenklich. „So, so“, sagte er, „dir gefällt dein Name nicht. Da wollen wir doch mal sehen, was man da machen kann.“ Gemeinsam mit dem Wunschbaum überlegten sie, was man da tun könne, und der Baum hatte eine Super-Klasse-Idee:
„Soviel ich weiß, lieber Stern, ist deine Taufpatin die Regenbogenfee.“ Ja, auch Sterne bekommen bei der Geburt eine Fee zur Patin. „Ich werde ihr ein Traumtelegramm schicken, ihr von deinen Nöten erzählen und sie bitten, dir ein paar von ihren Farben vorbeizubringen. Dann malst du deinen Namen um. Du malst das E gelb, das R blau, das N orange, das S rot und das T grün. Dann stellst du das rote S an die erste Stelle, das grüne T an die zweite Stelle, das gelbe E in die Mitte, das blaue R an die vierte Stelle und das orange N an die letzte Stelle. Siehst du, was dabei herauskommt? Du hast den schönsten Namen der Welt, es wurden nur die Buchstaben vertauscht.“
Der Stern strahlte, alle seine Traurigkeit war wie weggemalt. Und als der Mond nach einem Monat, als er wieder mal voll war, nach dem Stern schaute, sah er, dass der heller als alle anderen Sterne strahlte und sogar die Menschen auf der Erde damit ansteckte. Schaut beim nächsten sternenklaren Himmel mal hoch, da seht ihr den kleinen Stern Ernst ganz groß leuchten.
Von Kaspar Schwärzli aus Lichtenau
Wie du weißt, gibt es am Himmel viele Wolken, ein ganzes Volk. Verschieden, wie die Menschen auf Erden: weiße, graue, rote, die im Abendrot besonders schön leuchten. Und ganz schwarze, die kriegerisch sind und vollgeladen mit Strom. Die einen haben Minus-Strom, die anderen Plus-Strom – und wenn die aneinandergeraten, dann blitzt und donnert es. Aber wie auf Erden gibt es viele gute, die sind weiß. Große und kleine Familien. Die Schäfchenwolken sind besonders viele und gern in Herden. Denn sie sind gesellige, verspielte und lustige Wolken.
So eine war Familie Wolke, die hatte ein Kind, das sie Wölkchen nannte. Die Familie erkundete die Welt. So schwebten die drei Wolken über den blauen Himmel von Amerika. Die Familie genoss die Aussicht auf das Land. Unten sahen die Wolken den Colorado River, die Rocky Mountains, die Prärie in der Abendsonne – das Leben war schön. Doch es blieb nicht so.
Amerika ist bekannt für seine Stürme. So kam frühmorgens, als alle schliefen, ein Tornado herangebraust. Zweihundert Stundenkilometer hatte er drauf und zerstörte alles, was ihm im Weg stand. Selbst die friedlichen Wolken wurden zerrissen, hin und her geschleudert und in alle Richtungen vertrieben. Wölkchen wusste nicht, wie ihm geschah. Erst wurde ihm schwindelig, dann wurde es mitgerissen und flog mit hoher Geschwindigkeit übers Meer. Als es zum Halten kam, sah es sich um. Alles weiß und blau: Das musste Bayern sein, von dem schönen Land hatten seine Eltern schon viel erzählt. Da lebten auch gesellige, gutmütige und verspielte Leute – „Menschen wie die Schäfchenwolken“, hatte Papa Wolke gesagt. Einigermaßen erleichtert und sehr müde schwebte Wölkchen tiefer und sah einen großen Nussbaum im Garten. „Da lass ich mich nieder und ruhe eine Weile aus“, dachte es sich.
Der Kindergartenopa Karl staunte nicht schlecht, als er morgens aufstand und es vor seinem Haus etwas dunkel war. Ja, ein kleiner Nebel, ein Wölkchen saß auf seinem Nussbaum. Du weißt ja, dass Wolken, die tief schweben, zu Nebel werden, weil sie sich ausweiten. Je höher sie kommen, desto dichter werden sie. Hoch oben schauen sie viel kleiner aus. Opa Karl ging raus, um das Ding genauer zu beobachten. Da er mit den Blumen und den Bäumen normal redete, sie immer fragte, wie es ihnen ging, sprach er auch mit dem Wölkchen. „Warum bist du so traurig? Du weinst ja.“ Ein paar Tropfen fielen auf den Boden. „Und wo kommst du her?“, fragte Opa Karl weiter. Wölkchen war erstaunt, dass jemand mit ihm sprach und erkannt hatte, dass es Kummer hatte. Die kleine Wolke erzählte alles, an das es sich erinnern konnte und dass es traurig war. Es wollte unbedingt seine Eltern suchen.
„Ja, ja“, meinte Opa Karl, „ich hab’s im Fernsehen gesehen, wie der Tornado gewütet hat und übers Meer weitergezogen ist. Hier in Europa haben wir nichts mehr davon gespürt. Deine Eltern sind wohl entweder im Landesinneren der USA oder in einem Nachbarland zu finden. Wir müssen von Florida ausgehen, da war der Tornado.“ „Wie komme ich dahin?“, fragte Wölkchen. Opa meinte: „Es gibt viele Winde, die immer dieselbe Strecke wehen. Ich werde dir einen Fahrplan erstellen. Ich bin nämlich Windexperte und kenne alle Winde, die dich nach Amerika zurückbringen“, meinte Opa Karl und erzählte weiter: „Ich habe jedes Jahr ein paar Vögel in meinem Garten zu Gast, auch ein Schwalbenpaar unter dem Dach. Die treffen auch andere Wandervögel. Da wollen wir mal nach deinen Eltern fragen.“ „Au fein“, meinte Wölkchen, „ich fühl mich auch wieder gut. Ich steige auf, der Himmel ist blau. Oben treffe ich viele Zugvögel. Vielleicht erfahre ich etwas über meine Eltern.“
So geschah es, dass Wölkchen über Bayern schwebte und unser schönes Land kennenlernte. Es sprach mit einigen Vögeln. Ein Geier meinte: „Ich habe keine Grenzen überschritten. Mir geht es gut hier. Ich weiß nichts von einem Tornado. Der alte Steinadler auf der Zugspitze, der weiß und hört viel. Ja, der könnte dir helfen.“ So schwebte Wölkchen dem großen Berg entgegen.
Unten, auf einer großen Wiese, war ein Häschen in arger Not. Es wurde von einem Fuchs gejagt. Schon wollte der zuschnappen, doch der Hase machte einen Linkshaken und hatte jetzt einen kleinen Vorsprung. Der Fuchs bekam nicht so schnell die Kurve. Aber beim nächsten Anlauf sah es schlecht für den Hasen aus. Da reagierte Wölkchen schnell und ließ sich auf die Tiere nieder. Im dichten Nebel schlug Häschen einen Haken nach rechts, während der Fuchs geradeaus lief. Er landete im Wald, das Häschen auf dem Feld. Wölkchen stieg auf und freute sich, dem Fuchs ein Schnippchen geschlagen zu haben.
Wölkchen war noch aufgeregt und stieß mit einer anderen Wolke zusammen. „Oh, entschuldige bitte, ich habe dich nicht gesehen. Wo kommst du her?“, sagte die Wolke. „Von unten, ich war zu schnell und habe dich nicht gesehen“, antwortete Wölkchen. „Ich komme über den Ozean aus Amerika“, sagte Wolkelino. Aufgeregt fragte Wölkchen: „Hast du was von meinen Eltern gehört, von Familie Wolke?“ „Nein, nein, wir sind schon länger hier und schauen uns Europa an. Wir wollen mit dem Südwind jetzt nach Griechenland“, antwortete Wolkelino und schwebte seinen Eltern hinterher.
Wölkchen stieg höher und näherte sich der Zugspitze. Da sah es den alten Steinadler, der weise war und schon lange dort lebte. Er kannte viele Tiere und Wolken, die bei ihm in über 2000 Metern Höhe vorbeikamen. Er stand auf einem Felsvorsprung und sah ins tiefe Tal. Wölkchen hängte sich an die Felswand neben ihm. „Guten Tag Adi, wie geht es dir?“, fragte es. „Hallo Wölkchen, wo kommst du her?“, fragte der Steinadler. „Jetzt aus Lichtenau, sonst aus Amerika“, sagte Wölkchen und erzählte, was passiert war. „Kannst du mir helfen, meine Eltern wieder zu finden?“ Adi dachte nach, es kamen viele Zugvögel bei ihm vorbei. Auch Wolken von überall her. Da waren letzte Woche Schichtwolken aus Russland, Regenwolken aus der Türkei, Gewitterwolken aus England. Er wolle sich umhören, sagte Adi. „Ich muss zurück zu Opa Karl nach Lichtenau, der weiß jetzt bestimmt, welche Winde mich zurück nach Amerika bringen“, dachte es sich und flog wieder los. Der Frankenwind trug Wölkchen. Über die Lichterstadt München, dann nach Ingolstadt, das auch schön leuchtete bei Nacht, und dann ging es links ab nach Lichtenau. Müde von der Reise und dem kleinen Abenteuer schlief Wölkchen auf dem Nussbaum ein.
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