Damian stieg auf der Fahrerseite ein und sie nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
„Hast du hier drinnen keinen Türgriff?“, fragte sie, da ihr dies sofort aufgefallen war.
Damian errötete, jedoch mehr aus Ärger, als weil ihm seine eigene Unachtsamkeit verlegen machte. „Es ist mir nicht aufgefallen, okay?“, brachte er wütend hervor. Immerhin hatte seine Seite einen Türgriff und nur der auf der Beifahrerseite war abgebrochen. Als er den Wagen Probe gefahren hatte, hatte er aussteigen können und deshalb war ihm dieses Detail entgangen.
„Wie kann einem das nicht auffallen?“, fragte sie lachend.
„Das musst du ja fragen, weil du dich natürlich nicht mit Autos auskennst.“, gab er unwillig zurück. Dass sie sich über ihn lustig machte, konnte er kaum ertragen, aber dass es ihr egal war, dass sie damit seine Gefühle verletzte, hasste er. So war sie häufig. Sie merkte nicht einmal, dass sie unsensibel oder taktlos war.
„Dann ist ein Auto ohne Türgriff also besser als eines mit?“, erwiderte sie, unbeeindruckt von seiner Wut. Es war schließlich nicht ihre Schuld gewesen, dass er so einen Wagen gekauft hatte, aber es bestätigte ihre Vermutung, dass er sich hatte über den Tisch ziehen lassen und es noch immer nicht zugeben wollte.
„Ich habe mich auf den Motor und die Technik konzentriert.“, sagte er und maß sie mit einem herablassenden Blick, der ihr verdeutlichen sollte, dass sie von so etwas natürlich keine Ahnung hatte. „Es ist ja klar, dass du dich nur auf das Aussehen des Autos fixierst. Weil du eben keine Ahnung hast, Luna.“ Er startete den Motor und dieser erstarb nach wenigen Sekunden wieder. Damian lief rot an, so peinlich war es ihm.
Er startete noch einmal und dieses Mal krachte es laut und eine rußige Wolke entfloh dem Auspuffrohr. Daraufhin brach sie neuerlich in Gelächter aus.
Damian ignorierte sie voller Zorn und fuhr los.
Eine ganze Weile schwiegen sie, er weil er wütend auf sie war und sie, weil sie ihren Gedanken nachhing. Schließlich, nach mehr als einer halben Stunde, blickte er sie aus dem Augenwinkel an.
„Luna, ich weiß ja, dass du dir nicht viel aus der Religion der Moslems machst…-“
„Es heißt Muslime.“, korrigierte sie ihn, wobei auch sie weiterhin auf die Straße blickte, anstelle ihn anzusehen. Er hatte den Satz schon so angefangen, dass sie sicher war, dass er etwas Unsinniges von ihr verlangen wollte. Sie konnte ihn leicht durchschauen, wenn sie sich die Mühe machte.
„Von mir aus.“, sagte er und schluckte neuerlich seinen Ärger über sie herunter. „Es geht mir darum, dass du zu europäisch aussiehst.“
„Ich bin Europäerin.“, sagte sie und blickte ihn nun doch an.
„Das weiß ich, verdammt.“, brachte er wütend hervor. Dann riss er sich zusammen. „Das weiß ich, aber…-“
„Aber was?“, fuhr sie ihm dazwischen. „Was willst du damit sagen?“ Es ärgerte sie, dass er, kaum dass sie angekommen war, auch schon wieder versuchte, ihr Vorschriften zu machen. Er tat das häufig, weil er der Meinung war, dass sie noch ein Kind war und eine führende Hand bräuchte. Seine Arroganz regte sie immer wieder auf. Manchmal machte es sie so wütend, dass sie sich vorstellte, wie sie ihm die Wahrheit über sich sagte, nur um ihn darüber erzittern zu sehen.
„Sieh dir die Frauen hier an, Luna.“, bat er mit sanfter Stimme. Beinahe so, als würde er auf ein störrisches Kind einreden. „Sie tragen alle diese Schleier…-“
„Abaya.“, sagte sie. Dies war der Name der traditionellen schwarzen Gewänder. Es ärgerte sie, dass er noch nicht einmal das wusste und dennoch hier leben wollte. Gleichzeitig versuchte er ihr etwas zu erklären, von dem er sehr viel weniger Ahnung hatte als sie und auch das schrieb sie seiner Arroganz zu. Sie hatte beinahe vergessen, wie anstrengend er war, doch nun erinnerte er sie perfekt daran.
„Alle Frauen tragen sie oder sie verhüllen zumindest ihr Haar und das Gesicht.“, fuhr Damian ungeachtet ihres Einwandes fort. Dass sie mehr von der Kultur und der Sprache dieses Landes verstand, wusste er und es ärgerte ihn, weil sie ihm damit das Gefühl gab, wichtiger zu sein, als er. Viele der Einheimnischen ließen sich auch medizinisch lieber von ihr versorgen als von ihm, dabei war sie noch nicht einmal eine Krankenschwester und er ein ausgebildeter Arzt.
„Du tust geradezu so, als würde ich wie eine Nutte rum laufen.“, sagte sie kopfschüttelnd. Dabei trug sie eine lange Jeans und ein langärmliges Oberteil, das auch nicht zu viel von ihrem Busen zeigte. Sie wusste, wie man sich als ausländische Frau in diesem Land kleiden sollte und sie wusste, im Gegenteil zu ihm, auch, dass die Iraker es nicht schätzten, wenn eine Touristin sich wie eine Irakerin kleidete oder ein Kopftuch trug. Sie empfanden dies zumeist als eine Respektlosigkeit, weil es, ohne den religiösen Glauben dahinter, mehr eine Verkleidung war als alles andere. Damian hatte davon jedoch keine Ahnung, weil er sich nicht für Menschen interessierte, die anders waren als er. Auch im Irak verbrachte er seine Freizeit nur mit hier stationierten Amerikanern.
„Würdest du bitte nicht immer so vulgär sein.“, ermahnte er sie stöhnend.
Sie rollte genervt die Augen und besann sich dann. Es hatte keinen Sinn mit ihm zu diskutieren, weil er ihre Argumente nicht einmal beachtete. Und sie selbst hatte augenblicklich ebenfalls keine Lust mehr, ihm zu zuhören. Sie wollte ihre Ruhe haben, also sprang sie über ihren Schatten und gab nach. „Aber ich weiß, was du meinst.“, sagte sie einlenkend. „Ich habe andere Kleidung dabei, die vielleicht passender ist. Vielleicht lässt du mich aber erst einmal ankommen, ehe du anfängst, alles an mir auszusetzen.“
Damian lächelte versöhnlich. Jeder kleine Sieg über sie, war für ihn ein wahrer Triumph. Er hatte sie nicht wegen ihrer Stärke ausgesucht, sondern weil sie schön war. Nun wollte er ihr nur noch das, seiner Meinung nach, angemessene Benehmen beibringen. „Selbstverständlich.“, sagte er und gab sich auch dabei mit einer Nachsicht, die er nicht empfand. „Wir haben ja Zeit.“ Er tätschelte ihre Hand, stellte aber schnell fest, dass sie diese Berührung weder genoss, noch sie erwidern würde. Auch was körperlicher Nähe betraf, war sie distanziert. Diese Tatsache war für ihn jedoch schwerer zu ertragen, weil er nun einmal Bedürfnisse hatte. Würden sie endlich verheiratet sein, würde sie sich hoffentlich nicht mehr so abweisend verhalten. Doch würde sie sich ihm auch dann weiter so kühl zeigen, würde er sich eben weiterhin Geliebte halten. Vielleicht konnte er sie sogar zu einer Ehe nach islamischem Recht überreden und seinen Betrug damit legal machen. Er verstand nicht, wie eine so junge und schöne Frau so leidenschaftslos und kalt sein konnte. Sie war immer so merkwürdig verschlossen und sie lachte beinahe nie, obgleich sie, wenn sie lächelte, noch besser aussah. Damian hatte noch keinen Weg gefunden, sich ihr zu nähern, aber er vermutete, dass es auch nicht möglich war, ihr wirklich nahe zu sein. Das war nicht ihre Art und so hatte er angefangen, auch andere Frauen zu treffen. Da sie, zumindest bisher, meistens auf einem anderen Kontinent als er gewesen war, hatte sie diesbezüglich auch keinen Verdacht gegen ihn und es ihm sehr leicht gemacht, sie zu betrügen. Vielleicht würde er nun, da sie mit ihm zusammen leben würde, kein Bedürfnis mehr nach anderen Frauen verspüren. In jedem Fall war er erleichtert, dass er seinen amerikanischen Freunden vom Militär endlich seine schöne Verlobte vorstellen konnte, sodass sie ihn nicht länger für einen Prahler hielten. Sie war so selten bei ihm gewesen, dass seine Bekannten annahmen, er habe sich diese Verlobte entweder nur ausgedacht, oder dass sie wirklich hässlich war, sodass er sich für sie schämen musste. Nun würde er ihnen triumphierend das Gegenteil beweisen können.
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