Orlando schwieg einen Moment und betrachtete sie dabei eingehend. Schließlich fragte er: „Wieso reisen Sie in den Irak?“
„Mein Verlobter wartet auf mich. Das war nicht gelogen.“, antwortete sie. „Und meine Arbeit ist dort.“
„Aber nicht beim Roten Kreuz.“, behauptete er.
„Sind Sie sich da sicher, Orlando?“, fragte sie und lächelte geheimnisvoll.
„Werden Sie in Bagdad bleiben?“, fragte er weiter.
„Ja.“, log sie vorsichtshalber.
„Sie lügen.“, erkannte er sogleich und musste darüber lachen. „Und sogar das wirkt bei Ihnen hinreißend.“
Christina wandte sich ihm nun endgültig zu und schnallte sich, überhaupt das erste Mal während eines Fluges, ab, um bequemer sitzen zu können. „Wird das wieder einer Ihrer Versuche, mich zu einem Drink zu überreden?“, zog sie ihn auf.
Orlando lehnte sich zurück und lächelte selbstsicher. „Sie werden mit mir ausgehen, Chris.“, sagte er überzeugt. „Vielleicht nicht heute, aber irgendwann bestimmt.“
Sie blickte ihn lächelnd an und schüttelte leicht, aber verneinend den Kopf.
Er lächelte noch immer. „Sie müssen wissen, dass ich niemals aufgebe, wenn die Sache einen Kampf wert ist.“, sagte er entschieden. Nun beugte auch er sich zu ihr vor, sodass ihre Gesichter dicht beieinander waren. „Und bei Ihnen werde ich nicht aufgeben.“
*
Irak, Neunzehnter März 2003
Orlando und Christina hatten das Flughafengebäude in Bagdad gemeinsam verlassen. In der heißen Sonne standen sie am Straßenrand und blickten einander lächelnd an. Während es in Spanien angenehme 20 Grad Celsius gewesen waren, maß Bagdad zu dieser Stunde 31 Grad.
Orlandos Ziel war Karch, das Zentrum von Bagdad. Er würde das Raschid-Hotel aufsuchen und sich vorerst dort einquartieren, obgleich er auch in Bagdad eine Wohnung unterhielt. Sobald er Nachricht von Ambrose erhielt, wäre er in der Lage seine Freunde aufzusuchen und mit ihnen den Einflug und weiteren Transport der Waffen zu planen.
Christinas eigentliches Ziel war Falludscha, was mit dem Auto beinahe zwei Stunden vom Zentrum von Bagdad entfernt war. Allerdings hatte sie mit Damian besprochen, dass er sie am Flughafen abholte, damit sie gemeinsam in ihr neues Heim fahren könnten, sodass sie den Besuch bei Ali auf einen späteren Zeitpunkt verschieben musste. Christina hätte lieber ein Taxi genommen, um zu Damians Haus zu fahren, aber sie hatte sich von ihm überreden lassen. Als sie das letzte Mal mit ihm telefoniert hatte, hatte er ihr mitgeteilt, dass die Renovierungsarbeiten an ihrem Haus beinahe abgeschlossen waren. Vielleicht würde sie nun schon ein fertig saniertes Haus beziehen können, denn ihr letztes Gespräch lag über eine Woche zurück.
„Leben Sie wohl, Orlando.“, sagte Christina und reichte ihm die Hand.
„Auf Wiedersehen.“, erwiderte er und zog sie an ihrer Hand näher an sich. „Hoffentlich schon bald.“
Sie lächelte. „Sie trauen dem Zufall zu viel zu.“, sagte sie lächelnd.
„Kennen Sie die sechs Glaubensgrundsätze des Islams?“, fragte er.
Sie nickte. „Ja.“
„Wie lautet der sechste Grundsatz?“
Sie überlegte einen Moment, nicht sicher, worauf er hinaus wollte. „Der Glaube an die göttliche Vorsehung.“, erinnerte sie sich. Christina blickte zu ihm auf und in ihrem Blick lag sowohl Verwunderung, als auch Verlegenheit. Sein Blick hingegen war wärmend und drückte neben seiner üblichen Selbstsicherheit eine Sehnsucht aus, die ihr nie zuvor bei ihm aufgefallen war. Doch noch ehe sie etwas darauf erwidern konnte, wurde ihre Hand ergriffen und sie selbst herumgewirbelt. Im nächsten Moment befand sie sich auch schon in einer Umarmung mit Damian.
„Luna, da bist du ja endlich!“, rief er freudig auf Englisch. Er sprach auch Arabisch, aber nicht annähernd so gut wie seine Verlobte. „Ich hatte schon Angst, du würdest es dir anders überlegen.“
„Ja…-“, sagte sie verwirrt. Sie blickte sich suchend nach Orlando um, aber er war schon in der Menschenmenge verschwunden. „Ja, aber ich bin hier.“, sagte sie und sah dann ihn an. Ihre Traurigkeit, aus dem Gespräch mit Orlando gerissen worden zu sein, überwog zu ihrer Schande der Freude, über das Wiedersehen mit ihrem Verlobten. Dennoch zwang sie sich zur Beherrschung und lächelte ihm zu. „Du hast abgenommen.“, bemerkte sie. Damian war ihr von der Körpergröße nur gering überlegen, sodass sie ihm ohne Schwierigkeiten in die grünen Augen sehen konnte. Sein braunes Haar war immer noch so lang wie vor ihrer Abreise nach London, was ein wenig ungepflegt wirkte, wenn gleich sie wusste, dass er das nicht war. Er trug nun eine Brille, wo er vorher, der Eitelkeit wegen, Kontaktlinsen getragen hatte.
Damian legte seine Hände an ihre Taille und blickte sie ebenfalls aufmerksam an. Er war 24 Jahre älter als sie und ihre Anwesenheit schmeichelte auch ihm. „Wer war der Mann, mit dem du dich eben unterhalten hast?“, wollte er wissen. Er fragte es weder misstrauisch, noch eifersüchtig, sondern mit bloßem Interesse. Sie musste sich erst wieder daran gewöhnen, dass es auch Menschen in ihrem Leben gab, die keinerlei Täuschungen versuchten, die anderen prinzipiell vertrauten und auch selbst ehrlich waren.
„Ein Firmenvertreter.“, log sie sogleich ungeniert. „Wir haben im Flugzeug nebeneinander gesessen.“
Damian nickte und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nach seinem Blick zu urteilen, hätte ich angenommen, dass ihr euch schon länger kennt.“
Sie schüttelte leicht den Kopf und die Locke fiel ihr neuerlich ins Gesicht. „Nein.“, sagte sie lächelnd. Sie nahm ihre Taschen auf und er nahm ihr eine davon ab.
„Ist ja auch nicht wichtig.“, tat er das Thema dann ab. Sie war nicht sonderlich gesprächig und er wusste, sie würde nun auch nichts von seiner Eifersucht hören wollen. Er war nicht eifersüchtig weil die beiden sich unterhalten hatten, sondern weil der Mann, wenn er auch ein wenig einschüchternd wirkte, gut aussah. Damian fürchtete immer wieder, dass er, hauptsächlich aufgrund seines Alters, an Attraktivität verlor. Seine Verlobte hingegen war noch sehr jung, was ihm gefiel, denn er hatte immerzu sehr junge Frauen gehabt, aber er fürchtete doch hin und wieder, dass sie, aufgrund ihrer Naivität, wechselhaft sein konnte und einem attraktiven Fremden vielleicht nachgab. Allerdings tat er diese vorwurfsvollen Gedanken nun ab. Sie war seinetwegen in dieses, seiner Meinung nach, verfluchte, Land gekommen. Sie würde ihn heiraten und mit ihm leben.
„Wie weit sind die Arbeiten an dem Haus vorangeschritten?“, fragte sie und folgte ihm derweil zu einem kleinen Polo, den er sich erst vor kurzem angeschafft hatte. Der Wagen war alt und rostig und sie war sich augenblicklich sicher, dass Damian sich von einem Einheimischen hatte über den Tisch ziehen lassen. Doch das sagte sie ihm nicht, denn er war, als er ihr am Telefon von dem Kauf erzählt hatte, sehr stolz auf seine Verhandlung und auch sein Geschick, Arabisch zu sprechen, gewesen. Wenn sie ehrlich war, schwieg sie jedoch nicht, um seine Gefühle nicht zu verletzen, sondern viel mehr, weil er sie für ein naives Mädchen hielt, was keine Ahnung von der Welt hatte. Sie ließ ihn lieber in diesem Glauben, denn so hinterfragte er ihre Person nicht weiter.
„Es läuft alles hervorragend.“, antwortete er mit einem zufriedenen Lächeln.
Sie hoffte, dass es nicht so hervorragend war wie das Auto, das er sich hatte andrehen lassen und welches er auch hervorragend fand.
Damian verfrachtete ihre Taschen in den Kofferraum und brauchte dann mehrere Versuche, um den Deckel zu schließen, da das Schloss nicht gleich fasste. Er lächelte jedoch noch immer. „Unser Haus ist noch rechtzeitig zu deinem Einzug fertig geworden.“, setzte er hinzu. Sie sagte so gut wie nie „uns“ oder „wir“, also tat er es umso häufiger. Damian glaubte, sie auf diese Weise von ihrer emotionalen Verkrüppelung zu heilen. Doch dass er sie für alles andere als gefühlsbetont hielt, würde er ihr nicht sagen, denn er hasste es zu streiten, wenngleich dies die einzige Form der Gefühlsaussprache war, die sie nicht abzulehnen schien. Er zog es vor, sie unterschwellig zu kurieren.
Читать дальше