Laut und chaotisch geht es bis Anfang Oktober weiter. Tiefes Grollen kündigt das schwere Geschützfeuer der Kreuzer „Emden“ und „Leipzig“ an. Hunderte 15-Zentimeter-Granaten zerschlagen die Küstenbatterien der Sowjets. Am 5. Oktober fällt Ösel. Rund 4.000 Gefangene überleben das Inferno fernab der Hauptfront und Schlagzeilen. Einer, der darüber hätte berichten sollen, schweigt bereits für immer: Filmtruppführer Leutnant Klier ist am 21. September auf Ösel gefallen. Erst am 5. Dezember, mit der kampflosen Besetzung von Odensholm durch Marineinfanterie, ist die letzte der Baltischen Inseln erobert.
Auf dem Festland hat die 18. Armee inzwischen das Westufer des riesigen Peipus-Sees gesäubert und die Stadt Dorpat genommen. Mit dem Fall von Narwa, dessen Verteidiger nach schweren und verlustreichen Kämpfen im Zangengriff der 58. und 291. Infanteriedivision bis zum 19. August verbluten, wird auch der Großteil der 18. Armee endlich frei für den lang ersehnten Schlussangriff auf Leningrad – im Verbund mit der gepanzerten Speerspitze. Die Kampfwagen von Hoepners Panzergruppe 4 haben Anfang Juli die alte lettisch-russische Grenze erreicht. Nach den geglückten Düna-Übergängen soll Mansteins LVI. Panzerkorps bei Opotschka über die Welikaja setzen, während Reinhardts XXXXI. Panzerkorps weiter nördlich, auf die Brücke bei Ostrow, angesetzt wird. Zuvor muss jedoch die Stalin-Linie durchbrochen werden. Die fanatischen Soldaten der SS-Totenkopfdivision, die sich am 6. Juli bei Sebesch zum Sturm auf die befestigten Feldstellungen bereitstellen, brennen auf ihren ersten „richtigen“ Einsatz im Osten …
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Gruppen der besonderen Art rotten sich indes hinter der Ostfront zusammen. Zum einen die gut organisierten deutschen Killer-Kommandos der Einsatzgruppe A unter Führung von SS-Brigadeführer Dr. Stahlecker. Zum anderen der wilde baltische Mob, der Mord als legitimes Mittel erachtet, um sich an den russischen Besatzern zu rächen. Meist jedoch müssen stellvertretend die Juden bluten. Unschuldige, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Schrecklich wüten die Pogrome in Kowno. Unfassbar grausam sind die gespenstischen Szenen, die der Stabsoffizier von Bischoffshausen sieht. In seinem erschütternden Bericht heißt es:
„Als Adjutant erhielt ich den Befehl, den Stab der in Kowno liegenden 16. Armee aufzusuchen. Am Vormittag des 27. Juni traf ich dort ein. Auf der Fahrt in die Stadt kam ich an einer Tankstelle vorüber, die von einer dichten Menschenmenge umlagert war. In dieser befanden sich auch viele Frauen, die ihre Kinder hochhoben oder, um besser sehen zu können, auf Stühlen und auf Kisten standen. Der immer wieder aufbrausende Beifall – Bravo-Rufe, Händeklatschen und Lachen – ließ mich zunächst eine Siegesfeier oder eine Art sportliche Veranstaltung vermuten. Auf meine Frage jedoch, was hier vorgehe, wurde mir geantwortet, dass hier der ,Totschläger von Kowno‘ am Werk sei. Kollaborateure und Verräter fänden hier endlich ihre gerechte Bestrafung! Nähertretend aber wurde ich Augenzeuge wohl des furchtbarsten Geschehens, das ich im Verlaufe von zwei Weltkriegen gesehen habe. Auf dem betonierten Vorplatz dieser Tankstelle stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25-jähriger Mann, der sich gerade ausruhend auf einen armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen etwa 15 bis 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Wasserschlauch floss ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in einen Abflussgully. Nur wenige Schritte hinter diesem Manne standen etwa 20 Männer, die – von bewaffneten Zivilisten bewacht – in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann der Nächste schweigend vor und wurde auf die bestialischste Weise mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde. Beim Armee-Stab erfuhr ich sodann, dass diese Massen-Exekutionen dort bereits bekannt waren, und dass diese selbstverständlich das gleiche Entsetzen und die gleiche Empörung wie bei mir hervorgerufen hatten. Ich wurde jedoch darüber aufgeklärt, dass es sich hier anscheinend um ein spontanes Vorgehen der litauischen Bevölkerung handle, die an Kollaborateuren der vorausgegangenen russischen Besatzungszeit und an Volksverrätern Vergeltung übe.”
Wahr ist, dass während der sowjetischen Besatzung 1940/41 Zehntausende Balten als vermeintliche Regimegegner liquidiert oder deportiert worden sind. Stellvertretend für die abgerückten kommunistischen Herren werden die Juden zur Zielscheibe des eskalierenden Volkszorns, den die SS geschickt schürt. Gegen die Pogrome schreitet zumindest keine deutsche Dienststelle ein. Peter Baron von der Osten-Sacken 79erlebt als Soldat an der Mittelfront beschämende Szenen. Er sieht, wie in der Hauptsache baltische Frauen die geräumten Wohnungen ihrer ehemaligen Nachbarn plündern und den durch die Straßen getriebenen Juden noch die letzten Habseligkeiten vom Leib reißen. Danach streitet sich der Mob laut zeternd um das Diebesgut. Plündern scheint eine besonders beliebte Form der Vergeltung zu sein.
Allerdings kann kein erduldetes Leid rechtfertigen, Unschuldige zu keulen wie Vieh. Genauso wenig lassen sich die Geiselerschießungen der Deutschen, die weder Frau noch Kind verschonen, entschuldigen. Dennoch stößt man immer wieder auf die seltsame Neigung, unsagbare Verbrechen doch irgendwie zu rechtfertigen. Und die Deutschen sind seit ihrer „Stunde Null” sogar Weltmeister darin, die eigenen Vergehen hoch zu halten und die der ehemaligen Gegner klein zu reden. Vielleicht weil Verlierer einsichtiger als Sieger sind? Bis heute kommt zum Beispiel kaum eine Darstellung über die Vertreibung der Ostdeutschen mit dem Hinweis auf die eigenen Verbrechen in der Sowjetunion aus. Diese Tatsache gehört zwar unbedingt in den Kontext der Gesamtbetrachtung gestellt. Aber entschuldigen kann die nachträgliche Selbstgeißelung die Täter nicht. Jene Rotarmisten, die im Winter und Frühjahr 1945 Zigtausende ermorden, millionenfach vergewaltigen, dabei weder zwölfjährige Mädchen 80noch frisch entbundene Mütter verschonen und bis aufs Blut schändeen, bleiben für alle Zeiten Verbrecher. Genauso wie die deutschen Massenmörder an den Grubenrändern und die baltischen Totschläger auf den Stadtplätzen. Als „ein nicht zu verzeihender Schandfleck“ geißelt ein 20-jähriger Leutnant 81der Roten Armee die Verbrechen seiner Kameraden noch 60 Jahre nach Kriegsende.
Viele Opfer muss es schmerzen, von Politikern und Historikern erklärt zu bekommen, dass Rache als Motiv anzuführen sei, wenn ein ganzer, Dutzende Schwänze zählender Zug sowjetischer Soldaten ansteht, um eine einzige Frau bewusstlos oder tot zu stoßen. Die vielfach betrunkenen, gruppendynamisch handelnden Vergewaltiger werden in diesem Moment, mit runtergelassenen Hosen, bestimmt nicht edle Motive, wie Vergeltung für die ermordeten Angehörigen und Landsleute, im Kopf haben. Gerechte Rächer mit Ständer? Grotesk! Generalleutnant Okorokow, Chef der Politverwaltung von Rokossowskis 2. Weißrussischer Front, zürnt am 6. Februar 1945 über die Schandtaten seiner Soldaten beim Einmarsch in das Deutsche Reich:
„Aber man darf Rache nicht mit Sauferei und Brandstiftung gleichsetzen. Ich zünde ein Haus an, und die Verwundeten sind nicht unterzubringen. Ist das etwa Rache? Wenn wir bei unseren Kämpfern das richtige Haßgefühl gegenüber den Deutschen entwickeln, dann fällt der Kämpfer nicht über eine Deutsche her, denn das wird ihm zuwider sein.“
Und der Oberleutnant Jurij Uspenskij notiert am 2. Februar 1945 beschämt in sein Tagebuch: „Wir rächen uns, aber nicht so.“
Doch die frommen Appelle verpuffen wirkungslos. Stattdessen vergewaltigen selbst höhere Dienstränge, darunter sogar ein Generalmajor (!) im niederschlesischen Herzogswaldau. Monatelang, sogar noch nach Kriegsende, behandeln rote Besatzer die weibliche Bevölkerung vielerorts wie Freiwild. Wenn in deutschem Namen millionenfach erschossen wurde, dann tragen die Sowjets Verantwortung für die Massenvergewaltigungen, die es in diesen ungeheuren Dimensionen – quasi als Kollektiverfahrung für Frauen – seitens der Wehrmacht in Russland nicht gab. An dieser Wahrheit können auch jüngste Veröffentlichungen 82, die Notzuchtverbrechen deutscher Truppenteile im Osten thematisieren, nicht rütteln. Dass die Wehrmacht nicht „sauber“ war, stellt keine furchtbar neue Erkenntnis dar. Ebenso wenig die Tatsache, dass es hinter der Front Bordelle wohl auch mit Zwangsprostituierten gab. Vor sexuellen Auswüchsen war und ist keine Armee der Welt gefeit. Über den Einzug der US-Soldaten in Paris Ende August 1944 wird berichtet: „Im Viertel Pigalle, das bei den GIs bald nur noch »Pig Alley« [Schweineallee] hieß, bedienten die Prostituierten pro Tag über 10.000 Männer. Schockiert waren die Franzosen auch, wenn sie US-Soldaten betrunken auf den Gehsteigen an der Place Vendôm herumliegen sahen. Der Kontrast zum Verhalten der deutschen Soldaten in ihrer Freizeit, denen es sogar verboten war, auf der Straße zu rauchen, konnte größer nicht sein.“ 83
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