Was Manstein betrifft, so ist dieser vermutlich gerade wegen seiner überragenden Fähigkeiten nur als Befehlshaber eines Panzerkorps in den Russlandfeldzug gezogen. Weder der Führer noch der OKH-Chef mögen sein Auftreten, die bisweilen arrogante Art des blonden Strategen mit der markanten Hakennase. Goebbels hasst den Preußen sogar leidenschaftlich und agitiert gelegentlich gegen den geborenen von Lewinski. Wahrscheinlich treffen sich im Fall Manstein Hitlers und Halders Interessen. Auf der einen Seite der Führer, der den Ruhm über den gewonnenen Frankreichfeldzug mit niemandem teilen will, auf der anderen der bayerische OHK-Chef, der sich von dem ehrgeizigen Preußen übergangen fühlte und jetzt in Russland sein ureigenes Meisterstück abliefern will. „Querschüsse aus der Stratosphäre“, verbittet sich Halder für den „Fall Barbarossa“, und zwar ganz gleich von welcher Seite.
Zum Glück ahnen die einfachen Soldaten nichts von den Widersprüchen in der oberen Führung. Sie marschieren weiter bei Gluthitze durch den weißen Sandstaub des Baltikums, leiden Durst, laufen sich die Füße wund, brechen mit Sonnenstich zusammen. Es gibt sogar Fälle, da sterben Männer an den Folgen der Gewaltmärsche. Erste Diagnosen von Ruhr treten auf. Kräfte zehrende, teils blutige Durchfälle sind die Folge. Als Ursache gilt die mangelnde Hygiene, die in weiten Teilen Russlands herrscht. Überall gibt es Stechwanzen, die nachts von den Decken fallen, und vor allem Riesenschwärme von Schmeißfliegen, die sich erst auf Mist, dann auf Nahrung setzen und Krankheitskeime verbreiten. 73Die drei Balken, die in den Verluststatistiken für die Gefallenen, Verwundeten und Vermissten stehen, müssen bald um eine rasant wachsende vierte Säule ergänzt werden: die Armee der Kranken. Hunderttausende Soldaten fallen nicht durch Kriegsverletzungen oder Gefangennahme, sondern durch Fieber und (später) Erfrierungen aus.
Dazu kommt eine weitere „Plage“ hinter der Front – die Partisanen. Gefürchtet, verehrt und verklärt, stiften diese Banden aus versprengten Rotarmisten und Zivilisten permanente Unruhe im rückwärtigen Heeresgebiet. Verschanzt in Wald und Sumpf, stören sie den deutschen Nachschub, sprengen Brücken und Schienen, überfallen kleinere Konvois. Der Kommandeur der 1. Infanteriedivision gerät Mitte Juli in einen Hinterhalt der Partisanen und wird bei dem Überfall getötet. Die Wehrmacht reagiert auf die Scharmützel mit brutalen Gegenmaßnahmen. Aufgrund der grausamen Kampfweise der Partisanen, die Gefangene nicht nur einfach umbringen, sondern mitunter zu Tode quälen, bringt die Truppe für die dann folgenden Repressalien durchaus Verständnis auf. Die Leidtragenden sind die Zivilisten. Auf ihrem Rücken tragen die beiden Gegner den Kampf mit erbarmungsloser Härte aus. So wenig die Deutschen als Befreier einmarschieren, sind die Partisanen Erlöser für die eigene Bevölkerung. Ganz im Gegenteil: Vielerorts gelten sie als Geißel, finden keine Unterstützung und werden sogar verfolgt. Die Masse der Freischärler besteht 1941, obwohl zum Widerstand entschlossen, nicht etwa aus lauter glühenden Bolschewisten. Ein Partisanenführer muss eingestehen:
„Wir im Wald glauben, dass uns der Kommunismus – den 70 bis 80 Prozent von uns hassen – zumindest am Leben lässt, wohingegen die Deutschen mit ihrem Nationalsozialismus uns entweder erschießen oder aushungern würden.“ 74
Im ersten Kriegshalbjahr kämpfen die bescheiden erfolgreichen „Banden“ denn auch hauptsächlich ums Überleben. Aufhalten lässt sich die Wehrmacht ohnehin nur durch den regulären Widerstand der Roten Armee. Aber im Sommer 1941 geht es noch schnell vorwärts. Der Leutnant Hubert Hundrieser 75von der 217. Infanteriedivision ist inzwischen über Litauen und Lettland bis nach Estland hinein marschiert. Immer weiter geht es Richtung Norden. Regen setzt ein, aber auch die feindliche Abwehr wird stärker. Hundriesers Bataillon erhält gut liegendes Artilleriefeuer. Der Kommandeur, Major von Rahden, vermutet, dass ein „VB“ dahintersteckt. Damit meint er einen vorgeschobenen Beobachter, der das feindliche Geschützfeuer präzise über Funk leitet. Aber wo kann der VB stecken? Hundrieser studiert eine Karte, entdeckt darauf eine Anhöhe, zirka zwei Kilometer entfernt. Der Leutnant murmelt:
„Das könnte es sein. Da liegt auch ein Gehöft.“
Gewissheit kann allerdings nur ein Spähtrupp bringen. Hundrieser selbst übernimmt die Führung. Als sich die Männer an das Gehöft pirschen, stoßen sie bald auf eine Drahtleitung – die richtige Fährte scheint gefunden. Vor der Scheune steht ein LKW, bei dem einige Rotarmisten lungern und palavern. Als Sicherung ist in 60 Metern Entfernung ein Maschinengewehr aufgestellt. Vier Mann bilden die Bedienung. Wie auf Kommando öffnet der Himmel seine Schleusen, und es beginnt heftig zu schütten. Ein Segen für die sprungbereiten Männer. Denn die Russen hinter dem MG flüchten zur Scheune, ins Trockene. Eine fatale Entscheidung, und für die Deutschen das Signal zum Angriff! Blitzschnell überwindet der Trupp die gefährliche freie Fläche vor der Scheune. Jetzt sind sie mitten unter den „Iwans“ vor dem Tor. Gewehrkolben krachen auf Schädeldecken. Zwei-, dreimal. Dann brechen die Schalen. Handgranaten fliegen durch das Scheunentor. Detonationen. Schüsse. Schreie. Eine Tür an der hinteren Wand fliegt auf. Russen quellen heraus. Laufen direkt in die MPi-Garben. Sterben. Kurz darauf kann Hundrieser melden, dass der VB ausgeschaltet ist. Auftrag erledigt.
*
Neben der 291. und 217. marschiert noch die 61. Infanteriedivision 76im Verband des XXVI. Armeekorps nach Norden. Am 8. Juli reitet Leutnant Graichen an der Spitze seiner Kompanie in Wolmar ein. Seine Männer marschieren in Dreierreihen hinter dem Ross her. Am 12. Juni steht die Kompanie stumm vor einem frisch ausgehobenen Grab bei Poltsamaa. So weit ist der Leutnant Graichen noch geritten.
Am 12. Juli 1941 erfüllt sich auch das Schicksal des Gefreiten Heinze von der 14. Kompanie/Infanterieregiment 151 in Litauen. Am 26. Juni kniete der unerschrockene Soldat noch bei Piezai hinter seiner 3,7-Zentimeter-Pak und jagte Granate auf Granate durch das Rohr. Binnen 20 Minuten schoss der Mann zehn T 26 ab. Dafür wird Heinze mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse (EK I) ausgezeichnet, das Rohr seiner Panzerabwehrkanone mit zehn Ringen dekoriert. Am 12. Juli kommt noch ein hölzernes Grabkreuz, bedeckt mit Blumenstrauß, hinzu. Heinze liegt bei Pilistvere in baltischer Erde.
Die 217. Division 77steht Ende August vor Reval am finnischen Meerbusen. Leutnant Hundrieser befiehlt seinen Männern:
„Eingraben und Köpfe einziehen!“
Zwar liegen die Feindstellungen 400 Meter entfernt an einem Waldrand. Aber sporadisches Gewehrfeuer mahnt trotz der großen Entfernung zur Vorsicht. Der Schütze Schröder, der auf dem Rand des Loches sitzt und lässig Suppe löffelt, kommt auch der zweiten Aufforderung nur widerwillig nach. Aber da ist es schon zu spät. Der russische Scharfschütze am Waldrand hat ihn längst im Fadenkreuz, drückt ab und trifft. Kopfschuss. Löffel abgegeben. Mahnung für die Kameraden.
Als der deutsche Sturm auf Reval am 28. August einsetzen soll, kommt die Nachricht, dass die Russen die Stadt räumen, sich im Hafen ausschiffen. Der blutige Häuserkampf um rauchende Ruinen findet nicht statt. Ein zweites Libau bleibt den Kombattanten und Zivilisten erspart.
Zum Baltikum gehören allerdings noch vorgelagerte Inseln, darunter Moon und Ösel. Die 61. Division 78soll die Ostsee-Eilande nehmen – Unternehmen „Beowulf“. Am 14. September landen die Ostpreußen mit Sturmbooten auf Moon. Ein gewagtes Unternehmen. Die Infanteristen haben überhaupt keine Erfahrung in maritimen Operationen. Doch unter dem Feuerschirm der Luftwaffe sowie der Küsten- und Schiffsartillerie gelingt die Bildung eines Landekopfes. Heiße Kämpfe um den vier Kilometer langen Moon-Ösel-Damm lassen die empfindliche Kälte der Nachtfröste, die inzwischen eingesetzt haben, schnell vergessen. Eines Abends, es ist der 18. September, sehen die Männer über dem Nordteil der Insel das fluoreszierend grün leuchtende, magische Nordlicht. Ein friedliches, ruhiges Bild.
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