Trotz des bald einsetzenden schweren, präzisen Artilleriefeuers der Russen arbeiten sich die 505er und ihr Anhang die letzten Kilometer bis nach Libau vor. Oberst Lohmeyer befiehlt den Handstreich. Doch der scheitert blutig. In der Stadt tobt der Häuserkampf. Auch Schmidt-Scheeder erlebt die Hölle in Libau, die vom 25. bis zum 29. Juni rast.
Der PK-Mann kann das ungewohnte Schlachtfeld schon allein am veränderten Klang der Waffen erkennen. Etwa die Flak: Aus dem harten Tack-Geräusch im freien Gelände ist ein dumpfes Wummern geworden. Die Mauern der Stadt wirken wie Verstärker, das Echo dröhnt durch die Gassen. Schmidt-Scheeder und seine Kameraden hasten in gebückter Haltung durch die menschenleeren Straßen. Wenn ein Querschläger unangenehm dicht und ekelhaft wie eine Riesenmücke vorbei zischt, zucken die keuchenden Körper unwillkürlich zusammen. Drüben am Bordstein liegt ein Zivilist. Auf dem Bauch. Tot.
Endlich erreichen die PK-Männer eine breite Hauptstraße. Noch 500 Meter mögen es bis zur Hauptkampflinie sein. Dort feuert die Zwei-Zentimeter-Flak Salve auf Salve. Kaum 100 Meter vor der HKL ragt ein roter Backsteinbau in den Himmel. Schmidt-Scheeder erkennt, wie im fünften Stock des Speichers plötzlich eine MG-Mündung am Fenster auftaucht. Und schon prasseln die Salven des Maxim auf das Straßenpflaster. Aber jetzt hat auch die Flak die Feindstellung erkannt und erwidert das Feuer. Weiße und rote Wolken an der Wand, verursacht durch die Explosionen beziehungsweise den aufgewirbelten Staub, markieren die Lage der einschlagenden Geschosse. Ob die Salven treffen, lässt sich nicht genau verfolgen. Zumal aus allen möglichen Ecken geschossen und die Sicht durch Qualm behindert wird. Vor dem Eingang eines Bäckerladens erkennen die Männer jedoch klar und deutlich den Regimentskommandeur. Oberst Lohmeyer kauert in der Hocke und hält einen Hörer in der Hand, um Artillerie-Unterstützung anzufordern.
Kurz darauf rollt eine Pak-Bedienung ihre Kanone in Stellung. Plötzlich bricht die Bedienung hinter dem Schutzschild zusammen. Niedergestreckt binnen Sekunden. Die tödlichen Schüsse kamen genau in dem Moment, als das Geschütz stand. Schon rollt eine zweite Pak heran. Aber was zum Teufel ist denn das? Kaum steht die Kanone, da brechen auch diese Männer, bis auf einen, getroffen zusammen! Immerhin gelingt es jetzt, die feindliche Feuerstellung, aus der das Verderben kommt, zu lokalisieren. Die Russen schießen von unten, aus einem Bunker, der mit Eisenbahnschwellen abgedeckt ist. Ein Wahnsinn; die nächsten Toten werden sie selbst sein, denn die Stellung bietet keine Rückzugsmöglichkeit.
Und dann brüllt noch jemand in das Tohuwabohu: „Explosivgeschosse!”
Im selben Augenblick schreit ein Mann am Flakgeschütz gellend auf und reißt seinen Arm hoch – die Hand ist abgerissen. Explosivgeschosse. Darunter versteht man eine spezielle Gewehrmunition, die beim Aufschlag explodiert, quasi eine Art Mini-Granate. Ihr Einsatz gilt zwar als völkerrechtswidrig, aber Scharfschützen greifen gern darauf zurück. Dass allerdings nur die Russen Explosivgeschosse verwendet haben sollen, wie in vielen Erlebnisberichten suggeriert wird, entspricht nicht den Tatsachen. Auch deutsche Präzisionsgewehre mit Zielfernrohr verfeuern die tückische Munition, die furchtbare Verwundungen verursacht. 70Ohnehin scheint es müßig, darüber eine ernsthafte Diskussion zu führen. Als ob man tödliche Geschosse nach dem Grad der Gemeinheit zensieren kann!
Wieder knallt es ekelhaft. Schmidt-Scheeder spürt die kleine Explosion. Fassungslos starrt er auf seine Leica. Die Kamera ist zerrissen, aber die Hand noch dran. Nur ein kleiner Kupfersplitter steckt im rechten Ballen. Typisch Häuserkampf. Das Feuer kommt aus allen Richtungen, es gibt keine klare Front. Und auch die Abenddämmerung bringt keine Ruhe, ganz im Gegenteil: Die von Oberst Lohmeyer angeforderte Artillerieunterstützung setzt ein. Schwere Koffer gurgeln heran. Krachen in die Häuser. Libau brennt. Schmidt-Scheeder sieht noch, wie sich ein Obergefreiter an den Bunker mit den drüber gelegten Bahnschwellen schleicht. In der Hand hält der mutige Einzelkämpfer eine geballte Ladung. Wie in Zeitlupe läuft die Szene ab: Wurf – Deckung – Stichflamme – Detonation – Rauch – Aus.
*
An der Düna-Mündung, vorwärts Riga, entscheidet sich das Rennen um die Flussübergänge zwischen dem I. Armeekorps und den aus Kurland zurückflutenden Sowjettruppen. Die Ostpreußen der 1. Infanteriedivision sind flotter unterwegs. Eine motorisierte Vorausabteilung riegelt die Russen im Zuge der unteren Düna ab. Am 29. Juni fällt die lettische Kapitale nach harten Straßenkämpfen.
Die Einnahme von Städten, aber nicht spektakuläre Gefangenenzahlen kann Küchlers 18. Armee an Leebs Heeresgruppe Nord melden. Zwar werden die russische 8. und 11. Armee schwer angeschlagen. Allerdings zum Teil erst nach verlustreichen, zumindest jedoch zeitraubenden Gefechten. Die Entscheidung im Kampf um Leningrad kann aber nur im Zentrum des Vorstoßes, bei der Panzergruppe 4, fallen. Leeb wäre klug beraten, wenn er den russischen Streitkräften im Baltikum den Rückzug über die Landenge bei Narwa sperrt. Zwischen finnischem Meerbusen und Peipus-See, und zwar von Osten her, durch Hoepners Panzer. Unterdessen könnte die 18. Armee die Städte und befestigten Räume an der Küste mit schwachen Kräften einfach abriegeln statt sie verlustreich und zeitraubend anzugreifen.
Aber während sich bei von Rundstedts Heeresgruppe Süd schon der Ansatz als Fehldisposition herausstellt, wird Feldmarschall Leeb im Laufe des Vormarsches auf Leningrad selbst zum Bremsklotz. Er stärkt sogar noch den linken Flügel, lässt Küchlers Kräfte teure Siege am finnischen Meerbusen erringen, die operativ wertlos sind. Es stellt sich die Frage, warum ein so defensiv denkender Mann wie Leeb, der die Gesetze des modernen Bewegungskrieges kaum verinnerlicht hat, eine derart herausragende Position bekleidet. Überhaupt kann man über die erste Garnitur der deutschen Heerführer zwar nicht pauschal den Marschallstab brechen. Aber Zweifel sind zumindest am speziellen Know-how, das der Blitzkrieg fordert, angebracht. Der ausgewiesene Defensivstratege Leeb handelt jedenfalls mehrmals dem Geist einer schnellen Operation auf Leningrad zuwider. Und Feldmarschall Rundstedt trug als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A schon im Frankreichfeldzug maßgeblich dazu bei, dass die Rettung der britischen Armee aus dem Hafen von Dünkirchen gelingen konnte. Der scharfsinnigste deutsche Militärhstoriker Karl-Heinz Frieser hat die Hintergründe in seinem Werk „Die Blitzkrieg-Legende“ höchst eindrucksvoll aufgezeigt. Delikat in diesem Zusammenhang ist, dass Rundstedt der Vorgesetzte Mansteins war, als dieser, noch in seiner Funktion als Chef des Stabes der Heeresgruppe A, mit seinen Operationsplänen für die Frankreich-Kampagne laufend beim OKH insistierte – ein Kellner, der bessere Rezepte kannte als alle Spitzenköche zusammen. Der Führer schien bei der Auswahl seiner Spitzenmilitärs den eigenen Worten zuwiderzuhandeln, nämlich: „Es ist aber ein Wahnsinn, einen Menschen Straßen bauen zu lassen, der höchstens fähig ist, Straßen zu kehren, und einen Mann als Straßenkehrer zu verwenden, der Straßen bauen kann.“ 71
Bock wiederum, der unter den drei Heeresgruppen-Oberbefehlshabern noch der fähigste Stratege scheint, verantwortet im November 1941 die mörderische „Schlußoffensive“ auf Moskau. Und ein halbes Jahr später verpatzt er bei Woronesch den Auftakt der Sommeroffensive 1942 und bringt damit den ganzen Fahrplan für die Operation „Blau“ durcheinander. Geniale Köpfe wie Manstein oder hochbewährte Panzergenerale wie Guderian und Hoth werden dagegen unter Wert eingesetzt beziehungsweise an die kurze Leine von Infanteristen, zum Beispiel Kluge, gelegt.
Zu dieser Hierarchie im Heer, die man nach den epochalen Erfahrungen des Westfeldzuges als überraschend bezeichnen darf, hat womöglich nicht zuletzt Guderian selbst durch eigenmächtiges Handeln beigetragen. Die ganze Vorgeschichte reicht allerdings bis in den Herbst 1939 zurück. Seinerzeit rebellierte Manstein gegen den ersten Ansatz zur Niederwerfung Frankreichs, den der Generalstab vorgelegt hatte. Hitler fühlte sich dadurch ermuntert, über die „Gedanken von Kadettenschülern“, namentlich Halder und Brauchitsch, zu spotten. 72Mansteins Gegenentwurf, der Operationsplan „Sichelschnitt“, führte schließlich dazu, dass der Urheber vom OKH-Chef kalt gestellt wurde. Das hinderte Halder aber nicht daran, den schließlich doch – aber erst auf Hitlers Geheiß – bewilligten Panzerstoß durch die Ardennen konsequent, ganz im Sinne seines geistigen Schöpfers, Manstein, zu exekutieren. Immerhin lässt die glänzende Umsetzung zumindest im Fall „Gelb“ kaum Zweifel an Halders militärischem Sachverstand zu. Einen weiteren Nachweis seiner Qualitäten lieferte der gleichwohl wenig geniale OKH-Chef im Frühjahr 1941 mit der Planung und Durchführung des Balkanfeldzugs. Das Unternehmen „Marita“ zur Niederwerfung Jugoslawiens und Griechenlands gilt als Musterbeispiel einer aus dem Stehgreif geschlagenen Operation, freilich gegen hoffnungslos unterlegenen Feind.
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