„Ist das Ihre Frau?“, fragte der Kommissar ein zweites Mal.
Eric antwortete nicht und wandte sich wieder den roten Gummihandschuhen zu.
Der zweite Kommissar zog Eric sanft vor die Chromstahlwanne.
„Ja, das ist meine Frau“, sagte Eric endlich. Im selben Moment dachte er, dass es nicht die Maryanne war, die er kannte und liebte. Vor ihm lag lediglich eine Leiche, ein toter Körper. Eric wunderte sich, dass sich in ihm keinerlei Gefühle regten. Wäre es die Leiche eines anderen Menschen oder der Kadaver irgendeines Tieres gewesen, hätte er vielleicht Mitleid empfinden können. Mitleid mit dem Wesen, das seine letzten Atemzüge in dieser schäbigen Hülle verbrachte. Maryannes Körper aber ließ ihn kalt, so kalt wie ihre Wange, als seine Finger sie zaghaft berührten.
Der erste Kommissar tippte Eric auf die Schulter. Er ließ sich widerstandslos zur Türe führen. Der zweite Beamte hatte sich jedoch derart ungeschickt unter den Türrahmen gezwängt, dass er den Durchgang blockierte. Als Eric und sein Begleiter gleichzeitig vorbeigehen wollten, blieben sie stecken. Ein kurzes Geschiebe und Gerangel entstand, und Eric musste lachen. So laut und heftig, dass er fürchtete, ersticken zu müssen. Die Kommissare sahen hilflos zu, wie er am Boden kauerte. Sein Lachen klang hohl, Tränen rannen über seine Wangen und er schämte sich. Doch je mehr er das schmerzhafte Lachen unterdrücken wollte, desto heftiger platzte es aus ihm heraus.
Er hatte nie über ihren Tod geweint. Die Wut auf den Mörder war größer als die Trauer. Der Mörder hatte ihr mit großer Wucht ein Messer in die Brust gerammt. Vom unteren Ende des Brustbeins her drang die ungefähr zwei Handbreit lange Klinge ins Herz, stach mehrere Male hinein und zerfetzte das benachbarte Gewebe. Ein Kampf hatte anscheinend nicht stattgefunden, Maryanne war von hinten überrascht worden. Das konnte die Polizei anhand der Spuren auf dem Kiesweg rekonstruieren. Am linken Oberarm hatte sie einen blauen Fleck, so groß wie ein Fünfcentstück, dessen Herkunft man sich damit erklärte, dass der Mörder Maryanne unters Gebüsch geschleift und sich an ihrem toten Körper vergangen hatte. In ihrer Scheide fand man jedoch kein Sperma oder fremdes Blut, sondern lediglich ihr eigenes und - Spuren von Baumrinde. Der fingerdicke Ast, den der Mörder für seine Tat benutzt hatte, lag in einem Blumenbeet neben dem tropischen Gewächshaus. Maryannes Brieftasche wurde neben dem Südausgang des Botanischen Gartens gefunden. Kreditkarten und Ausweispapiere waren noch da. Das Bargeld fehlte.
Die ungewöhnliche Kombination von Indizien, die nicht zueinander passen wollten, lähmte die polizeilichen Ermittlungen. Der Fall war einzigartig. So etwas hatte es noch nie gegeben: dass das Opfer zuerst getötet wurde, dann mit einem Stück Holz vergewaltigt und danach ausgeraubt. Der Mörder konnte nur verrückt sein. Auch die umfangreiche Suche nach dem dunklen Unbekannten, der Maryanne von der Tram bis zur Haustür begleitet haben soll, blieb ohne Erfolg. Die Polizei stellte die Ermittlungen ein. Früher oder später würde sich der bestialische Mörder an einem neuen Opfer vergehen und dann hoffentlich brauchbarere Spuren hinterlassen. Als Eric von dieser Entscheidung erfuhr, hätte er am liebsten das Polizeihauptquartier in die Luft gesprengt. Er wusste nicht, wohin mit seiner Wut, und stürzte sich in Gedanken immer wieder auf den Mörder. Wie ein ausgehungerter Löwe zerfetzte er ihn dann. Er zerrte so lange an dem zerfledderten Körper herum, bis er die Seele fand, sie auch in Stücke riss, bis nichts, absolut nichts mehr von ihr vorhanden war.
Inzwischen war Eric besonnener. Er würde sich zu keinen unüberlegten Handlungen hinreißen lassen. Auch wenn er sich über den heutigen Fehlschlag ärgerte. Er würde warten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war.
Elizabeth kam nach einer Weile zusammen mit einer Ärztin zurück ins Behandlungszimmer. Beide waren ins Gespräch vertieft und schenkten Eric keine Beachtung.
„Ich will sehen, ob ich welche in meiner Handtasche habe“, sagte Elizabeth. „Da bitte“, sie zog eine Autogrammkarte hervor. Mit schneller, großzügiger Schrift schrieb sie eine Widmung und überreichte der Ärztin die Karte.
„Herzlichen Dank“, sagte diese, „da wird mein Mann sich bestimmt freuen.“ Sie steckte die Karte in ihre Kitteltasche und schüttelte Elizabeth die Hand. „Es war schön, Sie kennen zu lernen. Jetzt will ich mich besser beeilen und drüben nach Ihrem Freund sehen. Wie war noch mal sein Name?“
„Eric Winter“, sagte Elizabeth und deutete auf das Bett. „Er liegt hier.“
Die Ärztin zuckte zusammen, als sie begriff, dass sich auf dem weißen Laken die Konturen eines menschlichen Körpers abzeichneten, vielmehr, dass tatsächlich ein Mensch da lag. Als sie die Fassung wiedergefunden hatte, entschuldigte sie sich, dass sie ihn nicht gesehen hatte.
„Manchmal ist man einfach blind“, meinte sie und begann endlich, sich um Erics Wunde zu kümmern. Sie zog ihm vorsichtig die Hose aus, löste den Druckverband, diagnostizierte eine harmlose Bisswunde, desinfizierte sie und spritzte ein Medikament, das die Schwellung abklingen lassen würde. Nach einer letzten Entschuldigung verließ sie das Behandlungszimmer.
„Kennst du sie?“, fragte Eric.
„Nein“, antwortete Elizabeth.
„Aber ihren Mann?“
„Vage.“
„Einer deiner Verehrer, nehme ich an.“
Elizabeth kniff die Lippen zusammen. Sie spürte, dass Eric sie noch immer nicht mochte. Sie verschwieg ihm wohl besser, wie sehr sie ihn in den vergangenen zwei Jahren vermisst hatte. Sie wusste gar nicht, wie sie die ganze Zeit ohne seine Gegenwart hatte ertragen können. Als sie ihn nach dem Streit in seiner Wohnung aufgesucht hatte, war sie zu spät gekommen. Eric war bereits verschwunden, und niemand konnte ihr verraten, wo er war. Sein Verschwinden traf sie tief, mehr noch als Maryannes Tod. „Mein Leben geht weiter“, hatte sie sich damals getröstet. Erics Verschwinden hingegen war etwas anderes. Er war ihr Lebensinhalt gewesen.
Nach Maryannes Tod hatte sie sich in den Kopf gesetzt, Eric wieder auf die Beine zu bringen. Sehr zum Missfallen ihrer Verehrer hatte sie in der ersten Zeit rund um die Uhr für ihn gesorgt. Sie schleppte ihn immer wieder in Restaurants, damit er aß, brachte ihn unter Menschen, damit er nicht vereinsamte, und hörte sich geduldig seine Klagen an. Doch an jenem Abend in dem italienischen Lokal war ihr der Kragen geplatzt. Nach so langer Zeit hatte er noch immer keine Augen für sie.
Vor allen Leuten schrie sie ihn an: „Maryanne ist tot. Gestorben. Finito. Vergangenheit. Wann geht das endlich in deinen Schädel?“
Dann schüttete sie ihm den Chianti ins Gesicht und verließ weinend das Lokal.
„Für meine Verehrer hatte ich gar keine Zeit“, sagte Elizabeth, „denn während du verschollen warst, habe ich mir die Seele aus dem Leib gearbeitet. Die Melbourne Opera nahm mich für zwei Spielzeiten unter Vertrag. Stell dir vor, ich habe die Carmen gesungen. Ein Riesenerfolg. Das Haus hat nach jeder Vorstellung getobt.“ Sie machte eine Pause. Eric reagierte nicht, also erzählte sie weiter. „Die darauf folgende Hauptrolle war Lucia di Lammermoor.“
Elizabeth verschwieg, dass diese Inszenierung ein Desaster war. Ihre Interpretation der Lucia war peinlich gewesen, eine wahre Katastrophe. Elizabeth hatte sich zur Verwirrung des Orchesters über die musikalische Reihenfolge hinweggesetzt und Lucias Wahnsinnsarie am Schluss mit Schreien und Stampfen unterbrochen, so dass sich das Publikum und die Kritiker fragten, wer denn nun verrückt war. Elizabeth aber scherte sich nicht darum. Das befreiende Gefühl und die Ruhe, die sie nach jeder Aufführung erfüllte, waren zu köstlich, als dass sie versuchte, die Anfälle zu zügeln. Stattdessen fieberte sie jeder Vorstellung geradezu entgegen. Doch die Inszenierung gefiel nicht, so dass sie nach vier schlecht besuchten Abenden abgesetzt wurde. Elizabeths Karriere konnte das nichts anhaben.
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