„Sie hat ihn angesprochen?“, fragte Eric erstaunt.
„Ja, daraufhin hat er sie bis vor meine Türe begleitet und sich verabschiedet.“
„Hast du ihn gesehen?“
„Nein, ich wusste ja nichts davon, bis sie es mir erzählte.“
„Warum hast du um Himmels willen nicht die Polizei gerufen? Warum hast du mir nicht von Anfang an davon erzählt? Warum hast du auf der Polizeistation nichts gesagt?“ Eric sprang auf und wollte zum Hörer greifen, aber Elizabeth hielt ihn zurück.
„Es besteht überhaupt kein Grund, die Polizei zu rufen. Man muss doch nicht gleich jeden verdächtigen, wenn er sich einer Frau gegenüber galant verhält. Sie hat lediglich ein bisschen von ihm geschwärmt. Da ist überhaupt nichts Schlimmes dabei.“
„Verstehst du nicht?“, schrie Eric, „Maryanne ist in Gefahr und dieser Fremde hat etwas damit zu tun. Wie sah er aus? Was haben sie miteinander gesprochen?“ Er packte Elizabeth an den Schultern und schüttelte sie.
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, schrie sie und brach in Tränen aus. Eric ließ sie los, als es an der Haustür klingelte. Zwei Polizeibeamte in Zivil stellten sich vor.
„Mordkommission“, sagte der Jüngere von ihnen leise und zeigte seinen Ausweis, „dürfen wir reinkommen?“
Eigentlich hätte Eric gar nicht mehr zuhören müssen, denn er wusste, was geschehen war. Dennoch lauschte er aufmerksam jedem einzelnen Wort, das sie in seinem Wohnzimmer sprachen. Sie hatten Maryanne zwei Stunden zuvor im Botanischen Garten gefunden. Zwischen dem Ententeich und dem Gewächshaus für tropische Pflanzen lag sie erstochen unter einem Busch.
Kapitel 5: Elizabeth Cunningham
Um elf Uhr nachts machte sich Eric auf den Weg zum Botanischen Garten. Noch immer war es heiß. Die Hitze, die sich während des Tages in Mauern und Straßenpflaster gebrannt hatte, strahlte ab und verwandelte die Stadt in einen Backofen. Niemand konnte in einer solchen Nacht schlafen. Wer keine Klimaanlage besaß, um die schwere Luft aus der Wohnung zu vertreiben, suchte Abkühlung in einem Restaurant, am Strand, im Supermarkt oder im ungünstigsten Fall auf der Straße. Überall herrschte schlappes Gedränge. Bei noch immer dreißig Grad quoll St. Kilda gemächlich über. Der südlich des Zentrums gelegene Stadtteil erhob den Anspruch, kosmopolitisch zu sein. Waren es anfangs die reichen Bürger, die entlang der Bucht ihre Villen errichteten, um am Wochenende ihre Füße im seichten Wasser zu baden, siedelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg jüdische Immigranten hier an. Sie brachten rege Geschäftstätigkeit in das ruhige Seebad. Konditoreien dominierten die Acland Street, einige von ihnen boten noch heute ihre Zartbitterschokoladenkuchen und -torten feil. Bald waren die letzten Villenbesitzer ausgezogen. Die verwaisten Herrschaftshäuser wurden in kleine, billige Wohnungen unterteilt, in denen Maler, Schriftsteller, Musiker, Tagediebe und Tagträumer eine Bleibe fanden und dem Stadtteil ein neues Bild verliehen. Sogar die Straßen trugen Namen ihrer großen Vorbilder: Tennyson, Byron, Shakespeare, Mozart. Doch zum Ruhm und zur Größe eines Patrick White oder Sydney Nolan brachte es niemand aus diesem Teil Australiens.
„St. Kilda ist ein Pseudokünstlerviertel“, pflegte Eric zu spotten. Dass Maryanne ihr erstes Buch gerade hier geschrieben hatte, deutete er als schlechtes Omen.
Obwohl immer mehr Yuppies in den Stadtteil zogen, Neureiche ihre Cabriolets vor neuen Luxusrestaurants parkten und Touristen aus aller Welt sich an den palmengesäumten flachen Strand verirrten, hatte der Stadtteil kaum etwas von seinem alten Charme verloren. Individualisten bestimmten nach wie vor das Bild. Doch selbst unter all den schrägen Vögeln, den Hippies, Irren, Künstlern, Schlägern, Huren und Betrunkenen, die tagtäglich die Straßen bevölkerten, fiel Eric auf, wenn er, elegant in Weiß gekleidet, mit seinem Blindenstock den Gehsteig entlangging. Wer ihn sah, drehte sich nach ihm um.
Seine Haut war weiß, weiß wie Schnee. Auch sein Haar wirkte weiß, tatsächlich war es farblos, transparent, es reflektierte das Weiß der Haut. Eric war groß und kräftig. Und er war schön.
„Interessant schön“, hatte Maryanne jedes Mal korrigiert, wenn jemand sein Aussehen kommentierte.
Er war wirklich schön. So schön, dass Frauen und Männer ihm ungehemmte Blicke zuwarfen. Er war fast perfekt - bis auf seine gewaltige Nase.
„Ein Engel“, jauchzte einmal ein kleines Mädchen, „Mami, da sitzt ein Engel.“ Erst als Eric die Sonnenbrille abnahm und das Mädchen mit flatternden Augen anblickte, blieb ihr der Juchzer im Halse stecken.
Mit seiner stattlichen Größe, der weißen Haut, dem Blindenstock und der schwarzen Sonnenbrille auf der monströsen Nase erregte Eric Aufsehen, wann immer er sich unter Menschen begab.
Durch die Sonnenbrille sah er lediglich verschwommene Umrisse, gerade genug, um gefahrlos durch die Straßen von St. Kilda zu wandern. Für den Gang von seiner Wohnung in den Botanischen Garten würde er eine halbe Stunde benötigen, also blieb noch genügend Zeit bis Mitternacht, um einen Umweg zum Strand zu machen, an dem Eric etwas Abkühlung finden wollte.
Dort unten am Strand herrschte Betrieb wie sonst nur an einem Sonntagnachmittag. Die Bewohner der umliegenden Stadtteile waren aus ihren stickigen Wohnungen geflüchtet, hatten Decken oder Luftmatratzen mitgebracht und sich darauf eingerichtet, die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen. Erschöpft lagen sie in der kühlenden Brise, die frische salzige Luft vom Meer brachte. Der Strand erinnerte an einen riesigen Schlafsaal lange nach dem Lichterlöschen.
Plötzlich erhob sich über der müden Stille ein Schrei. Wer von den Schlafsuchenden noch genügend Kraft besaß, hob träge den Kopf aus den Kissen.
„Eric! Eric!“
Eric drehte sich um. Nur noch wenige Schritte entfernt rannte Elizabeth Cunningham auf ihn zu. Mit einem weiteren Schrei warf sie sich ihm an den Hals.
Überrascht wich Eric zurück und konnte gerade noch den Fall verhindern. Dabei trat er auf das Badetuch eines jungen Paares, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn dort nicht auch ihr Hund gelegen hätte, der nach Erics Fuß schnappte und seine Zähne in Erics Knöchel bohrte. Das Frauchen schlug dem Hund auf den Kopf, das Herrchen schimpfte, der Hund winselte, Eric stöhnte, ein Passant rief die Ambulanz, nur Elizabeth hatte es die Sprache verschlagen. Mit der trägen Ruhe am Strand war es mit einem Male vorbei.
Als der Krankenwagen eintraf, versuchte Eric den Sanitätern verständlich zu machen, dass er nicht verletzt war. Doch das Blut auf seinem weißen Hosenbein und sein kreideweißes Gesicht belehrten die Sanitäter eines besseren. Unbeirrt schnallten sie ihn auf die Trage.
Als der Wagen Richtung Krankenhaus raste, fand Elizabeth endlich wieder zu sich.
„Na?“ Sie legte ihre Hand auf Erics Stirn und lächelte.
Auch er lächelte, unbeholfen, weil er verägert war. Es war Viertel vor zwölf und um zwölf wollte er im Botanischen Garten sein. Das war jetzt nicht mehr zu schaffen. Später hinzugehen war sinnlos, denn dann hätte sich der Mörder längst schon wieder verflüchtigt.
„So sieht man sich wieder“, sagte er.
„Mein Gott, Eric, wo warst du die ganze Zeit? Ich habe dich überall gesucht.“ Dass Elizabeth so was sagte, erstaunte ihn, denn vor zwei Jahren waren sie im Streit auseinander gegangen.
„Ich war in meinem Haus am Mount Buller“, gab er zur Antwort.
„Ich wusste gar nicht, dass du dort ein Haus besitzt?“
„Ich habe es vor zwei Jahren gekauft. Ich habe niemandem davon erzählt, weil ich meine Ruhe haben wollte.“ Er schaute auf die Uhr. Es war zehn vor zwölf. Noch zehn Minuten bis zum Mord und er konnte nicht dabeisein. Stattdessen lag er angeschnallt in einem schaukelnden Ambulanzwagen, der mit Tempo achtzig durch die Straßen fegte.
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