„Ich habe heute Nachmittag ein Taxi wegfahren sehen und danach hörte ich Geräusche in Ihrer Wohnung. Ich dachte, ich gehe einfach mal hoch und gucke nach. Kostet ja nichts. Und siehe da.“
Sie ließ Eric nicht aus den Augen und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Sie war klein, zierlich und ziemlich alt, doch mit dem wallenden Haar, dem beinahe faltenlosen Gesicht und ihrem schnellen Mundwerk wirkte sie wie ein junges Mädchen. Sie lachte viel, eigentlich nach jedem Satz.
„Kaffee?“, fragte Eric abermals und holte verstohlen die Espressomaschine aus dem Kühlschrank.
„Sie haben nicht aufgegeben“, sagte Frau Oldenburg ernst.
Er wusste, worauf sie anspielte, und brauchte auch keine Antwort zu geben. Es war unmöglich, etwas vor Frau Oldenburg zu verbergen. Man hätte meinen können, sie verfügte über ein drittes Auge, mit dem sie Gedanken anderer Menschen las.
„Seien Sie vorsichtig“, warnte sie, „Ihre Rachegelüste fressen an Ihrer Seele und werden Sie früher oder später ins Unglück stürzen. Übrigens haben Sie vergessen, den Kühlschrank zu schließen.“
Eric drehte sich um und versetzte der Tür einen Tritt, dann stellte er zwei Tassen auf den Tisch.
„Ich habe gebetet, dass Sie darüber hinwegkommen und sich wichtigeren Dingen zuwenden würden. Aber ich sehe es Ihnen an, Sie sind nicht davon abzubringen. Warum widmen Sie sich nicht wieder Ihrer Arbeit? Das bringt Sie auf andere Gedanken. Ihre Autobahnbrücke in New Gisborne ist ein phänomenaler Erfolg. Architekten aus aller Welt pilgern in Scharen dorthin. Kürzlich war sogar ein Artikel darüber in der Zeitung. Ich habe ihn aufgehoben. Ich kann ihn morgen hochbringen, wenn Sie möchten. Es hieß darin, dass die Architektur der Neunziger Jahre durch Ihre Brücke einiges lernen kann. Sie wurden als Visionär bezeichnet.“
„Als Wegbereiter des kommenden neuen Jahrtausends“, unterbrach Eric. „Ich weiss, ich habe den Artikel gelesen.“
„Na also, Grund genug, Ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie sind es der Welt schuldig.“ Frau Oldenburg schüttelte herablassend den Kopf. „Dass Sie diese Brücke ausgerechnet in New Gisborne bauen mussten, verstehe ich allerdings nicht. Was für ein langweiliges Kaff. Meine Schwester lebt dort in einem Altenheim. Hat sich gut angepasst. Wenn ich mit ihr einen Spaziergang raus auf die Felder mache, kann ich sie von der kargen Landschaft nicht unterscheiden. Genauso hart und vertrocknet wie der Boden, auf dem sie geht.“ Sie lachte. „Herr Winter, die Welt liegt Ihnen zu Füßen. Sie können Geschichte machen mit Ihren verrückten Brücken. Lassen Sie sich nicht von einem Verirrten kleinkriegen. Das nützt niemandem.“
Eric interessierte ihr Ratschlag nicht. Frau Oldenburg schwebte wie ein naiver Engel auf einer esoterischen Wolke, von der aus sie versuchte, sich in das Leben anderer zu mischen. Für jeden Seelenschmerz, jedes verwirrte Gefühl hielt sie ein Rezept parat. Gegen Angstzustände empfahl sie, sich eine farbige Plastikfolie unters Kopfkissen zu legen; gegen Eifersucht badete man in lauwarmem Wasser mit Rosmarinöl und stellte sich vor, wie man die Eifersucht übers Meer ruderte und auf einer einsamen Insel metertief im Sand begrub; um böse Geister zu besänftigen, hatte man ihnen ein Geschenk anzubieten, eine Scheibe Salami zum Beispiel auf einem frischen Salatblatt und mit einem Schuss Wodka. Diese ungewöhnlichen Methoden waren für Frau Oldenburg so selbstverständlich wie für andere Menschen das Wäsche aufhängen an einem sonnigen Vormittag.
Eric goss den dampfenden Kaffee in die Tassen. Frau Oldenburg lehnte sich in den Stuhl zurück und nahm schlürfend einen kräftigen Schluck, dann sagte sie: „Bevor ich es vergesse, in meiner Wohnung stapeln sich vier Schachteln voll mit Briefen. Aus Ihrem Briefkasten. Was sich in zwei Jahren an Papier ansammelt, ist unglaublich.“
„Was für Briefe?“, fragte er erstaunt. Den Briefkasten hatte der Reinigungsservice regelmäßig geleert und die Briefe an seinen Aufenthaltsort weitergeleitet.
„Ich habe sie nicht geöffnet.“
„An mich adressiert? Mit meinem Namen?“
„So ungefähr. An den Bewohner der Liegenschaft steht drauf. Aber von Hand geschrieben. Die Leute vom Reinigungsservice waren so was von arrogant. Sie behaupteten, es seien Werbebriefe, und warfen sie jedes Mal in den Mülleimer. Ich habe sie aber rausgefischt und für Sie aufbewahrt.“
„Besten Dank“, sagte Eric irritiert, „wenn es Ihnen recht ist, komme ich die Schachteln morgen früh holen.“
„Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, winkte sie ab, „geben Sie mir noch etwas Kaffee.“ Plötzlich runzelte sie die Stirn und wechselte das Thema. „Sie dürfen heute Nacht auf keinen Fall eingreifen oder dazwischengehen. Sie müssen es geschehen lassen, so, wie es damals geschah.“
Eric stellte verblüfft die Tasse ab. „Woher wissen Sie --?“
Frau Oldenburg zuckte mit den Schultern. „Ist doch unwichtig, oder? Wenn Sie wollen, werde ich Sie gerne in den Botanischen Garten begleiten.“
„Weshalb?“
„Betrachten Sie es als eine gute Tat meinerseits. Hilf einmal am Tag einem Blinden über die Straße und der Eintritt in Himmel sei dir gewährt.“
„Ich bin nicht blind.“
„Draußen herrscht finstere Nacht.“
„Danke, ich finde meinen Weg alleine. Ich sehe genug.“
In der Tat sah er nachts ausgezeichnet, doch davon wusste Frau Oldenburg nichts. Eric hatte diese Fähigkeit erst vor kurzem entdeckt und niemandem etwas davon erzählt. Was seine lichtempfindlichen und äußerst kurzsichtigen Augen bei Tageslicht nicht wahrnehmen konnten, sahen sie des Nachts mit hervorragender Deutlichkeit.
Auf dem einsamen Landsitz auf Mount Buller hatte er sich einmal bei einem Spaziergang durch den Busch verirrt und war von der Dunkelheit überrascht worden. Fernab vom ewig schimmernden Licht der Großstadt waren dort, vor allem bei Neumond, die Nächte so pechschwarz, dass man die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht erkennen konnte. Zu Erics Erstaunen aber offenbarte sich ihm die Dunkelheit als eine Vielfalt von Grau- und Schwarztönen. Jeder Baum, jeder Stein, ein ausgetrampelter Weg, der lockere Erdboden oder ein Bach, ja selbst die Luft erstrahlte im eigenen Schwarz und Grau. Eric fand seinen Weg zum Haus mit Leichtigkeit zurück. Nachts war er frei, nicht auf seinen Blindenstock angewiesen, er konnte in die Ferne sehen und die Dinge betrachten. Eric sah zum ersten Mal Tiere, die er sonst nur aus Büchern kannte: Spinnen, Schlangen, Hasen, Opossums, Füchse, Wallabies und Kängurus. Nachts war der Busch voller Leben. Eine neue Welt hatte sich ihm eröffnet.
„Seien Sie vorsichtig im Botanischen Garten“, warnte Frau Oldenburg erneut, „mit Geistern muss man behutsam umgehen.“
„Was für Geister? Wovon sprechen Sie?“, wehrte Eric ab.
Frau Oldenburg überhörte seinen Einwand. „In ihrem Fall handelt es sich nicht um wahre Geister, denn der Mörder lebt ja noch. Zumindest können wir das annehmen.“ Sie blickte zur Küchendecke hoch, schlürfte an der Tasse und fragte: „Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen?“
„Welche Idee? Woher wissen Sie überhaupt, was ich vorhabe?“
„Ich spüre es, wenn sich jemand in Gefahr begibt.“
„Geister sind nicht gefährlich.“
„Aha, also doch Geister“, sagte Frau Oldenburg und schmunzelte triumphierend. „Mir können Sie die verrückteste Geschichte auf den Tisch legen. Ich bin vielleicht die Einzige, die sie versteht.“
Sie hatte Recht, überlegte Eric, jeder nüchtern denkende Mensch würde ihn auslachen. Also begann er zu erzählen.
„Seit drei Jahren sehe ich immer nur das eine Bild, wenn ich die Augen schließe. Ich sehe, wie der Mörder auf Maryanne zugeht. Immer wieder sehe ich es, es ist immer das gleiche Bild, sobald ich die Augen schließe.“
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