„Und jetzt glauben Sie, dass ihr Kopf nicht der einzige Ort sein kann, an dem sich diese schreckliche Szene abspielt, sondern auch dort, wo sich der Mord tatsächlich ereignete“, unterbrach ihn Frau Oldenburg.
„Soll ich weitererzählen?“
„Ja bitte“, sagte Frau Oldenburg schnell und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Mein Haus am Mount Buller ist von Pferdeweiden umgeben. Als ich eines Nachts auf der Terrasse saß, sah ich ein Känguru über den Zaun springen. Es hüpfte zu den grasenden Pferden und blieb zwischen ihnen stehen. Es zeigte keine Angst und auch die Pferde ließen sich nicht von ihm einschüchtern. Sie grasten weiter. Doch plötzlich schlug eines der Pferde aus. Sein Hinterhuf traf das ahnungslose Känguru am Kopf und schleuderte es in hohem Bogen zum Zaun zurück. Das bedauernswerte Tier war sofort tot.“
„Aha“, sagte Frau Oldenburg erwartungsvoll und streckte ihm ihre leere Kaffeetasse entgegen. Eric schüttete den kalten Rest aus der Espressomaschine nach.
„In der darauf folgenden Nacht wiederholte sich das Ereignis. Dieselben Umstände, dasselbe Känguru, dasselbe Pferd, das ausschlug, und dieselbe Stelle, an der das Känguru liegen blieb. Ich rannte sofort hin.“
„Rannte?“, unterbrach Frau Oldenburg erneut.
Eric wurde rot.
„Schon gut. Erzählen Sie weiter.“
„An der Stelle lag das Känguru von der Nacht zuvor. Sein Körper war aufgebläht und roch bereits. Ich nahm also an, dass das zweite Känguru den Tritt überlebt hatte und davongehüpft war. In der nächsten Nacht aber geschah es wieder, exakt zur gleichen Zeit. Sonderbar war, dass sich alles an der gleichen Stelle abspielte, obwohl die Pferde diesmal hinter dem Haus grasten. Ich konnte auch kein anderes totes Känguru finden außer dem vom ersten Mal, das inzwischen von Ameisen und Fliegen angefressen wurde. So ging das jede Nacht, bis die Bilder immer undeutlicher wurden. Bezeichnenderweise fand der Spuk dann ein Ende, als vom Kadaver nur noch Knochen und Fell übrig geblieben waren.“
„Ein Echo“, sagte Frau Oldenburg. Sie blickte zur Küchendecke und dachte laut nach. „Nicht ein akustisches Eche, sondern ein visuelles, bildliches Echo. Ein Eche der Bewegung. Ein Echo hervorgerufen durch eine emotional geprägte Handlung. Ein Emotionsecho.“ Aufgeregt klatschte sie die flache Hand auf den Tisch, ihre Augen flackerten vor Wonne. „Ja, das gefällt mir. Emotionsecho. Nun denken Sie, den Mörder finden zu können, ihn sehen können, weil seine Tat als Emotionsecho nachhallt. Hab ich Recht?“
Eric nickte.
„Viel Zeit bleibt nicht mehr übrig“, sagte Frau Oldenburg.
„Warum?“
„Ein Echo hält nicht ewig an. Egal, ob es aus der Kehle eines jodelnden Schweizers stammt oder von einem Mord im Botanischen Garten, irgendwann wird es verklingen.“
Sie schluckte den kalten Kaffee hinunter und lachte über ihren Vergleich. Dann stand sie auf und ging zur Tür.
„Ich will Sie nicht länger aufhalten, Herr Winter. Ich sehe schon, Sie brennen darauf, in den Botanischen Garten zu gehen. Seien Sie auf der Hut. Geister führen uns Menschen gerne an der Nase rum. Sie lieben es, falsche Fährten zu legen. Die haben es faustdick hinter den Ohren. Vergessen Sie nicht, morgen Ihre Post bei mir abzuholen. Ich gebe Ihnen dann auch eine gute Suppe mit, die ich heute gekocht habe, mit frischen Zucchinis vom Markt, Reis und klein geschnittenem Hühnerfleisch.“ Sie knallte die Tür hinter sich zu und Eric konnte sie auf dem Hausflur noch immer lachen hören.
Er blieb in der Küche sitzen und überlegte. Emotionsecho, was für eine verrückte Vorstellung, genauso verrückt wie Frau Oldenburg. Dennoch war sie der einzige Mensch, dem er sein Erlebnis anvertrauen konnte. Er hatte die Kängurus gesehen, daran gab es nichts zu rütteln. Und ob man es nun Emotionsecho, Sonst-ein-Echo oder schlicht Einbildung nannte, war ihm egal. Vielleicht besaß er die Gabe, in die Vergangenheit zu sehen, genauso, wie andere in die Zukunft sahen. Tatsache war, dass die Polizei mit der herkömmlichen Methode versagt hatte und der Mörder bis heute nicht gefasst war. Eric glaubte nicht mehr daran, dass die Polizei den Fall noch lösen würde, dafür war schon zu viel Zeit verstrichen. Drei Jahre lang hatte er seine Rachsucht unterdrückt. Jetzt musste etwas geschehen. Und wenn er jeden Menschen in Melbourne einzeln ausquetschen musste, er wollte nichts unversucht lassen. Die Möglichkeit, die er heute Abend mit Frau Oldenburg besprochen hatte, war ein Strohhalm, an den er sich klammerte.
Heute vor drei Jahren war sie ermordert worden. Erstochen, gegen Mitternacht im Botanischen Garten von St. Kilda. Maryanne war seine erste und einzige Liebe. In jener Nacht wartete er in der Dogs Bar auf sie, einem belebten Lokal in der Acland Street, unweit des Botanischen Gartens. Maryanne hatte ihre beste Freundin Elizabeth besucht und wollte sich anschließend auf einem Drink mit ihm treffen, bevor sie gemeinsam nach Hause gingen. Aber sie kam nicht. Um ein Uhr ging Eric verärgert nach Hause. Er wartete eine weitere Stunde, dann rief er bei Elizabeth an.
„Nein“, antwortete Elizabeth überrascht, „bei mir ist sie nicht. Sie ist kurz vor Mitternacht gegangen.“
„Hat sie gesagt, wohin sie geht?“, fragte Eric.
„In die Dogs Bar natürlich. Sie wollte dich doch dort treffen.“
Eric rief die Polizei an, die wollte aber nichts unternehmen. „Zwei Stunden sind zu wenig, um als vermisst zu gelten“, hieß es.
„Ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist.“
„Beruhigen Sie sich, sie wird schon noch auftauchen. Wer weiß, was in ihrem Kopf vorgeht. Solche Fälle haben wir öfter. Spätestens zum Frühstück kommt sie angekrochen und bittet um Vergebung.“
Das war zu viel für Eric. Er schrie in den Hörer. Er verbat es sich, dass derart über Maryanne geredet wurde, und ließ nicht locker, bis die Personenbeschreibung aufgenommen wurde.
„Was werden Sie unternehmen?“
Der Polizist ließ sich Zeit mit der Antwort. „Alles, was ich tun kann, ist die Vermisstenmeldung an meine Kollegen im Streifenwagen weiterzugeben. Die werden Ihre Frau hoffentlich irgendwo auflesen und gesund wieder nach Hause bringen. Das ist alles, was ich tun kann.“
So lange wollte Eric nicht warten und bat Elizabeth um Hilfe. Zusammen streiften sie im Auto durch das ganze Quartier, hinterließen den Kellnern in der Dogs Bar Maryannes Beschreibung, kehrten mehrere Male zurück - ohne Erfolg.
Bei Tagesanbruch war die Polizei endlich willig, eine offizielle Vermisstenmeldung aufzunehmen. Elizabeth begleitete Eric nach Hause und kochte einen starken Kaffee. Er erzählte ihr von dem Streit mit dem Polizisten und dessen Unverfrorenheit, Maryanne der Untreue zu bezichtigen.
„Glaubst du, sie würde mir das antun?“, fragte er, und im gleichen Atemzug erschien ihm diese Frage albern. Elizabeth aber gab keine Antwort und durchforstete ungeduldig den Kühlschrank nach Essbarem.
„Du verschweigst etwas“, sagte er fordernd.
„Ich will nicht den Teufel an die Wand malen“, war ihre knappe Antwort, dann: „Ich habe Hunger. Lass uns frühstücken.“ Sie nahm Käse und Butter aus dem Kühlschrank und legte beides auf den Tisch, dazu eine Flasche Champagner. „Kann ich den aufmachen?“
„Jetzt?“
Ein Frühstück ohne Champagner war für Elizabeth undenkbar. Das Prickeln wecke ihre Geister, hielt sie jedem Besserwisser entgegen, der es wagte, ihre Angewohnheit zu kritisieren. Und man ließ sich besser nicht auf eine Auseinandersetzung mit Elizabeth ein.
Sie öffnete die Flasche, füllte ein Glas und nahm einen Schluck. „Maryanne war nicht allein, als sie zu mir kam“, sagte sie.
„Was heißt das?“
„Sie hat in der Straßenbahn einen fremden Mann angesprochen, der ihr schon seit längerer Zeit aufgefallen war.“
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