„Danach hatte ich Gastauftritte in London, Singapur und Neuseeland. Und neben einer Konzertreihe in der St.-Michaels-Kathedrale unterrichte ich Gesangsschüler. Zweimal die Woche. Ich fand nicht einmal mehr Zeit, mich morgens im Spiegel zu betrachten.“
Womit sie übertrieb, denn ihre Verehrer waren dennoch auf ihre Kosten gekommen. Allen voran Elizabeth selbst. Sie hatte sie nach Bedürfnissen und Anlässen aufgeteilt. Eine Handvoll verheirateter Männer, darunter der Kardiologe, durften Elizabeth bei ihren Einkaufsorgien begleiten und für ihre exklusiven Schnäppchen in die Tasche greifen. Für besondere Anlässe, ein Abendessen in einem schicken Restaurant oder im kleinen Kreis mit netten Bekannten, bediente sie sich eines angesehenen, mehrfach geschiedenen Auktionators. Für weniger aufregende Aktivitäten stand ihr der Alltagsverehrer zur Seite. Er war der Unaufdringlichste von allen, dafür der Langweiligste, Ronald Maze. Seine Familie hatte seit Beginn der Atomforschung in erheblichem Maße vom Uranabbau profitiert. Ronald Maze hatte seine Position im Familienbetrieb aus rein steuerlichen Gründen inne und verfügte deshalb über unbeschränkte Zeit, Elizabeth in seinem Mercedes herumzukutschieren und ihre Einkaufstaschen zu schleppen.
„Du bist der Erst, dem ich es verrate“, erzählte Elizabeth weiter, „heute Nachmittag wurde mir angeboten, eine CD zu produzieren. Der Vertrag wird bereits ausgearbeitet, und wenn alles gut geht, sollen in einem Monat die Aufnahmen beginnen.“
„Wunderbar“, sagte Eric endlich, „ich gratuliere. Was wirst du singen?“
„Liebeslieder. Über das Konzept werden wir uns noch streiten müssen. Der Musikfirma schweben Stücke von Schubert vor, ich aber will auf alle Fälle Schumann singen. Ich bin auf Lieder gestoßen, die ich unbedingt singen muss. Kleine Stücke über unerfüllte Liebe.“
„Wem hast du diesmal die Augen verdreht?“
„Niemandem“, wehrte Elizabeth ab, „das Angebot kam aus heiterem Himmel. Durch einen guten Bekannten.“
Dieser gute Bekannte war Alltagsverehrer Ronald Maze. Von ihm hatte sie am wenigsten erwartet, dass er nützliche Kontakte pflegte, doch eines Tages hatte er sie mit der Nachricht überrascht, dass die und die Leute von der und der Musikfirma an einer Aufnahme interessiert wären. Elizabeth hatte keinen Moment gezögert.
„Es sieht aus, als ob du dein Leben im Griff hast“, sagte Eric.
„Sagen wir mal, meinen Beruf.“
„Dein Beruf ist doch dein Leben.“
Elizabeth lachte. „Du befindest dich auf dem Holzweg, mein Lieber. Musik ist nicht alles im Leben. Natürlich liebe ich sie, ich verehre sie und würde für sie sogar töten. Meine Seele und mein Ego können sich nicht beklagen, die bekommen mehr als genug. Aber ich habe auch noch ein Herz und einen Körper, die befriedigt sein wollen.“
„Vielleicht solltest du dir mehr Verehrer zulegen?“
Seine Bemerkung saß, und Eric spürte, dass er zu weit gegangen war. Er wusste, dass Elizabeth normalerweise explodieren würde, und machte sich mindestens auf eine Tirade gefasst.
Elizabeth aber blieb ruhig. „Meine Verehrer mögen mich bewundern und begehren“, sagte sie, „aber keiner von ihnen liebt mich wirklich, und ohne Liebe geht bei mir nichts. Sex ohne Liebe schmeckt nach aufgeblasenem Blätterteig. Man beißt in die knusprige Haut, und was bleibt, ist ein Häuflein trockener Krümel im Mund. Darauf habe ich keine Lust. Ich stehe auf herzhafte Kost.“
Eric richtete sich auf, weil sein Fuß schmerzte. Er stützte sich auf den Ellbogen ab, ließ den Kopf nach hinten fallen und seufzte leise. Elizabeth betrachtete seinen schönen Körper. In dieser Stellung sah Eric zum Anbeißen aus. Unter dem kalten Licht der Lampe schimmerten seine nackten Beine weich wie Elfenbein, sie erinnerten an die blassen Glieder jener Marmorstatuen, die italienische Meister für Paläste schufen: aus edelstem Stein gehauen und immer wieder von bloßer Hand geschliffen, bis sie die Kraft und Geschmeidigkeit einer Gazelle hatten. Elizabeths Blick wanderte zu seinen schmalen Hüften und der dünnen, weißen Unterhose, unter der sich deutlich sein Glied abzeichnete. Das weiße Hemd war bis zum Bauchnabel aufgeknöpft und lag weich auf seiner flachen Brust und den breiten Schultern. Die nächtlichen Wanderungen durch den australischen Busch hatten ihn vermutlich so athletisch gemacht. Nur die Hände und die Nase schienen etwas groß geraten. Elizabeth fand seine Nase süß. Überhaupt fand sie alles an ihm süß, selbst die blassblauen, zitternden Augen. Sie sehnte sich nach seinem Körper, so wie damals in Waratah Bay in einem Zelt am Strand, das in der Hitze der Nachmittagssonne zu kochen schien.
„Worauf warten wir?“, fragte sie plötzlich und stand auf. Sie ging zur Tür und blickte in den Gang hinaus. Niemand war zu sehen. „Es sieht aus, als ob man uns vergessen hat.“ Dann kam sie zurück zum Bett.
„Was hast du vor?“, fragte Eric.
„Weißt du, dass du unwiderstehlich bist?“, sagte sie und griff nach seiner Hand. Sie beugte sich zu ihm und küsste seine Stirn. Ihr Angriff überraschte ihn. Er legte den Arm um ihren Rücken und drückte sie an seinen Körper. Seine Nasenspitze berührte die feuchte, weiche Haut ihrer Halsgrube. Hungrig sog er den Duft von süßlichem Schweiss und der Erinnerung an Liebkosungen ein. Er schloss seine Augen und sah Maryannes liebliche Schultern, ihre zierlichen Arme und kleinen Brüste, während er in Elizabeths pralles Fleisch griff und sie auf seinen Schoss zog.
Elizabeth presste sich an ihn und flüsterte seinen Namen. Endlich! Endlich durfte sie sein Herz an ihrem Körper schlagen fühlen. Die klaffende Wunde, die seit Waratah Bay in ihrer Brust schmerzte, schloss sich in diesem Augenblick. Nimm mich, flehte sie stumm, führte seine Hand unter ihr Kleid und presste seine Finger auf ihre Scham. Mit der anderen Hand zog sie seine Unterhose so weit herunter, dass sein Glied entblößt war, anschwoll und sich aufrichtete. Er krallte seine Finger in ihr Fleisch und drang in sie ein, schnell und tief. Sie stöhnte auf, voll Lust, vor Schmerz. Plötzlich stieß er sie mit einem Ruck von sich weg und sein Samen ergoss sich in mehreren Fontänen über sein Hemd. Eric sank ermattet zurück. Jeder war nun für sich allein. Elizabeth spannte ihren Körper an, um die entfachte Lust, die in ihr übrig geblieben war, zu erdrücken. Sie wusste nicht weshalb, aber auf einmal schämte sie sich vor Eric. Sie stieg vom Bett herunter und rückte ihr Kleid zurecht. Eric war irritiert. Es befremdete ihn, dass er Elizabeth begehrte. Zugleich war er froh, denn zum ersten Mal fühlte er wieder, dass sich etwas Leben in ihm regte.
„Das war Weltrekord“, scherzte er verlegen, „na ja, nach drei Jahren Abstinenz.“ Er lächelte unbeholfen und blickte auf sein Hemd hinunter. „Nicht nur meine Hose ist versaut, jetzt auch noch das Hemd.“
„Zieh es aus, ich stecke die Sachen in einen Kissenbezug.“
„Soll ich etwa in der Unterhose auf die Straße gehen?“
„Lieber nicht, sonst wird ganz Melbourne verrückt nach dir.“
Der Taxifahrer zögerte, denn die sonnenbebrillte, in ein Bettlaken gehüllte Gestalt auf dem Rücksitz machte ihn stutzig.
„Das ist hoffentlich nicht so ein verrückter Patient, der aus dem Krankenhaus abhauen will? Tut mir leid, aber damit will ich nichts zu tun haben.“
„Quatsch“, zischte Elizabeth, „fahren Sie. Nach St. Kilda in die Dickens Street.“
Die Punt Road war um diese Nachtzeit angenehm leer, und ohne an einer der zahlreichen Ampeln anhalten zu müssen, fuhr das Taxi mit rasantem Tempo hinunter nach St. Kilda. Am Ende der Acland Street bog es ab, am Westeingang des Botanischen Gartens vorbei, und wollte gerade in die Tennyson Street einbiegen, als der Fahrer abrupt bremsen musste, weil eine alte Frau plötzlich über die Straße eilte. Der Wagen schlitterte knapp am Randstein vorbei, und die nahezu profillosen Reifen schleuderten Pfiffe in die ruhige Nacht. Nach einem heftigen Ruck blieb das Taxi auf einer Bodenwelle stehen.
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