»Aber was weißt du denn von ihr selbst?« fragte Diana, um ihn daran zu hindern, mehr von diesen beiden interessanten Rechtsanwälten zu erzählen.
»Verdammt, ich weiß nicht viel.« Colley fuhr mit der Hand durch seine Haare. »Sie hielt sich gewöhnlich in Monk's Chase auf, einem Landsitz in Berkshire. Ein sehr schöner, alter Besitz. Er geht bis auf den letzten Henry zurück ...«
»Um Gottes willen, ich will keine Architekturgeschichte hören«, sagte Diana nervös.
»Also sie hielt sich gewöhnlich dort auf«, fuhr Colley fort, der bemüht war, seine Partnerin zufriedenzustellen. Er kannte ihre Begabung für unangenehme Bemerkungen. »Sie wurde dort von einem alten Herrn, einem Mr. Hallett, betreut. Ich glaube, sie war lange Jahre dort. Hallett selbst war häufig in Amerika, und während der Zeit hat sein Verwalter für sie gesorgt. Als sie Monk's Chase verließ, kam sie zur Schule und von dort nach Paris, um ihre Ausbildung zu vollenden. Sie hatte immer sehr viel Geld. Roke & Morty richteten ihr auch die große Wohnung ein. Mehr weiß ich nicht. Warum bist du so neugierig?«
Diana blies eine lange Rauchspirale von ihren Lippen, bevor sie antwortete.
»Ich interessiere mich so sehr für sie, weil dieses junge, hübsche Mädchen in aller Stille, aber mit allen Mitteln kaltgestellt werden muß.«
Colley starrte sie erstaunt an, dann grinste er.
»Sie wird wohl bald vollständig außer Konkurrenz sein, liebe Diana. Hier in London ist jemand, der verrückt nach ihr ist.«
»Ich weiß«, unterbrach sie ihn scharf. »Dick Hallowell!«
»Dick Hallowell!« sagte er verächtlich. »Der doch nicht!«
Nun war es an ihr, erstaunt zu sein.
»Wen meinst du denn? Wer ist in sie verliebt?«
Colley liebte es, theatralisch zu sein, und er nahm erst die nötige Haltung an, bevor er antwortete: »Unser hoher Herr und Freund, Seine Hoheit, der Fürst von Kishlastan.«
Der Fürst! Diana glaubte Colley nicht und dachte, er erlaube sich einen dummen Scherz mit ihr.
»Er kennt sie doch gar nicht!« rief sie.
Colley nickte.
»Er hat sie öfters gesehen, meine Liebe, und sehen heißt lieben, sagt der Dichter. Er fährt jeden Morgen aus, um ihr bei ihrem Morgenritt zu begegnen. Er gibt Geld aus, um zu erfahren, in welches Theater sie geht, und ist zufrieden, wenn er sie von seiner Loge aus beobachten kann. Er beschäftigt sich mit ihr in seinen Gedanken ebenso viel wie mit seinen verrückten Salutschüssen und seinen meilenlangen Perlenschnüren. Heute Abend trifft er sie.«
»Heute Abend? Wie – auf dem großen Empfang?« fragte sie schnell. Colley bejahte.
»Der Empfang ist hauptsächlich deswegen arrangiert worden, um Riki eine Möglichkeit zu geben, seine Angebetete zu sehen. Weshalb denn sonst? Er haßt doch die Engländer, und er würde sonst ebensowenig das Geld für einen solchen Empfang hinauswerfen wie ich. Er wollte Hope ganz einfach dadurch kennenlernen, daß er sie für die ›Gesellschaft zur Befreiung der orientalischen Frau‹ interessierte. Du kennst doch diese Art Unsinn – rettet unsere braunen Schwestern vor den Schrecken der Polygamie! Es ist eine ganz einfache Sache, um eine junge Dame, die man gern hat, kennenzulernen.«
Diana stand auf und ging im Zimmer auf und ab.
»Mir hat er davon keinen Ton gesagt.«
»Warum sollte er auch?« meinte Colley gedehnt. »Im allgemeinen zieht man Journalistinnen in Liebesangelegenheiten nicht zu Rate.«
»Du bist gemein«, sagte Diana.
Sie ging, um sich aus ihrem Schlafzimmer ein Taschentuch zu holen. Als sie die Tür öffnete, war sie starr vor Erstaunen.
Draußen stand eine dicke Frau in mittleren Jahren. Sie hatte eine mächtige Nase und zwei lustig dreinschauende Augen.
»Wer – sind Sie?« brachte Diana mit Mühe hervor.
»Guten Morgen, gnädige Frau. Mein Name ist Ollorby.«
Sie suchte in ihrer Handtasche, zog eine große Karte heraus und übergab sie Diana, die zu erstaunt war, um die Visitenkarte genau anzusehen.
»Ich unterhalte einen Stellennachweis für Dienstboten. Wenn Sie eine Zofe oder einen Koch brauchen, würde ich mich freuen, wenn Sie mich anläuteten. Drei – sieben – neun – vier Soho ...«
»Wie sind Sie hereingekommen?« fragte Diana. Ihr Ärger wuchs. »Wie dürfen Sie überhaupt ohne Erlaubnis diese Wohnung betreten?«
Sie sah sich nach Dombret um.
»Ich bin allein schuld«, sagte Mrs. Ollorby fast unterwürfig. »Die Tür stand offen, ich konnte mich bei niemand melden so bin ich eben hereingekommen. Ich stehe Ihnen gern zu Diensten, wenn Sie einen Dienstboten –«
»Ich brauche keinen Dienstboten.« Diana zeigte auf die äußere Tür, die von der Treppe zu der Wohnung führte. Mrs. Ollorby war in keiner Weise gekränkt und ging mit einer Behendigkeit hinaus, die man ihr bei ihren Jahren kaum zugetraut hätte. Diana warf die Tür hinter ihr zu und ging wieder zu Colley hinein.
»Worüber hast du dich geärgert?« fragte er nachlässig.
»Eine freche Stellenvermittlerin!«
Sie klingelte wütend. Nach einer Weile kam Dombret ins Zimmer.
»Wie konnten Sie die Tür offenlassen?«
»Ich habe die Tür nicht offengelassen, gnädige Frau«, protestierte das Mädchen.
»Lügen Sie nicht«, sagte Diana aufgebracht. »Sie ließen die Tür offenstehen, so daß eine zudringliche Frau hereinkommen konnte. Wer weiß, wie lange sie schon draußen stand ...«
Die Ankunft Grahams schnitt die Strafpredigt ab, die Dombret zugedacht war. Diana vergaß die aufdringliche Person, und während des Essens sprach sie vornehmlich von dem Fürsten von Kishlastan und seiner Leidenschaft für schöne Menschen und schöne Dinge.
Es gab genug Leute, die der Meinung waren, daß der Fürst von Kishlastan sich etwas mehr zurückhalten sollte. Er war eine große, schlanke Erscheinung mit dem typischen Gesichtsausdruck eines Asiaten. Zur Zeit war er nicht nur von der französischen Regierung kaltgestellt, sondern stand auch mit den amtlichen englischen Stellen in Indien ausgesprochen schlecht. Er war nominell französischer Untertan, da er seinen Titel nach einem kleinen Land führte, das zum französischen Machtbereich gehörte. Dieses Gebiet hatte er derartig schlecht verwaltet, daß er vom Gouverneur von Pondichéry zur Verantwortung gezogen wurde. Zum nicht geringen Verdruss der englischen Regierung hatte er dann große Ländereien in Britisch-Indien erworben.
Riki, wie man ihn nannte, kam mißgestimmt und verdrießlich nach London. Da er aber ein Mann war, der über ungeheure Reichtümer verfügte, fand er viel Sympathien in jenen Schichten der Gesellschaft, die die Überspanntheiten indischer Fürsten gern entschuldigen.
Er war bei allen Rennen und besuchte unermüdlich die Premieren in allen Theatern. Seine Abendgesellschaften zeichneten sich durch Luxus und Verschwendung aus. Man konnte ihnen in dieser Saison nichts Ähnliches an die Seite stellen. Doch nahm kein offizieller Vertreter des Auswärtigen Amtes daran teil. Riki verkehrte nicht in den offiziellen Kreisen, die mit der Regierung in enger Fühlung standen. Aber das Auswärtige Amt war bei Rikis größeren Festlichkeiten trotzdem in irgendeiner Form vertreten, obwohl dies natürlich sein Ansehen schmälerte.
Dick Hallowell erhielt eine Einladung zu dem großen Empfang Seiner Hoheit, und zu gleicher Zeit wurde ihm unter der Hand mitgeteilt, daß von Regierungsseite aus seine Anwesenheit dort nicht ungünstig aufgenommen würde. Er hatte vier Jahre seiner Kindheit in Indien zugebracht und dabei Hindostani gelernt. Seine Vorliebe für diese Sprache machte es ihm leicht, im Lauf der Zeit seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr zu verbessern. Später war er als Adjutant des Generalgouverneurs von Bengalen in Indien tätig. Beim Tod seines Vaters kehrte er nach England zurück, um die Pflichten des ererbten Titels und die Verwaltung und Instandsetzung eines Landsitzes zu übernehmen, der bis zu einem gewissen Grad verschuldet war.
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