»Sieh mal an!« Graham verfiel wieder in seine frühere Unverschämtheit. »Ich wollte dich nur fragen – weiß Diana –?«
Dick ging zur Tür und riß sie weit auf.
»Mach, daß du hinauskommst!« sagte er kurz.
»Diana –«
»Diana bedeutet mir nichts mehr. Erinnere dich gefälligst daran. Ich liebe auch ihre Freunde nicht.«
»Meinst du mich damit?«
Dick nickte.
Graham zuckte die Achseln und entfernte sich hochmütig.
»Dieser Platz hier ist wie ein Gefängnis – aber ich werde schon meinen Weg hinausfinden.«
»Der beste Ausweg für dich ist, wenn du wieder hinter Schloss und Riegel sitzt.« Richard Hallowell lachte grimmig.
»Was ist das?« fragte Graham unten.
»Das Verrätertor«, sagte Dick und warf den schweren Flügel hinter ihm zu.
Das Telefon läutete schon zum dritten Mal. Diana Martyn legte endlich den kleinen, langhaarigen Schoßhund auf ein Kissen und nahm nachlässig den Hörer ab. Es war natürlich Colley, der sie wie immer mit Vorwürfen quälte, weil es zu lange dauerte, bis sie sich meldete.
»Wenn wir gewußt hätten, daß Eure gestrenge Hoheit am Apparat wären, hätten wir uns gleich beim ersten Läuten beeilt«, sagte Diana ironisch.
Colley ärgerte sich über diesen Ton. Er haßte sarkastische Frauen.
»Kannst du mich zum Essen bei Ciro treffen?« fragte er.
»Nein, wir können mit Euch nirgends speisen. Mr. Graham Hallowell wird heute bei mir zu Tisch sein.«
Anscheinend war die Nachricht eine Überraschung für ihn.
»Hallowell? Ich kann dich nicht deutlich verstehen, Diana – rauchst du?«
Sie blies eine graue Wolke zur Decke und streifte dann die Asche ihrer Zigarette in die Kristallschale.
»Nein«, sagte sie. »Aber ich bin heute morgen etwas durcheinander. Die Aussicht, mit einem Mann allein zu sein, der gerade aus dem Gefängnis kommt, ist wenig verlockend. Er sieht im Augenblick nicht eben zum Fotografieren aus. Auch war er wirklich nicht zu Unrecht verurteilt –«
»Höre einmal, Di –«
»Du sollst mich nicht immer Di nennen«, unterbrach sie ihn ärgerlich.
»Diana, der große Herr möchte dich sprechen – in allen Ehren – er sagte es mir –«
»Bestelle dem großen Herrn, daß ich ihn nicht sehen will«, entgegnete sie ruhig. »Ein Verbrecher am Tag bringt gerade genug Ärger.«
Er schwieg einen Augenblick.
»Sei doch nicht so komisch, ich glaube ja gar nicht, daß du mit Hallowell speist!«
Sie legte den Hörer auf den Tisch und nahm ihr Buch wieder auf. Wenn Colley Warrington ungezogen oder schwierig wurde, legte sie unweigerlich den Hörer fort und ließ ihn ruhig summen.
Und Colley konnte sehr unangenehm sein. Manchmal war er in sie verliebt; und manchmal war er rasend eifersüchtig. Augenblicklich war er wieder ihr Liebhaber, aber er langweilte sie.
Es wurde leise an die Tür geklopft. Dombret kam herein, ihr Taftkleid rauschte. Diana kleidete ihre Zofe stets in dunkelrote Taftseide und bestand auf Tändelschürzen und hohen Frisuren, wie sie die Kellnerinnen in den Cafés tragen. Dombret war zwanzig Jahre alt und sehr hübsch. Die knisternde Seide kleidete sie gut.
»Wollen Sie Miss Joyner empfangen, gnädiges Fräulein?«
»Miss Joyner?« Diana starrte die Zofe an. »Haben Sie richtig gehört? – Miss Joyner?«
»Jawohl, gnädiges Fräulein. Eine sehr hübsche junge Dame.«
Diana überlegte schnell.
»Bitten Sie die Dame, näher zu treten.«
Dombret verließ das Zimmer nur einen Augenblick.
»Miss Joyner.«
Diana ging quer über das Parkett. Sie streckte dem Besuch ihre Hand entgegen. Ein entzücktes Lächeln spielte auf ihrem blassen Gesicht. Sie trat selbstbewußt auf, denn sie wußte, wie vollendet die Linien ihrer Gestalt waren und wie verführerisch ihr rötlich-blondes Haar glänzte.
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie kommen, Miss Joyner.«
Hope Joyner nahm die Hand. Ihre klaren grauen Augen begegneten Dianas Blick weder feindlich noch argwöhnisch. Sie war drei Jahre jünger als Diana und befand sich in dem Alter, in dem es schwierig ist, sich an das Aussehen vor einem Jahr zu erinnern.
»Ist Ihnen mein Besuch auch recht?« fragte sie.
Das also war Hope Joyner. Sie sah liebreizend aus. Diana war sehr kritisch, aber hier fand sie nichts auszusetzen, weder an ihrer Figur noch an ihrer Stimme, noch am Teint.
»Es ist mir sehr angenehm – bitte, nehmen Sie Platz!«
Sie nahm das verschlafene Hündchen vom Kissen. Durch heftiges Bellen protestierte der Kleine, bis er durch einen Puff zur Ruhe gebracht wurde. Prügel und Liebkosungen wechselten bei Togo ab, daran war er schon gewöhnt. Aber Hope blieb stehen. Nur ihre weiße Hand legte sie auf die Polsterlehne des Sessels.
»Ich habe einen Brief von Ihnen bekommen – einen sehr merkwürdigen Brief«, sagte sie. »Darf ich ihn noch einmal vorlesen? Vielleicht haben Sie vergessen, was Sie geschrieben haben.«
Diana vergaß solche Dinge nie, aber sie erhob keinen Widerspruch. Sie beobachtete das Mädchen mit besonderem Interesse, als sie ihre Handtasche öffnete. Hope zog einen Umschlag heraus und entnahm diesem einen schweren grauen Bogen. Ohne Einleitung begann sie zu lesen:
»Liebe Miss Joyner, ich hoffe, Sie werden es nicht unverschämt von mir finden, daß ich Ihnen in einer Angelegenheit, die mich nahe angeht, schreibe. Ich weiß genug von Ihnen, um zu glauben, daß Sie mein Vertrauen respektieren werden. Kurz gesagt, ich bin in einer verwirrenden Lage. Vor Ihrem Erscheinen war ich mit Sir Richard Hallowell verlobt. Wir sind durch eine Familienangelegenheit, die kein besonderes Interesse für Sie hat, zur Zeit entfremdet. Sie sind mit ihm in der letzten Zeit sehr häufig gesehen worden, und man spricht sehr unfreundlich von Ihnen. Man fragt, wer Sie sind, woher Sie kommen, wie es mit Ihrer Familie steht. Dies geht mich jedoch weniger an als meine persönliche Lage. Ich liebe Dick zärtlich, und er liebt mich, obgleich wir im Augenblick nicht miteinander sprechen. Darf ich mich nun an Ihre Großmut wenden und Sie bitten, uns eine Gelegenheit zu geben, unsere Freundschaft zu erneuern?«
Als sie zu Ende war, steckte sie den Brief wieder in ihre Handtasche und schloss sie leise.
»Ich glaube nicht, daß ich eine unvernünftige Bitte an Sie gerichtet habe«, sagte Diana kühl.
»Ich soll mich selbst unglücklich machen?« fragte Hope mit ruhiger, betonter Stimme. »Warum denn? Sie haben doch alle Vorteile auf Ihrer Seite. Nehmen Sie sich nicht etwas viel heraus?«
Diana biß sich gedankenvoll auf die Lippen.
»Es mag sein – es war ein dummer Brief, aber ich war etwas verwirrt. Aber das macht ja nichts. Sie sind ja nur seine Freundin und sorgen sich um ihn –«
Hope schüttelte den Kopf.
»Das meine ich nicht. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich nicht zu viel herausnehmen, wenn Sie ein so großes Opfer von mir verlangen?«
Diana kniff die Augen zusammen.
»Sie meinen – daß Sie ihn lieben?«
»Ja, das meine ich«, sagte sie.
Dieses Bekenntnis nahm Diana den Atem, und es dauerte einige Zeit, bevor sie wieder sprechen konnte.
»Wie interessant!« sagte sie, aber Hope Joyner reagierte auf die höhnische Bemerkung nicht. »Ich muß also annehmen, daß meine verständliche Bitte Sie von Ihrem« – sie machte eine wohlüberlegte Pause – »ehrgeizigen Plan nicht abhält?«
»Ist es denn so ehrgeizig«, fragte Hope mit verblüffender Unschuld. »Dick Hallowell gern zu haben oder ihn zu lieben?«
Diana nahm sich zusammen. Sie hatte nicht erwartet, daß ihr der Brief von Nutzen sein konnte, sie hatte ihn nur in einer Laune geschrieben. Vielleicht beabsichtigte sie, Dick Hallowell zu verletzen oder zu ärgern. Und jetzt, da das Mädchen mit ihrem reinen, festen Vertrauen zur Liebe vor ihr stand, sah sie eine Herausforderung darin, daß sie hierher kam und ihr furchtlos in die Augen schaute. Und es war nicht gut, Diana herauszufordern.
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