In bester Laune kommt Mischa zurück. Er ist mit seinen 1 Meter 85 eine imposante Erscheinung, athletisch und doch mit weichen Zügen – ein Frauenschwarm und das weiß er. Er nimmt das für ihn vorbereitete Glas aus Haralds Hand, der gerade noch „Sehr zum Wohl!“ sagen kann.
„Ich bitte dich, das ist ein Spruch alter Leute, lass uns auf ein langes Leben trinken.“
Das Telefon klingelt, dann ein zweites Mal.
„Willst du nicht rangehen?“
„Das ist nicht so wichtig.“
Der Anrufbeantworter springt an: „Hallo ihr Lieben, natürlich bin ich wieder unterwegs, sagt bitte euren Namen und ich rufe umgehend zurück. Tschüss und bis bald“.
„Hallo Mischa, natürlich bist du da, also geh schon ran. Bitte! … Dann eben nicht. Ich sage dir, so einfach lasse ich mich nicht abschieben. Die Konsequenzen trägst du. Verlass dich drauf!“ Mit einem lauten Krach landet der Hörer auf der Gabel. Fröhlich ertönt es aus dem Anrufbeantworter: „Schönen Dank für Ihren Anruf.“
Stille liegt über dem Raum, wenngleich die Nackte an der Wand über dem Telefon – auf einem Foto mit Widmung von Charles Wilp – davon wenig beeindruckt zu sein scheint.
Mischa greift nach seinem Glas und spielt den Ahnungslosen.
„Was ist da los, Michael?“
„Nichts, du weißt ja, wie Regina ist. Sicher liegt es an der Hitze.“
„Das ist eine selten dumme Ausrede.“
„Sie ist in letzter Zeit so anhänglich geworden. Auf jeden Fall nervt sie mich“, versucht Mischa einzulenken.
„Vielleicht bekommt sie ein Kind?“
„Ach Quatsch, ich weiß von nichts.“ Bei Mischa kommt der Macho durch. „Eine Heirat käme ohnehin nicht für mich in Frage.“
„So kannst du mit Regina nicht umgehen.“
„Was heißt hier umgehen? Niemand kann mich erpressen, auch Regina nicht.“
„Ich warne dich“, kontert Harald.
„Sie erdrückt mich mit ihrer Liebe. Ich muss da raus, neu anfangen. Und jetzt Schluss damit“, beendet Mischa das Gespräch.
Harald sinkt in sich zusammen. Regina war einmal seine große Liebe. Sie waren Kinder und schworen sich ewige Treue. Da war für Harald die Welt noch in Ordnung. Er war noch nicht der Zwerg, der er heute ist. Es war ein böses Erwachen, als die Ärzte feststellten, dass er unter der gleichen Krankheit litt wie einst Toulouse-Lautrec, ohne Chance auf Heilung. Das war das Ende dieser großen Kinderliebe. Mischa trat an seine Stelle. Er hat es ihm nie verziehen.
Als es plötzlich an der Tür klingelt, blicken sich beide fragend an.
„Willst du nicht aufmachen?“
„Den Sonntag kannst du jetzt vergessen.“ Ärgerlich steht Michael auf. Vor der Tür steht Tomas Breckwitz.
„Hallo Tom, komm rein.“
Strahlend betritt Thomas das Zimmer und erblickt überrascht Harald.
„Ich stör euch doch nicht?“
„Unsinn! Setz dich, meinen Bruder Harald kennst du ja.“
„Klar doch, schließlich waren wir mal Nachbarn.“
Harald ist aufgestanden. „Hallo Tom.“
„Ist das deiner, der Jaguar draußen?“
Harald nickt nur.
„Super, das ist ja ein richtiger Miezenabschlepper.“
„Nicht für mich.“
Mischa bremst die Situation aus: „Willst du einen Drink?“
„Bei dieser Hitze ist alles erlaubt.“
„Harald, machst du bitte für uns noch mal dasselbe.“
Harald lächelt gequält und geht hinüber zur Bar. Er kennt diesen Ton seines großen Bruders: Harald, mach dies! Harald, mach das! … Er war schon immer der Laufbursche.
„Wann geht’s los?“, will Mischa wissen.
„Übermorgen und dann gibts kein Zurück.“
„Es ist leider kein Eis mehr da“, meldet sich Harald von der Bar.
„Im Keller steht der alte Tiefkühler, vielleicht ist da noch welches drin. Du kennst dich ja hier aus.“ Michael sieht seinen kleinen Bruder nicht an, während er weiter mit Tomas spricht. „War sonst noch was?“
„Du weißt doch, da steht noch immer unser alter Deal offen“, mahnt Tom.
„Ich habs nicht vergessen. Tom. Ehrlich. Lass uns ein andres Mal darüber reden.“
„Okay“, willigt dieser ein. „Ich bin in vierzehn Tagen zurück. Ich denke, es hat bis dahin Zeit.“
Das Telfon klingelt erneut.
„Entschuldige“, sagt Mischa. Nachdem er abgenommen hat, ist es fünf Sekunden still, bis er mit hochrotem Kopf schreit: „Ich lasse mich nicht bedrohen!“, und den Hörer auf den Apparat knallt.
Harald kommt mit einem Eiskübel zurück. „Da ist aber jemand sauer.“
„Lächerlich, vergiss es“, versucht Mischa den Ausrutscher zu überspielen.
„Du solltest deine Mitbewerber nicht unterschätzen“, sagt Tom lächelnd.
„Mach dir mal keine Sorgen.“
„Wenn du Unterstützung brauchst, wie gesagt, in vierzehn Tagen bin ich wieder da.“
„Nimmst du Marion mit?“ Mischa will das Thema wechseln.
„Nein danke. Einmal Urlaub ohne Frauen, ohne Stress, den hab ich mir redlich verdient.“
Harald sitzt, von beiden unbeachtet, in einer Sofaecke. So dicke Freunde scheinen die ja nun auch nicht zu sein. Tom Breckwitz ist im gleichen Alter wie Mischa. Sie sind beide die neue Generation, strahlend, sympathisch und cool bis auf die Knochen. Das heißt, sie wissen, was sie wert sind. Privat nett, eventuell sehr nett, aber im Beruf knallhart. Tom trinkt sein Glas aus und steht auf.
„Ich muss jetzt los. Vergiss unsere Sache nicht, du weißt, was auf dem Spiel steht.“
„Aber klar doch, du kannst dich auf mich verlassen, Ehrenwort.“ Sie schütteln sich die Hände.
„Gute Reise, alter Junge, melde dich, wenn du zurückkommst.“
Tom winkt Harald beim Hinausgehen flüchtig zu. Danach sitzen die Brüder sich wortlos gegenüber, keiner will anfangen, bis Harald vorwurfsvoll sagt: „Du hast also wieder mal eine Neue und lässt Regina fallen, wie alle anderen auch.“
„Das geht dich nichts an, das ist ganz allein meine Sache.“
„Und die Sache mit Tom, die geht mich natürlich auch nichts an.“
„Genau so ist es“, sagt Mischa ärgerlich.
„Du hast gesagt, du musst hier raus. Was soll ich darunter verstehen?“
„Ich brauche mehr Luft“, stöhnt Mischa. „Oder mehr Freiheit, wenn du so willst.“
„Von wegen mehr Freiheit. Du hast eine Neue und willst Regina loswerden Ich werde es nicht zu-lassen, dass du so mit ihr umspringst.“
„Wenn du nicht mein Bruder wärst, könnte man glauben, du drohst mir. Aber erstens ist Regina kein Kind mehr und zweitens bist du nicht mein Vormund.“
„Und der ominöse Anruf eben?“
„Auch das geht dich nichts an, es ist nicht von Bedeutung.“
„Was verstehst du unter, nicht von Bedeutung‘?“
„Da scheint mir ja einer eifersüchtig zu sein.“ Mischa lehnt sich entspannt zurück.
„Lass uns das heikle Thema für heute beenden“, lenkt Harald ein, „wir haben noch anderes zu besprechen.“
„Da ich weiß, dass du dich um alles gekümmert hast, ist es sicher einfacher, wenn du sagst, was ich zu tun habe.“
„Ich habe, wie du schon sagst, alles in die Wege geleitet. Du brauchst also nur noch zur Beerdigung zu kommen“, sagt Harald sarkastisch.
„Da tust du mir unrecht, Harald, ich habe Andy genauso gemocht wie du.“
Harald übergeht den Einwand.
„Die Staatsanwaltschaft hat noch mal bestätigt, dass Andy sich den goldenen Schuss selbst gesetzt hat. Es gibt also keinerlei Anzeichen einer Fremdeinwirkung.“
Mischa atmet auf. „Das wäre dann geklärt. Danke.“
„Doch jetzt noch mal zurück zu deinem Gespräch mit Tom und dem temperamentvollen Telefonat. Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?“
„Ja, da gibt es noch etwas, das hat aber weder mit Tom noch mit dem Anruf zu tun.“ Mischa nimmt einen großen Schluck aus seinem Glas.
„Mach es nicht so spannend.“
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