Schmerz-Tagebuch,
aber da fehlt die genaue Uhrzeit, könnte für seine Ärzte wichtig sein. Also den Titel erweitern.
Schmerz-Stunden-Tagebuch,
klingt schon besser aber noch nicht so rund, wie er sich das vorstellt. Neuer Versuch, vielleicht
Schmerzerlebnis Tagebuch in Klammer nach Stunden.
Das geht gar nicht, klingt abstrus und ist zu hochgestochen. Mit dem Kugelschreiber markiert er einen dicken Trennungsstrich im Schmerzerlebnis aber auch damit ist Joseph nicht zufrieden. Dann schreibt er Tagebuch auf die erste Seite unter seinen Namen und das gestrige Datum.
Die ursprüngliche Idee mehrere Kladden zu führen, wird schnell verworfen, obwohl und da gibt es für ihn kein Vertun, er wird ehrlich zu sich sein, keine Beschönigungen. Kommt nicht in Frage. Entweder so wie er es für diesen Tag als wichtig erachtet, oder gleich das ganze sein lassen. Aber was, wenn jemand dann doch einmal das Tagebuch in die Hand bekommt, vielleicht wären dann gewisse Dinge auch peinlich. Aber solche Eintragungen waren für den gestrigen Tag ja nicht zu erwarten.
Also legt er los. Montag, 15. April 2013
Die Ereignisse des ersten Tages seiner Ankunft schreibt er nieder. Locker füllt Joseph die ersten zwei Seiten seines Tagebuches. Er hat nichts ausgelassen, die weite Fahrt, die Schmerzen im Bein und das Kennenlernen der beiden jungen Leute auf der Treppe. In blumigen Umschreibungen notiert er zu seinem Gesundheitszustand: Ich habe Schmerzen im linken Bein, so als ob mich ein Brauereigaul getreten hat. Über diese erste Notiz über seinen Gemütszustand wird er später öfter lachen, wenn er so in seinen Aufzeichnungen blättert und sich schon mal wundert, wie so alles gekommen ist.
An seinem ersten Nachmittag in Wittlich kommt nur ein kleiner Spaziergang in Frage. Bevor er sich aufmacht, ein kritischer Blick in den Spiegel. Auf sein äußeres Erscheinungsbild legt er großen Wert. Die Kleidung dezent aber ordentlich. Das ist ihm wichtig. Joseph, Bauch rein, häng nicht so rum wie ein alter Mann, so ermahnt er sich bevor er die Tür zu seinem ersten Abenteuer in der für ihn noch fremden Stadt sorgfältig abschließt und sich auf den Weg macht.
Die Formalitäten im Büro der Wohnungsbaugesellschaft sind schnell erledigt. Auf einem Stadtplan zeichnet die Angestellte, die er gestern bei seiner Ankunft kurz gesprochen hat, alle wichtigen Örtlichkeiten wie Bäcker, Metzger, Supermarkt und Getränkeshop ein, damit er sich orientieren kann. Mit ihrem Dialekt kann Joseph wenig anfangen, einiges kann er erahnen, manchmal nickt er zu den Worten der jungen Frau. Als diese merkt, dass der neue Mieter ihr nicht folgen kann, versucht sie es mit Hochdeutsch, was zwar nicht unbedingt besser bei ihren Betonungen klingt, aber wenigstens versteht Joseph Wolf was sie ihm sagen will. „Verlaufen kenne sie sich in Wittlich net, im Zweifel immer den Schildern Zentraler Busbahnhof nachgehen, das ist unser Zentrum, müssen sie wissen und dort frage sie am besten nach dem Rückweg.“ Joseph bedankt sich für die Auskünfte, denkt sich „lustiges Mädel, aber auf die Dauer doch zu anstrengend“ und stapft tapfer los.
Die im Stadtplan eingekringelten Anlaufstellen zur Versorgung seiner Bedürfnisse findet er ohne Schwierigkeiten. Was er zum Leben braucht, findet er an der nächsten Kreuzung. Alles vorhanden, er hat sogar die Auswahl zwischen zwei Bäckereien. Sein Entschluss den, wie er meint klassischen Handwerksbetrieb dem Backshop des Supermarktes vorzuziehen, erweist sich zu einem späteren Zeitpunkt als Flop. Gleicher Firmeninhaber, gleiche Backmischung, das Brot schmeckt nur dann, wenn es frisch gekauft ist. Am nächsten Tag ist nur noch ein fader an Papier erinnernder Geschmack vorhanden. Da kommt es ihm entgegen, dass er immer nur kleine Rationen einkauft.
Joseph Wolf fühlt sich in seiner neuen Umgebung wohl. Täglich geht er spazieren, zunächst darauf bedacht, sich nicht zu viel zuzumuten. Sein gewählter Rundweg führt um die Wohnanlage herum. Kommende Woche soll sich der Wirkungskreis erweitern. Das Hochsteigen der zwei Treppen bis zu seiner Wohnung macht ihm keine Schwierigkeiten. Es tut seinem Bein sogar gut. Die Schmerzen halten sich tagsüber in Grenzen. Nur für die Nacht braucht er Medikamente, sonst kann er nicht einschlafen. Besser auf Droge, als sich stundenlang rumwälzen, das ist seine Devise. Um sicher Ruhe finden zu können, erhöht Joseph eigenmächtig die Dosis und knipst zwei der bunten Kapseln aus der Plastikumhüllung.
Die Tage vergehen ohne besondere Höhepunkte, dessen ist er sich bewusst. Langsam soll es mehr werden, das liegt voll in seinem Zeitplan. Es gibt dann einen Moment, da fühlt sich der Ludwigshafener Kripomann im Krankenstand irgendwie beobachtet. Nur ein Gefühl, so genau lässt sich dieses Unbehagen nicht benennen. Berufskrankheit eben!
Sein Abendessen hat er schon hinter sich, sitzt so da und schaut zum Fenster raus. Die Bäume sind teilweise schon mit frischem Laub begrünt. Ein lauer Abend. Da kommt der Kriminalist wieder durch, er ist es durch seine jahrelange Tätigkeit bei der Kripo gewohnt auf Kleinigkeiten zu achten. Als verdeckter Ermittler war dies in jungen Jahren oft überlebenswichtig. Er bewegt nur die Augen um die gesamte Sichtbreite des Fensters abzusuchen. Nichts. Hat er sich getäuscht? Der Schatten eines Vogels, versucht es mit einer plausiblen Erklärung. Ein Rabe oder so was in der Art, wird es gewesen sein.
Eine Woche später ist das Rätsel gelöst. Joseph hat Gewissheit, eine allerdings recht schmerzhafte Gewissheit. An diesem Morgen ist er aufgeregt. Sein erster Termin in der ihm zugewiesenen psychologischen Facharztpraxis. In den letzten Tagen ist er bei seinen täglichen Rundgängen um die auf seinem Therapieplan angegebene Adresse herumgeschlichen. Besser schon vorab wissen wohin er heute Morgen muss, als überhastet auf den letzten Drücker ankommen. Die Entfernung zur Innenstadt hat er unterschätzt. Also bestellt er sich ein Taxi um zum verhassten Termin am Marktplatz chauffiert zu werden.
Seine Idee ist das sicherlich nicht gewesen, aber seine vorgesetzte Dienststelle hat da die Finger im Spiel. Alles arrangiert, Termine über Termine, da kann er sich nicht verwehren, ohne seinen Status als krankgeschriebener Beamter zu riskieren. Er fügt sich widerwillig, darf nicht negativ auffallen, sich alles offen lassen. Von aktiver Mitarbeit bei seiner Gesundung im seelischen Bereich ist aber in seinen Unterlagen nichts zu lesen. Ist eh ein Schmarrn, eine Modeerscheinung. Gut das ist schon eine happige Portion gewesen, die das Schicksal ihm da hingeklatscht hat, aber da muss er durch, nur er allein, wer soll ihm da schon helfen. Die Knochendocs in der Spezialklinik in Ludwigshafen haben gute Arbeit geleistet, alle Achtung. Was soll jetzt noch der Psychofuzzi in seiner Jugend herumschnüffeln.
Er ist es doch, der am besten weiß, was in ihm steckt, womit er sich herumschlägt, was das aber im Einzelnen für eine Bedeutung hat, das ist für ihn wurscht, ändert ja doch nichts. Das fehlt ihm noch zu seinem vollkommenen Glück! Da hat Joseph eine feste Meinung, das kennt er von Gesprächen mit Kollegen. Alles wird von unten nach oben gekehrt. Am Ende ist nichts wie vorher, geholfen hat`s aber auch nicht. Unglückliche Kindheit, Dominanz des Vaters, unterdrückte Libido zur Mutter, wichsen unter der Bettdecke und des ganze sonstige Scheiß halt. Alles Kacke, Schlagworte, nur bedingt auf ihn anwendbar. Einiges trifft zu, ist doch normal für einen pubertierenden Jungen, soll er darüber reden?
Je näher das Taxi seinem Zielort kommt, desto mulmiger fühlt sich der Oberkommissar Joseph Wolf. Eine eiserne Faust scheint ihn in das Polster auf dem Rücksitz zu pressen. Eine Klammer hält sein Herz umschlossen. Das Atmen fällt ihm auf einmal schwer. Lästig diese Beklemmung, tief Luftholen ist das einzige was hilft. Diese Ungewissheit macht ihm zu schaffen. Er weiß nicht was da auf ihn zukommt. Und wenn er auf dem Absatz kehrt macht, einfach nicht hingeht? Was dann? Fliegt er aus dem Polizeidienst wegen grober Pflichtverletzung? Hartz IV ist keine Lösung, also nimmt Joseph Wolf die Herausforderung an. Hilft ja nichts!
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