Hätte er doch den Lift genommen, nun kommt er schnaufend wie eine alte Dampfwalze oben an, ist außer Atem, gerade das hatte er doch vermeiden wollen. Unmittelbar nach dem er auf die Klingel gedrückt hat, ertönt auch schon der Summer. Die Nerven sind angespannt, misstrauisch tastet er sich vor. Es ist nicht so wie erwartet, nicht das kühle Flair, das allen Arztpraxen anhaftet, eher ein großzügig gestaltetes Entree, eher wie in einem Hotel. Neben der Lobby, fehlt nur der Hinweis auf die Bar. Er bleibt vorsichtig, lässt sich nicht täuschen.
Eine junge Dame begrüßt ihn freundlich, gibt ihm die Hand, scheint ihn schon erwartet zu haben. „Noch einen Augenblick, bitte nehmen sie hier schon einmal Platz. Das Behandlungszimmer ist nüchtern und sparsam eingerichtet. Sein Blick schweift durch den Raum. Dort die obligatorische Liege mit dem schwarzen Leder, wie befürchtet erhöht sich bei diesem Anblick seine Atemfrequenz deutlich. Joseph bleibt vor dem Schreibtisch stehen und wartet ab. Ein ungutes Gefühl kommt immer stärker bei ihm hoch. Weg kann er nicht, obwohl das für ihn im Augenblick als die beste Lösung erscheint. Zu spät.
„Bitte nehmen sie doch Platz“ die freundliche Arzthelferin ist wieder zurück, legt eine Akte auf den Tisch. Joseph ist überrascht, als sich die von ihm als Assistentin eingestufte junge Frau ihm gegenüber auf den Stuhl am Schreibtisch setzt. “ Ich habe mich ja noch nicht richtig vorgestellt. Doktor Burger, Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalyse, ich freue mich das sie gekommen sind.“ Joseph Wolf ist irritiert, das hat er nicht erwartet. Die junge Frau vor ihm ist seine behandelnde Ärztin, die ist doch höchstens 30, 35 maximal, sieht eher wie eine Studentin aus. Das kann ja heiter werden, eine Anfängerin und das bei seinem Krankenbild. Zum ersten Mal fühlt sich Joseph nicht ernst genommen. Eine schwere Bürde lastet auf seinen Schultern, die ihn niederdrückt, und dann das, eine wie er glaubt, direkt von der Universität ausgespukte Fachärztin. Kein Wunder, dass er sich in seinen Vorurteilen mehr als bestätigt fühlt.
Viel Zeit hat er nicht um seinen Gedanken nachzuhängen. Frau Burger bestimmt den Ablauf des Gespräches. Sie zeigt auf den mit einer feinen Kordel verschnürten Aktenordner. „ Herr Wolf, das ist ihre Krankengeschichte, die hier auf dem Tisch liegt. Und dann noch Teile der Ermittlungsakte über die Ereignisse, die zu ihrer Verletzung gefühlt haben. Aber darüber werden wir uns später unterhalten. Jetzt möchte ich mir zunächst ein Bild über sie machen, über ihre Person, Hobbys und so weiter. Die Akten sind noch nicht wichtig.
Von dieser Gesprächseröffnung seiner Therapeutin ist Joseph keineswegs beruhigt. Er wartet ab, will sich keine Blöße geben. Es könnte eine Falle sein. So macht er es auch bei den ersten Vernehmungen. Einmal gesagt, bleibt das Wort ausgesprochen, das kennt er von seinem Job. Um seine Nervosität zu verbergen, reibt er sich die Hand, kaschiert seinen Handrücken.
„Sind sie verletzt, Herr Wolf? Das sieht nach einer Katze aus, darf ich einmal sehen, wenn sich das entzündet, haben sie lange damit ihren Huddel, äh, ich meine, das braucht lange um auszuheilen.“
„Das ist nur ein Kratzer.“ Wolf legt seine verletzte Hand zaghaft auf den Tisch. Die Ärztin begutachtet die drei dicht beieinander verlaufenden Kratzspuren. „Das hab ich mir gedacht, ziemlich tief und schon leicht entzündet. Warten sie ich desinfiziere die Wunde, damit nicht noch Schlimmeres passiert.“
„Uh“ Joseph zieht hörbar die Luft ein und verzieht den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Schon vorbei“, die Ärztin redet mit ihm wie mit einem Kind. „Noch ein Pflaster und die Sache ist ok.“
Joseph fängt an zu erzählen, achtet nicht auf seine Vorbehalte. „Also die Katze gehört einer Nachbarin und ich wollte Diva streicheln. Da hab ich mich aber verrechnet.“ Von Frau Dr. Burger kommt die Anmerkung „was für ein schöner Name, Diva klingt nach einer Grande Dame.“
„Der Name täuscht, Diva sollte ein Mädchen sein, ist aber ein feister durchtriebener Kater.“ Joseph schmunzelt bei diesen Worten, wird lockerer als er weiter erzählt, wie er die Katze fangen wollte. „Das Biest streift jeden Morgen auf den Balkonen herum, dort wo ich vorübergehend wohne, sucht etwas zu fressen. Da habe ich etwas lauwarme Milch auf die Untertasse geschüttet und den Teller neben meinen Stuhl gestellt. Und dann kam Diva, streift herum, ich ganz unbeteiligt, die Hand lässig herunterhängend, bereit nach der Katze zu greifen. Dann ging aber alles schnell, ich hab das gar nicht alles mitgekriegt. Als ich zugreifen wollte, stellt sich das Vieh doch auf die Hinterbeine, wie ein kleiner Boxer und dann, eins zwei Schläge mit der Pfote, da hatte ich mein Fett weg. So schnell konnte ich gar nicht reagieren.“
Die Ärztin lacht, Joseph stimmt mit ein. „Gegen eine Katze haben sie keine Chance, so schnell ist der Mensch nicht. Und außerdem, das Tier spürt instinktiv, wenn Gefahr droht, da sind die Antennen auf Angriff und Flucht gestellt.“ Joseph hebt die lädierte Hand zum Zeichen, das er verstanden hat.
„Warten sie ab, Diva kommt von ganz alleine und lässt sich streicheln. Da muss so etwas wie vertrauen wachsen, ich habe selbst einen solchen Stubentiger, verschmust aber eigenwillig. Wenn sie Geduld haben, brauchen sie künftig kein weiteres Dilpengeld, ich meine Lehrgeld, zu zahlen.“ Dabei deutet die Ärztin auf die immer noch erhobene Hand des vor ihr sitzenden Oberkommissars im Krankenstand. Ihr Lächeln ist geheimnisvoll, so natürlich. Es tut gut, schafft Vertrauen für die weitere gemeinsame Arbeit.
Für Joseph verlief das erste Treffen mit seiner Therapeutin besser als befürchtet. Auf die Couch hat er sich nicht legen müssen, davor hat er einen Heidenbammel, einen richtigen Horror. Da so schutzlos liegen, ausgefragt werden und nicht mehr Herr der eigenen Gedanken zu sein, das macht dem ansonsten harten Kerl von der Ludwigshafener Kripo irgendwie gehörig Kopfzerbrechen. Für ihn ist wichtig, wieder richtig gesund zu werden. Sein malades Bein ist sein Schwachpunkt, wenn das nicht richtig zusammenwächst, dann ist es aus mit der weiteren Karriere beim Kommissariat in der Chemiestadt, da ist er sich mehr als sicher. Nur so einfach geht das nicht, nicht mit ihm, er lässt sich nicht so einfach in den vorgezogenen Ruhestand abschieben. Das hätten die doch gerne, an ihn denkt keiner der Bürokraten von der Personaldienststelle, die im warmen sitzen, keine Vorstellung von den Anforderungen da draußen, aber sich anmaßen zu entscheiden, ob der Oberkommissar Joseph Wolf nach über zwanzig Dienstjahren abgeschoben wird. Was er dann mit sich und seiner überzähligen Zeit anfangen soll, das ist nicht relevant. Ganz abgesehen davon, wie er finanziell über die Runden kommt, wenn er vorzeitig aus dem aktiven Dienst ausscheidet, dann wird die Pension nicht gerade üppig ausfallen. Ein wichtiger Punkt, daran hat er bisher noch nicht gedacht, Joseph beschließt umgehend an die Pensionskasse zu schreiben, um sich ein genaues Bild machen zu können. Wenn er nicht aufpasst ist er schneller Rentner als er denken kann. Aber das ist ihm noch zu früh, das will er nicht, jedenfalls jetzt noch nicht.
Der Tag ist schön. Die frühsommerlichen Temperaturen verleiten Joseph dazu seinen täglichen Pflichtspaziergang auszudehnen. Es ist ein ganz schönes Stück zu laufen vom Marktplatz bis zu seiner Wohnung aber er hat ja Zeit, heute keine andere Verpflichtung. Wobei sich seine Termine durchaus in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Kein idealer Zustand. Wie soll er das ändern?
Rückblende 1 - Wittlich Frühsommer 2010
„Johannes „Doubleyou“ Schirrmeier, Sparkasse Wittlich.“ „Angenehm, Nikolaus Herzog“. Das sind ihre ersten Worte als sie sich vor etwa zwei Jahren begegnet sind. Nick dachte oft daran zurück. Damals war er als frisch bestellter Geschäftsführer der elterlichen Fabrik in die kleine Stadt in der Eifel gekommen. In Wittlich war er schon früher mit seinem Vater gewesen. Er war nun der Chef und nicht mehr der Heranwachsende, der seinen Vater auf einer Dienstreise begleiten durfte. Nick wollte sich beweisen, seinem alten Herrn zeigen, dass auch er ein Unternehmer sei.
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