Die weitere Zusammenarbeit entwickelte sich positiv. Herzog sah sich in der Rolle eines väterlichen Mentors bei seiner Entdeckung. Er förderte den weiteren beruflichen Aufstieg von Margarita in dem er ihr immer mehr auch schwierige Aufgaben übertrug. Und als Dr. Schneider in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet wurde, nahmen die übrigen Mitglieder der Riege der Abteilungsleiter es als selbstverständlich hin, dass Margarita Köhler-Suarez dessen Nachfolgerin werden sollte.
Als kurz nach dem Wechsel im Finanzbereich dann eine weitere wichtige Personalentscheidung anstand, da war es nur folgerichtig, das der Seniorchef seinen Sohn Nikolaus als neuen Geschäftsführer in der Wittlicher Fabrik vorstellte. Als klugen Schachzug empfand es der Firmenchef zudem, dass er Margarita seinem Sohn zur Seite stellen wollte. Da wusste er die kaufmännische Seite gut abgedeckt. So ein Mädel hätte er sich als Tochter gewünscht. Schwiegertochter wäre auch noch gegangen. Nun ja alles konnte er nicht haben. Mit seinem Sohn besprach er diese Personalentscheidung nicht. Auf einen solchen Gedanken wäre er nie gekommen.
Wittlich, Dienstag, 16. April 2013 früher Morgen
Tastend greift er um sich. Noch ist es dunkel um ihn herum und im ersten Moment des Wachwerdens weiß Joseph nicht, wo er sich befindet. Es ist kalt und seine Hand greift ins Leere. Die dünne Decke, die er aus Ludwigshafen mitgebracht hat, wärmt ihn nicht. Der frühe Morgen ist frisch, noch fehlen die wärmenden Strahlen der Sonne an diesem Dienstag im April. Fast wäre die Nachttischlampe zu Bruch gegangen, als seine Hand auf der Suche nach dem Lichtschalter herumirrt. Ein erster Blick auf seine Armbanduhr. Ernüchtert stellt er fest, 4 Uhr 53, noch mitten in der Nacht. Im spärlichen Licht der Funzel auf dem Sideboard beim Bett sieht er aus halb verschlafenen Augen, das die Balkontür sperrangelweit offen steht. Auch die Vorhänge sind nicht zugezogen, sondern noch genauso wie bei seiner Ankunft, als er alles aufgerissen hat, um frische Luft in sein Traumschloss einströmen zu lassen. Soll er schon aufstehen oder doch noch auf Schlaf hoffen? Aus schmerzlicher Erfahrung ist ihm bewusst, dass es meistens nicht die beste Idee war, sich im Bett herumzuwälzen, wenn er eigentlich nicht mehr müde ist. Wenn er trotzdem versucht noch etwas Schlaf zu finden, ist dies meistens schief gegangen. Die dunklen Schatten der Vergangenheit schlichen sich da nur allzu gern in sein Unterbewusstsein. Alpträume sind die unweigerliche Folge. Seine Psyche treibt ihren Schabernack mit ihm. Da kommt er nur wieder mit Mühe raus aus diesem Hamsterrad.
Also aufstehen. Die kleine Nachttischlampe verbreitet nur spärliches Licht im Raum. Mit prüfendem Rundumblick erfassen die Augen die Ausmaße seiner neuen Behausung. Hier will er nun ein neues Leben beginnen, oder zumindest den Versuch wagen, es zu tun. Nur jetzt gilt es planmäßig und strukturiert vorzugehen, den Tag einzuteilen. Die Kleider von gestern liegen unordentlich auf einen Stuhl hingeworfen vor ihm. Gestern waren die Schmerzen in seinem Beim unerträglich, da konnte er nicht auf Bügelfalten achten. Langsam wird ihm klar, zur Zeit schmerzfrei! Die Tabletten haben ganze Arbeit geleistet. Ein neues nahezu ungewohntes Gefühl. Nur nicht gleich übermütig werden und mit dem Training zum Mainzer Gutenberg-Marathon beginnen. Sachte mein Lieber, nicht alles auf einmal.
Den Alltag gestalten, das sieht er als seine vordringliche Aufgabe. Koffer auspacken, sich wohnlich einrichten und dann weitersehen. Alles in Ruhe. Eins ist aber schon bald klar, ein Großteil seines Gepäcks befindet sich noch in seinem Auto. Das wird eine Plackerei und ob sich wieder ein junger Mann findet, der ihm behilflich ist, bleibt abzuwarten. Zur Not geht er eben mehrmals die zwei Etagen runter und nimmt immer einen kleinen überschaubaren Teil seiner Habe mit rauf in seine Wohnung.
Langsam wird es hell, Joseph Wolf achtet nicht auf die schönen Farbspiele am Horizont des neuen Morgens. Er ist vollauf damit beschäftigt den einen großen Koffer auszupacken, den er mit Mühe auf das Bett gewuchtet hat. Frühstück wäre jetzt nicht schlecht. Mist, den löslichen Bohnenkaffee hat er in der großen braunen Tasche mit den übrigen Küchenutensilien. Schade. Also zieht er sich die Jacke über, nimmt seine Gehhilfe und macht sich auf den langen Weg nach unten zum Parkplatz.
Überrascht ist er als er vor die Eingangstür tritt. Hier herrscht reger Betrieb. Wo kommen nur die Menschen alle her, die zu ihren Autos oder zum Bus hasten? Gestern hatte er nicht den Eindruck, dass hier viele Leute leben. Ihm war`s egal. Den kleinen Rucksack hat er nicht mitgenommen, könnte er jetzt gut gebrauchen, da hätte er die Hände frei. Mit einem Seufzer der Verzweiflung wohl wegen seines eigenen Unvermögens in praktischen Dingen, wird ihm wieder einmal bewusst, was er noch alles lernen muss. Nun, der dumme Spruch wonach das was man nicht im Kopf hat, man halt eben in den Beinen haben muss, trifft bei ihm leider nur bedingt zu.
Es ist fast zehn Uhr als er seinen dritten Versorgungsgang erfolgreich hinter sich hat. Sein Bein scheint noch zu schlafen, das überrascht ihn nun doch, oder sind die neuen Medikamente derartige Hämmer, das er nichts mehr spürt. Ob die Nervenbahnen von der Hüfte abwärts blockiert sind? Nein, das ist blanker Unsinn, da könnte er ja nicht die Treppen runter und wieder hoch steigen.
Pause, jetzt gönnt er sich eine zweite Tasse Kaffee. Wunderbar dieser Duft, der ihm da in die Nase steigt und seine gute Stimmung an diesem ersten Tag seines Experiments noch steigert. So gefällt es ihm, das lässt sich gut an, kann so bis Weihnachten bleiben und dann besser werden. Im Radio läuft irgendeine Reportage über Namensforschung, er hört nur mit halbem Ohr zu.
Strukturierter Tagesablauf, hört sich einfach an, doch womit beginnen? Ein schwieriges Unterfangen, zumal in einer fremden Stadt, gehbehindert auf Grund einer Schussverletzung und dienstunfähig geschrieben. Alle Wege stehen dir, Joseph Wolf, Kriminaloberkommissar bei der Kripo in Ludwigshafen offen, nur fang endlich an, irgendetwas zu tun. In der letzten Zeit hat er sich angewöhnt schon mal Selbstgespräche zu führen. Es fällt ihm nicht auf, wenn er zu sich redet und Anweisungen erteilt. In der Klinik war dies eigentlich so wie ein lautes Vorlesen der Termine des Tages. Unbewusst ist diese Marotte hängen geblieben.
Bevor er zu einem ersten kleinen Rundgang in der näheren Umgebung seines Domizils aufbrechen will, nimmt er aus dem Hartschalenkoffer seine Schreibutensilien und legt diese auf den Tisch. In einer der vielen täglichen Ratgebersendungen im Fernsehen hat er einen Beitrag über die heilende Wirkung des Tagebuchschreibens gesehen. Das findet er gut, damit fängt er an.
Sein Platz nahe am Fenster wird von der Frühlingssonne erreicht, ideal für tiefgreifende Aufzeichnungen. Alles soll notiert werden, diesem Rat des Reporters will er folgen. Nicht einfach drauf los kritzeln ist sein Anspruch, sondern sich vorher klar darüber werden, welche Rubriken wichtig sind, welche nur schmückendes Beiwerk.
In Schönschrift auf dem Deckblatt steht schon sein Name. Joseph mit ph, so wie er eben heißt. Warum er nicht einfach ein Josef mit f ist, das hat er nie herausbekommen. Seine Vermutung geht aber in die Richtung, dass seine strenggläubigen Eltern irgendwie bei der Namensgebung das lateinische Josephus im Hinterkopf hatten. Aber egal, nicht mehr aufzuklären, da beide Eltern, Mutter und Vater, schon seit langem auf dem Friedhof liegen. Eine Entscheidung ist nötig. Der Titel ist das a und o, hier wird leicht geschludert, ein Hinweis auf den Inhalt, ja, so musste es sein.
Tagebuch, zu banal. Da muss mehr in der ersten Bezeichnung liegen, denkt er sich und fängt an mögliche Varianten auf einem separaten Blatt zu skizzieren.
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