Der ägyptische Geschäftsmann Jussif ab del Nagib ist klug genug und mischt sich nicht in den internen Streit der Syrer ein. Er bleibt abwartend. Der ansonsten ruhige Militärattachè ist aber noch nicht fertig. Erneut richtet er das Wort an Mehmet Beliefa. Sichtlich verärgert folgt nun nach einer wegwischenden Handbewegung mit seiner Linken in Richtung seines Mitarbeiters eine kurze scharfe Anweisung. Nach einem keinen Widerspruch duldenden „geh“ verlässt Salef ohne Gruß den Raum. Beliefa entschuldigt sich für seinen Mitarbeiter und versichert dem erbosten Militärattachè al Harun mit einschmeichelnden Worten, dass auch er ein solches Verhalten nicht billige und umgehend die Abberufung seines, nun schon ehemaligen, Mitarbeiters veranlassen werde.
Wittlich Industriegebiet am Vortag, später Nachmittag
Zwei Autostunden von Frankfurt entfernt sind am Donnerstagnachmittag im Büro von Nikolaus Herzog einige der leitenden Angestellten der Firma Spezialmaschinenbau Herzog GmbH am großen Konferenztisch versammelt. Einziger Punkt der Tagesordnung ist das für den morgigen Vormittag terminierte Treffen mit den Vertretern der ägyptischen Handelskammer. Die ersten Kontakte sind vielversprechend verlaufen.
Sebastian Steinmann, der Leiter der Vertriebsabteilung hat zu Beginn der Besprechung von seinen Eindrücken mit dem arabischen Geschäftsmann berichtet. „Ich habe diesen Herrn Nagib einmal gecheckt, der ist integer, erstklassige Referenzen, tritt als Einkäufer für mehrere Unternehmen auf. Nichts Negatives zu hören. Hier in unserer Gegend ist er zum ersten Mal aktiv.“ Die anderen am Tisch sitzenden Teilnehmer des Führungszirkels blickten gelangweilt vor sich.
Als Steinmann zum Schluss kommt und seine Zusammenfassung des Gesagten mit dem Wort „abschließend ….“beginnt, da richtet sich die Aufmerksamkeit aller wieder voll und ganz auf ihn. Genau hörten sie sich die letzten Sätze des Vertriebsleiters dann an. „….hat Ahnung von Geschäft, das habe ich sofort gemerkt, was der für Fragen gestellt hat, der wusste genau was er will, der war nicht so ein dahergekommener Small-talker.“ Dieser Scherz wird nur von ihm selbst mit einem glucksenden Gekicher goutiert. Damit muss ich leben, denkt Steinmann für sich. Wahrscheinlich hat wieder einmal keiner dieser Eifler Landeier sein pointiertes Englisch verstanden. Nun was soll`s.
Nikolaus, den alle nur Nick nennen, ist vor etwas mehr als zwei Jahren als Geschäftsführer zu ihnen nach Wittlich gekommen. Als Sohn und erklärter Nachfolger des Firmengründers Friedrich Herzog, der das Hauptwerk der Firma vor der Verlagerung in Köln-Deutz leitet, ist mit dem Junior ein frischer Wind durch die angestaubte Chefetage gefegt.
Als studierter Maschinenbauer ist er, mit einem Prädikatsexamen von der Technischen Hochschule Aachen in der Tasche, von seinem Vater mit der Leitung ihrer Firma in Wittlich beauftragt worden. Eine Promotion hat Nikolaus ausgeschlagen. Hier ist er ganz dem Ansinnen seines Vaters gefolgt, der zu sagen pflegte ein Doktor ist ein Mediziner, allenfalls noch ein Tierarzt. Oft sei das aber dasselbe. Ingenieure brauchen einen klaren Verstand und keine akademischen Titel. Da war sich sein alter Herr mit seinen Kollegen vom Köln-Deutzer Fabrikantenclub einig. In diesem Kölsche Klüngel auf dem Niveau des Stadtteils war die Meinung der Familienunternehmer noch von Bedeutung. Da gab es kein Vertun.
In Wittlich hatte sein Vater an verkehrsgünstigem Standort eine zweite Fabrikation aufgebaut, deren Leitung er an seinen Sohn übertragen hatte, damit dieser in seine Fußstapfen treten konnte. Das Unternehmen gilt als marktführend und hat beste Referenzen. In der Maschinenbaubranche ist die von Nikolaus Herzog geführte Firma eine dicke Nummer. An ihren Aktivitäten und Entwicklungen orientierte sich die Konkurrenz. Für Nick gibt es keine Beschränkungen, er hat von seinem Vater freie Hand bekommen und nutzt dies auch für seine geschäftlichen aber auch für seine privaten Aktivitäten. Nick ist ehrgeizig, will seinem Vater beweisen, dass er was drauf hat. Er will Geld verdienen, unabhängig sein.
„Was müssen wir für unser morgiges Treffen noch vorbereiten?“ Nikolaus Herzog richtet diese Frage mehr an sich selbst als an seine Mitarbeiter. „Am besten gehen wir alles noch mal schnell durch, dann erleben wir keine unangenehme Überraschung, wenn wir etwas vergessen haben sollten. Gerade der erste persönliche Kontakt mit einem neuen Kunden ist von vielen Kleinigkeiten bestimmt, die letztlich über den Erfolg einer solchen neuen Beziehung mitentscheiden. Aber wem sage ich das“ schloss der Geschäftsführer seine Ausführungen. Die anwesenden Mitglieder des Führungsstabes verstanden dies als Aufforderung, jeder für sich noch einmal die bei einem solchen Treffen übliche Vorgehensweise Revue passieren zu lassen. Nikolaus Herzog würde die Einleitung und Vorstellung ihrer Firma übernehmen. Dafür hatten sie eine Präsentation in elektronischer und in ausgedruckter Form dabei. Wichtiger als diese erste Aufwartung war dann die weitere inhaltliche Gesprächsführung.
Die arabischen Geschäftsleute hatten nach der ersten Kontaktaufnahme in Hannover relativ zügig eine Liste mit möglichen Kaufabsichten an den Vertriebsleiter ihrer Truppe gemailt. Schon daraus konnte Sebastian Steinmann ablesen, an welchen Produkten ihr neuer Kunde Interesse haben würde. Ihm gefiel die Vorgehensweise, nicht lange um den heißen Brei herumreden, sondern gleich zur Sache kommen. Steinmann schätzte die neuen Interessenten als gewiefte Geschäftsleute ein, die sicherlich mit allen möglichen Tricks und Finten aufwarten würden. Aber da waren sie bei ihm an der richtigen Adresse.
Der Verkaufsleiter gilt als ein gerissener harter Hund, wenn es darum geht zum Abschluss zu kommen. Bisher hat er große Erfolge auf diesem Gebiet zu verzeichnen. Sein angemessenes Gehalt und vor allem die üppigen Bonizahlungen am Jahresende versüßen ihm den Umzug von Köln nach Wittlich, das war ihm zuerst wie eine Degradierung vorgekommen, aber mit der Zeit lernte er die Vorzüge des Landlebens in der Eifel schätzen. Sein Chef Nikolaus Herzog räumte ihm die nötigen Freiräume ein und hat ihm eine beispiellose Karriere ermöglicht.
Hier in Wittlich kann er als Verkaufsleiter Schalten und Walten wie er will, nur die Zahlen müssen am Quartalsende stimmen. Und das tun sie, dafür sorgt er schon aus eigenem finanziellem Interesse. Sebastian Steinmann pflegt seinen ausschweifenden Lebensstil und schaut nicht aufs Geld. Teure schicke Designermöbel, High-Tech vom feinsten und sein Faible für Oldtimerautos bestimmen sein Leben. Sein ganzer Stolz ist ein mitternachtsblauer Jaguar E. Regelmäßige Besuche einschlägiger Clubs führen ihn ins nahegelegene Trier, das war es was er suchte und auch fand.
In der Szene suchte er sein Vergnügen, da war der dunkelhaarige Typ, Mitte Dreißig mit einem Haufen Geld bestens bekannt. Brot und Spiele, so nennt Steinmann seine besonderen Wochenendtrips. Zwei Leidenschaften sind es, denen er frönt. Geile Weiber und der Nervenkitzel beim Kartenspielen um Geld.
Sein neuster Spleen braucht noch diverse Arbeitsstunden, bis er wieder fahrbereit ist. Er hat auf einer Tour durch die ländliche Eifel auf einem Bauernhof das Wrack eines alten Porsche für einen Appel und ein Ei gekauft. Regelrecht abgeschwatzt hat er dem pensionierten Dorfbewohner dieses verrostete Teil. Jetzt steht der ehemals rote Traktor auf der Hebebühne in der Werkstatt seines Vermieters, die er mitbenutzen kann. Stunden verbringt er damit, den alten Haufen Schrott wieder herzustellen. Sebastian findet es einfach geil, wenn er bei seinen Freunden damit prahlt. Na die werden sich wundern, wenn er fertig ist und stolz sein Wunderwerk vorführt. Die werden Augen machen. Auf diese Überraschung ist er schon jetzt gespannt, wenn er mit seinem Porsche vor ihrem Treff antackert.
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