Ein wahrer Alptraum diese Fahrt zu seinem neuen Domizil. Nicht für immer, eigentlich so eine Notlösung, eine Verlegenheit, selbst verschuldet und nun nicht mehr abzuwenden. Also es hilft nichts, voran, den Stier bei den Hörnern packen und sehen was so passiert. Sein Arzt würde sich freuen, soviel positive Kraft und das bei einem Mann, der austherapiert auf dem Weg zur Frühverrentung, nichts mehr erwarten durfte.
Also nichts wie los, fort von dieser schrecklichen Stadt Ludwigshafen, die nichts mehr für ihn bereit hielt, nur überall Dreck und Ignoranz, hier machte jeder was er wollte und alle machten mit. Einfach ätzend. Joseph sprach sich selbst Mut zu, endlich die Wohnungstür hinter sich zuzuziehen und endlich seinen Entschluss wahrzumachen. Ein Risiko gab es für ihn eigentlich nicht, außer, dass er nach wenigen Tagen schon wieder zurück in seiner Eigentumswohnung in Ludwigshafen aufschlug, gescheitert aber nicht untergegangen. Er hatte ja seinen eigenen Willen, konnte das Experiment „neues Leben“ jederzeit abbrechen. Na ja, er machte sich schon etwas vor, versuchte alles schönzureden, gerade in seiner Situation wäre mehr positives Engagement nicht hinderlich gewesen, doch wie sollte das gehen, einfach mit 56 Jahren ausbrechen, neuen Ufern entgegen, mit einem Lächeln im faltenreichen Gesicht der Zukunft, dem erhofften Glück entgegen. Alles schien so einfach, doch die Realität war anders, kalt und abweisend, es lag an ihm den Versuch zu wagen und wahrscheinlich voll auf die Schnauze zu fallen. Er war wieder so richtig auf dem absoluten Nullpunkt seiner Gefühle angelangt, als er sich doch aufraffte und den schweren Weg, seinen Weg, in Angriff nahm. Scheitern oder untergehen, na das war doch eine echte Alternative, immerhin.
Ein letzter Blick in den großen Gardrobenspiegel im Flur. Joseph mustert sein Ebenbild, ist erschrocken über die Gestalt, die ihm da entgegenblickt. Seit seinem Krankenhausaufenthalt hat er ein paar Pfunde zugelegt, ist in die Breite gegangen. Klar, er konnte ja nicht trainieren, aber das kriegt er schnell wieder hin, allerdings muss er erst gesund werden, denn sonst geht nichts mehr. Froh ist er, dass er letzte Woche ein neues Sakko bei C&A gekauft hat. Steht ihm gut, dunkelblau sowieso. Mit der passenden Hose sieht er richtig schick aus. Mit seinen braunen noch vollen Haaren kann er sich durchaus noch sehen lassen. 56 sieht ihm niemand an. Zugegeben zur Zeit macht er nicht den besten Eindruck, leicht gebückt und auf einen Gehstock gestützt kommt er daher, daran muss er arbeiten, denkt er bei sich. Die neue Jacke ist top. Die Verkäuferin im Kaufhaus hat ihn kurz taxiert und mit sicherem Blick seine Konfektionsgröße ermittelt. Typisch Pfälzer Bub rief sie ihrer Kollegin zu. Zu lange Arme, zu dicker Bauch und zu kurze Beine, da kommt nur Zwischengröße in Frage. 36, Normal 52 passt nicht.
Bisher ist Joseph nur kurze Strecken mit seinem Auto gefahren. Meist zu den Behandlungsterminen im Krankenhaus. Aber heute, am 15. April 2013 geht er auf große Fahrt. Es ließ sich gut an. Das Gepäck war verstaut und das Auto aus der Doppelgarage herausbugsiert. Das hatte ihn einigen Schweiß gekostet, da es ihn einige Mühe kostete, seinen Seat Ibiza rückwärts zu manövrieren. Sein linkes, lädiertes Bein behinderte ihn bei diesem Fahrmanöver. Aber zum Glück schaute ihm niemand bei seinem Versuch zu, elegant den PKW aus der Parkbucht zu bringen. Es gelang ihm im zweiten Versuch und wenn dies alles an diesem frühen Nachmittag gewesen wäre, dann hätte er beruhigt sein können.
Die Ausfallstraße Richtung Bad Dürkheim war schon ziemlich voll. Stur hielt sich Joseph auf der rechten Spur und zuckelte hinter einem Kieslaster her. Nach einigen Kilometern wechselte er auf die Autobahn A 61. Hier kam er zunächst flotter voran, bis er im Verkehrsfunk von einem Unfall auf der Autobahn nach Kaiserslautern informiert wurde. Kurzentschlossen blieb er auf seiner Fahrspur und düste an der Abfahrt Frankenthal, die er eigentlich nehmen wollte, vorbei. Von der Entfernung her war es nicht relevant, auf welchem Weg er nach Wittlich fuhr. Ein paar Kilometer mehr oder weniger, was machte das schon.
Kurz vor der Autobahnbrücke Worms, nach der ersten Baustelle, spürte er dieses leichte Kribbeln im linken, seinem schwachen Bein. Ein Alarmzeichen. Der Schmerz wurde stärker, bei jedem Kuppelvorgang schien sich eine höhere Stufe in der nach oben offenen Skala für seine Pein von selbst einzustellen. Zähne zusammenbeißen, solange der Verkehr rollte und er nicht Schalten musste, war es irgendwie auszuhalten. Immer wieder entlastete er sein Bein. Wechselte die Sitzposition, obwohl dies nur eingeschränkt möglich war.
Die Autobahnraststätte Hunsrück nutzte er für eine erste Pause. Das war dringend nötig, da er nach rund der Hälfte seiner Fahrstrecke ziemlich geschlaucht daherkam. Nach einigen Minuten wird es wieder ok sein, Joseph hielt auf dem Parkplatz an, stellte den Motor ab und kurbelte das Seitenfenster runter. Die frische Luft tat ihm gut.
Nur ein paar Minuten tief durchatmen, dann weiter.
„Fahrzeugkontrolle, ihre Papiere bitte“, erst bei der zweiten Aufforderung, nun schon im Ton bestimmter, nahm er den Verkehrspolizisten visuell wahr. Mechanisch griff Joseph in die linke Innentasche und zog das dunkelgrüne Plastikmäppchen hervor. Geöffnet hielt er es aus dem Autofenster. Nach kurzer Musterung des Ausweispapiers murmelte der Streifenpolizist „in Ordnung Herr Oberkommissar Wolf, keine Probleme bei Ihnen? Wir hatten den Eindruck etwa stimmt nicht bei Ihnen!“
Joseph Wolf macht einen auf cool und lässig, als er antwortet „alles ok!“ Er hat den Eindruck, diese zwei Worte reichen nicht aus und schiebt noch einige erklärende Sätze hinterher.
„Nein, nein alles bestens, mir ist nur der Fuß etwas eingeschlafen, daher die unsichere Fahrweise, die ihnen wohl aufgefallen ist. Ich lege eine kleine Pause ein, vertrete mir die Beine, dann ist wieder alles im grünen Bereich.“ Er lächelt den jungen Beamten an und winkt dem anderen Kollegen, der im Streifenwagen saß und die ganze Szene aufmerksam verfolgt.
Joseph Wolf war erleichtert, das war knapp, gut, dass er nicht ausgestiegen ist, wenn die Beamten ihn so gesehen hätten, die hätten ihm glatt untersagt weiterzufahren. Das linke Bein schien wie zur Untermauerung seines Gedankens eine volle Schmerzsalve in die Umlaufbahn abzufeuern.
Hoffentlich hielt er bis Wittlich durch. Ganz schön leichtsinnig diese Tour, aber jetzt nach gut der halben Distanz war der Rückweg genau so lang wie die Weiterfahrt. Also voran. Mit lauter Musik gelang es sich abzulenken. In Rheinböllen runter von der Autobahn und weiter die B 50 entlang. Jetzt ging es zügig voran. Die vielen Kehren und Kurven runter von der Höhe des Hunsrücks zur Mosel waren eine echte Herausforderung für sein Bein. In Mülheim dann eine kleine Kaffeepause. Oh Gott, wie alt fühlte er sich denn eigentlich. Nur mit einiger Mühe gelang es ihm auszusteigen. Einen Vorteil hatte es aber, wenn er so auf klapprigen Beinen daherschwankte, er wurde umsorgt. Die Bedienung der kleinen Bäckerei mit den wenigen Tischen vor dem Laden, kümmerte sich rührend um ihn. Nicht schlecht, wäre ausbaufähig.
Nach gut drei Stunden endlich sein neues Heim. Völlig erschöpft, körperlich mehr bei den Toten als bei den Lebenden schleppt er sich ins Büro der Hausverwaltung. Das Internet half bei der Suche nach einer Bleibe, die kurzfristig zu mieten und falls nötig auch wieder zum jeweiligen Monatsende kündbar ist. Ein schmuckloser Appartementblock nahe beim Zentrum. Das hat er gesucht und gefunden. Wichtig, es sollte möbliert sein, aber darauf schien der Vermieter eingerichtet zu sein, wie sich bei der Schlüsselübergabe und der kurzen Einweisung herausstellte. „Gut, dass sie ihr Kommen telefonisch avisiert haben, Herr ….“ „Wolf, Joseph Wolf“ half er aus. Normalerweise bin ich um halb fünf schon weg, na da hätten sie die erste Nacht im Freien auf einer Parkbank verbringen müssen. Jesses, ich bin spät dran, die Formalitäten erledigen wir morgen, gell, dann bin ich wieder für sie da.“
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