10. März – Wir marschierten über Klennaja nach Sarja, wo sich der Regimentsgefechtsstand befand. Dort angetreten erfolgte eine Besichtigung durch Oberst Herbst. Hinter unserem Zug stand Geschke mit dem Pferdeschlittengespann. Oberst Herbst bemerkte: „Das Pferd hat auch schon bei den Preußen gedient.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen! Die Bemerkung hätte auch heißen können: „Wie kommen Sie zu dem Gespann? Es ist seit gestern verschwunden!“ Wir wurden nun zu dritt dem Nachrichtenzug des Grenadierregiment 695 zugeteilt, Feldpostnummer: 04542. Die Stabskompanie befand sich aber in Klennaja, also mussten wir den Weg wieder zurücklaufen. Ich habe gedacht: „Wenn Oberst Herbst wüsste, wo ich das Gespann entwendet habe?“ Am späten Nachmittag, es war schon dunkel, trafen wir bei der Stabskompanie ein, wo wir uns bei Stabsfeldwebel Viola zu melden hatten. Von dort ging es zum Regimentsnachrichtenzug, Leitung Leutnant Töter. Franz Fredewes und ich kamen als jüngste in ein Quartier mit lauter „alten Frontschweinen“! Dann ging das übliche Ausfragen los. Wie heißt du? Woher kommst du? Man bot uns direkt Becher voll Schnaps an, ebenso Tee aus deutschen Schulsammlungen; er schmeckte ganz abscheulich, auch der Schnaps war nicht besonders, Marke Eigenbau, undefinierbar! Da unsere Unterkunft nicht im direkten Frontbereich lag, konnten wir uns beruhigt hinlegen auf den Lehmboden der armseligen Bauernkate. Nach all dem Gesprächsaustausch wurde noch gesungen, als letztes „Guten Abend, Gute Nacht“. Dann bemerkte noch einer der alten Hasen, die sich schon zwei Jahre kannten: „Gute Nacht, ihr lieben Sorgen, leckt mich am… bis morgen!“ Ich dachte: „Mein Gott, wohin bin ich hier nur geraten?“ Aber im Nachhinein kann ich die Menschen verstehen, die wegen eines Größenwahnsinnigen alle ihren Familien- und Lebensaufbau liegen lassen mussten! Ein Glück für mich, dass unter diesen Kameraden keiner war, der vom Dritten Reich begeistert war. Sie hatten ein Jahr zuvor bei Woronesch gekämpft und waren eingekesselt worden, ohne Winterbekleidung. Einer, der Russisch sprach, hatte das Regiment bei Schneegestöber durch die feindlichen Linien geführt. Dort war das Lied von der Rollbahn 13 entstanden mit folgendem Refrain: „… wenn ich su an ming Heimat denke un sin d'r Dom su vör mer ston, mööch ich sofort ming G'wehr verschenke, ich mööch zo Foß noh Kölle jonn…“
22 Uhr – „Slawinski, aufstehen! Wachablösung!“ Wir waren ja nicht im Schützengraben, es ging hier nur um die Bewachung der Ortsunterkünfte. Jeden Abend um 19 Uhr wurden die Wachposten vergattert, das heißt: Wir wurden mit allen Verhaltensregeln vertraut gemacht und darin unterwiesen, was wir während der Wache zu beachten hatten. Ablösung war alle zwei Stunden. Peter Heister, der mit mir zusammen auf Wache war, flüsterte mir zu: „Die Filzstiefel hier habe ich einem toten Russen ausgezogen, sonst wären meine Füße erfroren.“
Die 340. Division hatte auf dem Rückzug viel verloren unter anderem die Feldküche. Man musste alles liegen und stehen lassen, was unnützer Ballast war beziehungsweise Lärm verursachte! Nach etwa zwei Wochen bemerkte ich die ersten Läuse, und zwar an den Fußknöcheln in den dicken Strümpfen, später an allen besonders warmen Körperstellen.
Mitte April – Stellungswechsel. Der Schnee verschwand, die Erde taute auf, die Schlammperiode setzte ein. Schlamm bis an die Waden und mehr! Das Gehen war deshalb sehr beschwerlich! Als Essen gab es jeden Tag Bohnensuppe mit Lammfleisch. Die Suppe war meistens schon angesäuert, da sie in gebrauchten Holzfässern transportiert wurde, die sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht steril reinigen ließen.
Kabelbau vom zweiten Bataillon zum Jägerbataillon! Nach nur neun Wochen Kurzausbildung wusste ich gar nichts mehr. Außerdem kränkelte ich immer. Jeden Abend bekam ich Fieber und Luftnot von der Rippenfellentzündung.
Ich als Neuling war im März 1943 etwa drei Wochen im Einsatz im Raume „Kursk“ und befand mich in einer Zwischenvermittlung in einem Dorf namens Periest. Wir waren nur zu dritt in diesem Dorf. Ich hatte Vermittlungsdienst während der Nacht, als plötzlich ein Anruf von vorderster Stellung kam, vielleicht einen Kilometer von uns entfernt: „Der Russe ist durchgebrochen, wir brauchen dringend Unterstützung.“ Ich hörte schon das „Hurrääää“ der Iwans 2 . Kurz entschlossen wie ich war, rief ich Oberst Herbst an. Es war nachts ein Uhr! Es meldete sich der Bursche des Oberst und wollte mich abweisen, da der Herr Oberst schliefe und nicht gestört werden dürfe. Ich aber setzte mich durch und ließ den Oberst auf meine Verantwortung wecken. Ich entschuldigte mich für die nächtliche Störung und machte Meldung. Er bedankte sich und veranlasste das Weitere.
Im Juni 1943 in Nadeyka wurden Franz Fredewes und ich vom Bataillon zur Stabskompanie zurückbefohlen. Das war schade, denn in Weschonka 3 hatten wir uns in neuen Erdbunkern häuslich eingerichtet. Vor dem Bunker ein Samowar, im Hintergrund der große Teich, den meine Kameraden und ich wegen der großen Hitze öfters aufsuchten, um uns zu erfrischen.
Wieder in der Regimentsstabskompanie, mussten wir jeden Morgen exerzieren. Ich hatte dauernd Fußbeschwerden. Mein Kamerad Franz Fredewes meinte, ich müsse Marschriemen um die Stiefel tragen. Er sollte recht behalten, denn als ich im Dezember zu Hause auf Urlaub war, erklärte mir unser Schuhgeschäftsbesitzer, der mich von klein auf kannte: „Du hast Senkfüße.“
Da die deutsche Wehrmacht unbedingt den Kursker Bogen mit Belgorod und Orel zurück erobern wollte, wurde alles auf einen Kampf vorbereitet und sämtliches unnötige Gepäck beim Tross deponiert. Ich fragte mich, ob wir es wiedersehen würden. Ich hatte ein ungutes Gefühl, und das hatte nicht getrogen. Meinen Fotoapparat sowie alles andere hat später der Russe kassiert. Wie ich jetzt nach über 70 Jahren erfuhr, hat Hitler die Offensive zu lange hinausgezögert. Dadurch konnte der Russe genug Zeit gewinnen, sich auf einen Angriff seinerseits vorzubereiten. Unsere Armeeführer nahmen nun wohl an, die Front würde so stehen bleiben. Obwohl jeder normale Mensch merken musste, dass der Krieg kein gutes Ende nehmen würde, wagte niemand, so etwas laut zu denken. Man ordnete an, die Stallgebäude winterfest zu machen! Das hieß, die Böden in den primitiven Ställen auszuheben und durch Holzstangen zu ersetzen. So begaben wir uns jeden Morgen mit unseren Gespannen einige Kilometer weiter in Niederholzwälder, um Holz zu schlagen. Um den Landsern etwas Abwechslung zu verschaffen, richtete man in einem Getreidespeicher einen Kultursaal ein.
Es gab zum Beispiel Kinovorführungen, auch für die Bevölkerung, natürlich umsonst. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass eine für mich damals ältere etwa 50-Jährige Kolchosenbäuerin zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kinovorstellung besuchte. Sie blieb hinten im Kinoraum sitzen, den Blick nicht zur Leinwand, sondern rückwärts zum Eingang gerichtet. Sie hatte nichts von dem Film gesehen. Alles Zureden half nichts, sie blieb mit dem Blick durch die Ritzen nach draußen so sitzen! Einmal kam eine Fronttheatergruppe. Unter den männlichen Schauspielern befanden sich auch zwei Frauen, Mutter und Tochter, bei denen wir zwei Jüngsten uns für ein Foto unterhaken durften. Da die Front seit Beginn des Jahres zum Stehen gekommen war, versuchte die rückwärtige Heeresleitung alles Mögliche, um den Soldaten in den Schützengräben kleine Erholungspausen zu gönnen. Es war ja schon aus einer halbwegs gut erhaltenen Kate ein Offizierskasino für die Offiziere geschaffen worden. Nun fehlte noch ein Soldatenheim für die Unteroffiziere und Mannschaften. Die Bewohner setzte man einfach aus. Sie kamen bei Nachbarn oder Verwandten unter.
Ein Koch von Beruf hatte sich wohl etwas negativ über das Dritte Reich geäußert. Er kam zur Strafverbüßung nicht in den Fronteinsatz, sondern durfte bei uns Dienst tun, aber ohne Waffe! So wurde mir später als Störungssucher einer namens Krause zugeteilt, der, nachdem er merkte, dass von mir keine Gefahr ausging, mir seine Erlebnisse durch die Schikanen der SS im Strafkommando berichtete, nur weil er als Familienvater mit 35 Jahren etwas zu laut gedacht hatte.
Читать дальше