“ Am nächsten Morgen, Samstag, dem 20. Juni, meldete ich mich beim Revierarzt. Der horchte mich ab: „Luft holen, nicht atmen!“ Ich hielt die Luft an; dann hieß es: „Donnerwetter, der Kerl holt ja gar keine Luft, ab in die Poliklinik!“ Diese befand sich damals schon in der Deutschhausstraße. Dort wurde ich gründlich untersucht. Es wurde auch ein EKG gemacht. Dann ging Oberarzt Dr. Irle hinaus und kam und kam nicht wieder. Neugierig, wie ich schon immer war, sah ich mir das EKG an und dachte: „Oh weh, alles gleichmäßig, keine Unregelmäßigkeiten, jetzt ruft der Arzt gewiss ein Kommando, das mich als Simulant abholen soll.“ Mit klopfendem Herzen wartete ich den ganzen Vormittag bis kurz vor zwölf Uhr. Dann kam die Stunde der Wahrheit. Sofort ins Lazarett! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Da mein Vater mich an diesem Wochenende besuchen wollte, fragte ich: „Hat es nicht bis Montag Zeit?“ „Nein, das Bett ist schon freigemacht!“ Dieser Arzt hatte ein furchterregendes Gesicht, ähnlich dem einer Bulldogge, aber dahinter verbarg sich ein guter Kern. Nun eilte ich zurück in die alte Jägerkaserne; dort brüllte man schon: „Wo bleibst du denn? Du sollst die Latrine schrubben. Heute am Samstag ist unsere Stube mit Revier reinigen dran!“ Ich sagte: „Ihr müsst das ohne mich machen! Ich muss ins Lazarett!“ Ich ging erst noch in den Speiseraum, um mein Mittagessen einzunehmen; es war mittlerweile 13 Uhr. Es gab Nudelsuppe mit Kartoffeln. Ich habe mich das erste Mal in den neun Wochen Kaserne satt gegessen. Als Innendienstleistender hatte ich beim Umräumen im Vorratskeller Fässer mit Gurken entdeckt, in denen es nur so von Maden wimmelte! Da war mir der Appetit vergangen. Es stellte sich heraus, dass ich 7,5 kg abgenommen hatte. Wie ich später erfuhr, hatte man den „Spieß“, die Mutter der Kompanie, wegen Veruntreuung von Lebensmitteln degradiert und wohl inhaftiert.
Nach einem kurzen Gang durch die Stadt meldete ich mich im Reservelazarett 1, der medizinischen Klinik, an. Wir lagen dort mit 22 Soldaten in einem Saal; für heutige Begriffe unvorstellbar, aber ich denke immer gern an diese Zeit zurück. Abends stand ein Mann im dunkelblauen Anzug am Fußende meines Bettes, sah mich kurz an und ging wieder weg. Ich nahm an, dass es ein Besucher gewesen war. Da wurde ich von meinem Bettnachbarn informiert, dass es sich hier um den Chefarzt handelte! Er trug, da er wohl kein Anhänger des Dritten Reiches war, keine Uniform, sondern immer den Dunkelblauen! Er kam kurz darauf wieder, erkundigte sich nach meinen Beschwerden und untersuchte mich. Ich fragte: „Bekomme ich keine Arznei?“ „Nein, Sie bekommen hier nach alter Marburger Art dreimal täglich für zwei Stunden einen Brustwickel und essen Sie so viel Sie können! Sie haben nasse Rippenfellentzündung!“ Das Wasser wurde verschiedene Male punktiert! Jeden Abend wurden alle bettlägerigen Soldaten zur Sicherheit wegen Fliegeralarm ins Hauptgebäude gefahren.
Nach etwa drei Wochen schrieb mein Vater, mein Bruder Lothar sei durch einen Bauchschuss schwer verwundet worden, sodass man mit allem rechnen müsse! Dann hatten
meine Eltern ihren Besuch angemeldet! Just an dem Tage, es war vielleicht der 20. Juli, kam morgens ein Brief von meiner Schwägerin aus Wien: „Nun hat unser lieber Lothar alles überstanden!“ Für mich brach eine Welt zusammen; ich konnte es nicht fassen! Und schon ging die Tür zum Saal auf und meine Eltern traten ein, ganz in schwarz gekleidet. Mein Puls war so hoch, dass ich am Abend nach 18 Uhr immer noch 146 Pulsschläge zählen konnte! Mein treusorgender Vater hatte auch eine Unterredung mit Oberstabsarzt Dr. Habs wegen meines Gesundheitsbefunds. Seine Meinung: „Ihr Sohn wird nur noch arbeitsverwendungsfähig werden und nicht mehr zum Kriegsdienst tauglich sein, weil Lunge und Rippenfell miteinander verwachsen sind. Damit er keine Tbc bekommt, schicken wir ihn noch in ein Kurlazarett für Lungenkranke. Der Antrag liegt schon dem Generalarzt in Kassel zur Genehmigung vor.“
Dr. Habs machte Urlaub, oh weh! Wer würde ihn vertreten? Es war Oberarzt Dr. Irle! Ich dachte, wenn das gut geht! Vielleicht ist er so eingestellt, schnell alle gesund zu schreiben, um zu glänzen? Nun kam Dr. Irle! Ich war der Elfte in der Bettreihe, jeder hatte ein Schild am Kopfende des Bettes mit Namen, Geburtsdatum, Dienstgrad und darunter die Fiebertafel und so weiter. Er blieb vor meinem Bett stehen und fragte: „Slawinski, sind Sie der verhungerte Ziegenbock, den ich hierher eingeliefert habe?“ „Jawohl, das bin ich.“ Irgendwie stellte sich dann in der nächsten Zeit heraus, dass Dr. Irle einer der bekanntesten Siegerländer Familien entstammte. Da ich über den Familienstamm Irle im Bilde war, kam dann durch die Blume heraus, dass er auch mit der Irle Brauerei verwandt war. So hatten wir von nun an ein gutes Verhältnis!
Jeden Morgen kamen etwa ein Dutzend Medizinstudenten, um an uns Untersuchungen durchzuführen. Erst kamen sie noch in Zivil, nach drei Wochen dann in Uniform als Sanitätsunteroffiziere. Einmal wurde festgestellt, mein Herz wäre zwei Zentimeter nach links verschoben. Schließlich war ich die Bemalung auf meinem Körper mit blauen und roten Farbstiften leid und erklärte den Studenten, sie dürften an mir keine Untersuchungen mehr vornehmen, ich sei so schwer krank, dass ich sonst einen Rückschlag bekommen und es mit mir noch schlimmer werden würde. Von da an hatte ich Ruhe.
Die tragischste Erinnerung an meine Zeit im Lazarett war die Einlieferung eines 35 Jahre alten Familienvaters von zweijährigen Zwillingen. Er litt an Darmverschluss und ist bei vollem Bewusstsein innerlich verbrannt. Die Ehefrau saß hilflos da, und die Kinder wollten mit dem Papa spielen. Ich kann das Bild des Grauens nicht auslöschen!
Nachdem ich länger als sechs Wochen das Bett gehütet und auch mein Normalgewicht von 70 kg erreicht hatte, bat ich immer wieder darum, bei sonnigem Wetter an die frische Luft gehen zu dürfen. Endlich hieß es: „Heute dürfen Sie eine Stunde an den Lahnwiesen spazieren gehen.“ Ich war glücklich. Aber ich schaffte es nicht mehr ganz zurück, wohl auf ebener Erde, aber nicht die Treppen hinauf! Die Krankenschwestern erklärten mir: „Das Bett zehrt!“
Meine Eltern hatten einmal bei einem Besuch versehentlich einen kürzeren Weg in die medizinische Abteilung durch die Chirurgie genommen. Als mein Vater dort das Elend mit den Verstümmelungen gesehen hatte, äußerte er sich, es wäre besser tot zu sein, als ohne Arme oder Beine leben zu müssen.
1Hitler-Jugend
Am 2. September morgens hieß es auf einmal: „Sie fahren heute ins Kurlazarett nach Königstein im Taunus. Der Dienstälteste hat die Marschpapiere. Ihr Zug geht um so und soviel Uhr ab Marburg Hauptbahnhof, über Gießen nach Frankfurt, umsteigen in die Kleinbahn, die dann über Höchst nach Königstein führt.“ Wir fuhren durch den schönen Taunus. Man hätte aussteigen und nebenher laufen können, so langsam war das Züglein. Das Reservelazarett 1 befand sich in einem ehemaligen Grandhotel. Als sich in den 20er Jahren die englischen Besatzungstruppen dort einquartieren wollten, ließ der Eigentümer Kasernen in der Nähe errichten. Diese dienten während des zweiten Weltkrieges dem Reichsarbeitsdienst als Unterkunft.
Da wir als Soldaten im Gang des Zuges zu stehen hatten, wo es natürlich trotz großer Hitze von den Türen her ständig zog, bekam ich einen Rückfall. Zunächst kamen wir Neuen alle auf einer Isolierstation für Tbc-Kranke in Quarantäne. Ausgerechnet, als sich meine Eltern zum Erholen in Königstein für zwei Wochen angemeldet hatten, lag ich da oben im Dachgeschoss und hätte brüllen können vor Schmerzen. Nun hatte ich linksseitig trockene Rippenfellentzündung. Die Krankenschwester pinselte mich mit Jod ein. Und weil ich nun halb farbig aussah, pinselte man mir aus Sympathie auch noch die rechte Seite ein. Die Hölle kann nicht schlimmer sein. Nach ein paar Tagen kamen meine Eltern und mein Bruder Friedrich, um mich zu besuchen. Sie durften nicht zu mir, da ich ja auf der „Mottenstation“ isoliert war und ich selbst durfte auch nicht zu ihnen. Das ehemalige Hotel hatte aber zwei Treppenaufgänge für den Notfall. Ich schlich mich, in der Hoffnung ungesehen zu sein, den Notausgang hinunter in den Park zu meinem Besuch. Kaum unten angekommen, erschien eine Schwester: „Sofort rauf, Sie haben hier nichts zu suchen. Sofort ins Bett!“ Ich war schockiert, meine Eltern und mein Bruder saßen dort im Park an einem wunderschönen kleinen Teich, in dem sich das Grandhotel spiegelte. Bei einer Unterredung mit dem Chefarzt stieß mein Vater auf taube Ohren, bis sich mein Bruder Friedrich als Dr. Ing. der Architektur vorstellte. Da wurde der Herrgott in weiß gesprächig, er wandelte sich um 180 Grad. Man fand auch eine Lösung. Ich wurde auf Station 2 für leichtere Fälle verlegt und musste morgens und nachmittags zwei Stunden Liegekur machen bei einer Temperatur bis zu sechs Grad Außentemperatur. Ich durfte nun auch nach draußen gehen. Die Zeit meines Ausgangs war kurz bemessen: 15 bis 18 Uhr Ich bekam ein Bett in einer Suite des früheren Grandhotels, belegt mit drei Soldaten, mit Blick zum Feldberg und bis Frankfurt. Es war eine schöne Zeit. Uns wurde viel geboten. Die Opel-Werke sowie die Farbwerke Hoechst hatten eigene Aufführungsgruppen. Zu diesen Veranstaltungen musste der Speisesaal geräumt werden.
Читать дальше