Den letzten Abschnitt bilden die sechs Wandellinien, die wieder mit dem Zitat der Wilhelm’schen Übersetzung beginnen. Auch hier gibt es eine Unterrubrik („Tiefendynamik“) zur genaueren Beleuchtung der Egostruktur.
Kien – der Himmel
Der schöpferische Geist
Ergreife den Augenblick! Es ist Zeit, zu handeln.
Struktur
Die Trigramme Kien (Himmel) und Kun (Erde) sind ein Abbild der kosmischen Eltern. Der Himmel gilt als Vater der sechs Trigramme Donner, Wind, Feuer, Wasser, Berg und See. Da dieses Trigramm einheitlich aus festen, starken Yang-Linien aufgebaut ist, kommt die Entschlossenheit und Handlungstendenz der Yang-Energie uneingeschränkt zum Ausdruck. Damit ist die Bewegungsrichtung machtvoll aufsteigend.
Schlüsselworte
Schöpferisch / stark / kreativ / zeugend / phallisch / expansiv / Wille / Initiative / zielstrebig / entschieden / Tatkraft / mutig / aggressiv / Eroberungsdrang / durchsetzen / Antrieb / inspiriert / Autorität / führen / steuern / machtvoll / kompromisslos entschlossen / hell / klar / objektiv / wahr / eindeutiger Standpunkt / kämpferisch / überzeugt / dynamisch / bewegt / aktiv / unendlich / geordnet / andauernd / beharrlich / gegenwärtig / autonom / präsent / bewusst / Vorstellungskraft / Charisma / elitär / idealistisch / geistig / frei / Hengst / Drache / Pegasus …
Archetyp
Das Urmännliche / Gott / Vater / Herrscher / Anführer / alter Weiser
Naturbild
Wenn wir zum Himmel schauen, sind wir immer wieder überwältigt von jener grenzenlosen Weite, die in alten Zeiten als Wohnort der Götter galt. In der Nacht stehen wir ehrfürchtig staunend unter dem Sternenzelt und erahnen die unendlichen Tiefen des Weltalls, die einer von uns nicht fassbaren, höheren Ordnung gehorchen. Dagegen besticht der klare Taghimmel durch seine unbeteiligte Distanz. In seinem blendend hellen Licht spüren wir, wie unsere alltäglichen Angelegenheiten ihre Bedeutung verlieren.
Der Himmel fordert uns gewissermaßen auf, dem Nichts ins Auge zu blicken und unsere irdischen Anhaftungen als Illusionen zu durchschauen. Wenn wir Zugang zu jener Dimension „über den Wolken“ haben, gewinnen wir Abstand zu unseren Ängsten und Sorgen, dann fühlen wir uns leicht und befreit. Der Himmel hilft uns, loszulassen, die Welt zu vergessen und uns auf das Große Ganze einzuschwingen.
Charakter
Auf der abstraktesten Ebene entspricht der Himmel dem ursprünglichen kosmischen Zeugungsimpuls, dem „göttlichen Funken“, der aus Nichts Etwas macht. Er steht für den inspirierenden Geist, womit allerdings nicht das rationale Denken, sondern ein Zustand losgelösten Gewahrseins gemeint ist. Diese kosmische Urenergie ist die Basis aller Veränderung in der Welt. Sie ist kraftvoll und eindeutig, sie kennt keinen Zweifel und drängt zum Handeln, weil sie genau weiß, was sie will. Der Himmel birgt eine Fülle an Visionen, die verwirklicht werden wollen. Er will selbstbestimmt aus sich heraus gestalten, etwas Neues schaffen und sich ausdehnen, um noch ungenutzte Potenziale zu entfalten. Damit erteilt er uns den unmissverständlichen Auftrag, unsere höchsten Möglichkeiten zu verwirklichen, Freiheit und geistige Unabhängigkeit zu erlangen, im Einklang mit dem Rhythmus des Universums.
Die immense, fordernde Kraft des Himmels kann sowohl konstruktiv als auch destruktiv zum Ausdruck kommen. Immer aber ist sie kompromisslos, sie lässt weder mit sich verhandeln noch akzeptiert sie Grenzen.

Entwickle einen Geist, der so offen ist wie der Raum,
in dem angenehme und unangenehme Erfahrungen
entstehen und vergehen können,
ohne Konflikte oder Leid hervorzurufen.
Verweile in diesem Geist wie im weiten Himmel.
(Majjhima Nikaya)

Vollkommenheit ist die Norm des Himmels;
Vollkommenes Wollen die Norm des Menschen.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt
mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht,
je öfter und anhaltender
sich das Nachdenken damit beschäftigt:
der bestirnte Himmel über mir
und das moralische Gesetz in mir.
(Immanuel Kant)
Kun – die Erde
Geschehen lassen
Alles ist gut, so wie es ist. Es gibt nichts zu tun.
Struktur
Dieses Trigramm verkörpert die kosmische Mutter von Wind, Berg, Feuer, Wasser, Donner und See. Es besteht ausschließlich aus offenen, weichen Yin-Linien. Deren Reihe durchbrochener Linien lässt graphisch eine große Furche entstehen, die auf das rezeptive, passive Wesen der Erde hinweist. Die Bewegungsrichtung dieses Halbzeichens sinkt schwer nach unten.
Schlüsselworte
Empfänglich / fühlen / hingebungsvoll / demütig / dienen / sich fügen / folgen / beeindruckbar / weich / schwanger / fruchtbar / reproduzieren / nähren / großzügig / hegen und pflegen / bewahren / gebären / hervorbringen / Geborgenheit spendend / fürsorglich / selbstlos / nachsichtig / geduldig / unbewegt / ungeformt / passiv / entspannen / akzeptieren / bedingungslos offen / Raum geben / sammeln / unvoreingenommen / bescheiden / schlicht / unauffällig / gewöhnlich / alltäglich / gewähren lassen / absichtslos / unbewusst / chaotisch / dunkel / leer / körperlich / materiell / kollektiv / irdisch / schwer / Bauch / Stute / Fisch …
Archetyp
Das Urweibliche / Urmutter / Fruchtbarkeitsgöttin / Natur / Mutter Erde
Naturbild
Aus dem All gesehen ist die Erde unser blauer Mutterplanet. Aus unserer bodenständigeren Perspektive aber weckt sie das Bild weiter grüner Auen, unberührter Wälder und fruchtbarer Felder mit saftigen, nährenden Böden. Im Angesicht solcher Landschaften breitet sich in uns ein Gefühl von Ruhe, Frieden und Stimmigkeit aus. Hier, in der Natur, darf alles sein, wie es ist...
In ihrer überbordenden Fürsorglichkeit bringt die Erde alles hervor, was wir brauchen: Lebensraum, Wasser, Nahrung in Hülle und Fülle, wertvolle Rohstoffe, Heilpflanzen… Sie kümmert sich großzügig und unterschiedslos um alle ihre Kinder. Allerdings braucht die Erde den zündenden himmlischen Funken, um von ihm erweckt und belebt zu werden – ohne ihn würde sie nur dahinvegetieren. Die Erde bietet dem Himmel ihren fruchtbaren Schoß, trägt seinen Samen aus, umhegt ihn und lässt ihn gedeihen - so entsteht alles Leben. Die Erde beschenkt und nährt alle und jeden, wenn wir nur bereit sind, uns demütig zu ihr hinunterzubeugen.
Charakter
Die Erde ist das perfekt komplementäre Gegenstück zum Himmel. Da sie selbst ganz und gar leer ist, nimmt sie die kraftvollen Impulse des Himmels hingebungsvoll auf. Sie öffnet sich dem Chaos, bereit für das Unerwartete, auf das sie sich von Augenblick zu Augenblick rückhaltlos einlässt. Die sanfte Erde stellt sich vollkommen zur Verfügung und lässt sich widerstandslos führen und prägen. Was auch kommt, sie akzeptiert es mit mütterlicher Fürsorge, ohne zu bewerten oder auszuwählen. Weil sie ganz inniges Fühlen ist, spürt sie, was gerade gebraucht wird, und gibt es gerne. Ihr einziger Wunsch lautet, zu dienen, indem sie das neue Leben nährt. Und dabei muss sie niemand Besonderes sein, nichts darstellen und nichts erreichen, sie ist einfach nur da – für sich und andere.
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