„Ihnen auch, Herr Kind.“
Simon wandte sich zur Tür, drehte sich dann aber noch einmal um. „Eine Sache noch: Sie wissen, dass Boleskine House letztes Jahr zu großen Teilen niedergebrannt ist?“
Der Alte blickte ihm in die Augen.
„Seit fünfundvierzig Jahren bin nicht mehr dort gewesen. Aber letzten Winter bin ich noch einmal zurückgekehrt. Es musste ein Ende haben. Ich habe dafür gesorgt, dass die anderen drei teuflischen Artefakte ein für alle Mal vernichtet werden und mit dem Haus untergehen. Da sie nie in meinem persönlichen Eigentum standen, war ihre Zerstörung unproblematisch.“
Das war nun der Höhepunkt der Unglaubwürdigkeit. „Sie haben Boleskine House abgefackelt?“
Der alte Mann starrte wieder aus dem Fenster, so als ob er auf etwas warten würde. Oder auf jemanden.
„Ich hätte es viel früher tun sollen“, sagte er mehr zu sich selbst, ohne Simon eines weiteren Blickes zu würdigen. Simon wartete eine Weile, ob der Alte noch etwas sagen würde, doch der blieb stumm. Simon nickte und ging. Die Standuhr schlug Zwölf, als er die Tür hinter sich zuzog.
Er trat ins Freie trat und atmete tief durch. Was für ein irrer Vormittag und was für ein merkwürdiger, trauriger alter Mann. Den Erwerb dieser Schallplatte würde Simon nicht mehr vergessen, so viel stand fest. Es wäre eine Geschichte, die er seinen Enkeln noch erzählen konnte.
Es folgte ein feuchtfröhlicher Abend mit seinen Freunden und er erzählte ihnen jedes Detail seiner Geschichte. Leicht angetrunken und gut gelaunt kam Simon nach Hause. Um den Abend feierlich abzuschließen, streifte er die Schuhe ab und legte seine Neuerwerbung auf den Plattenteller. Behutsam setzte er die Nadel auf die Rille des letzten Tracks der B-Seite und regelte die Lautstärke hoch. Das weltberühmte Intro von ‚Stairway to Heaven’ erklang kristallklar und voluminös aus seinen B&W-Boxen.
Aus einer Schublade nahm er die gelbe Dose mit Fischfutter heraus und ging zum Aquarium.
„Keine Angst, ich vergesse euch nicht“, sagte er zu den zwei Dutzend bunten Tieren und streute großzügig Futter ein, während er Robert Plants Gesang lauschte. Er holte eine Dose Bier aus dem Kühlschrank und genehmigte sich einen letzten Schlummertrunk. Simon ließ sich auf dem Zweisitzer nieder, den er zentral zu den Boxen ausgerichtet hatte, und nahm einen großen Schluck aus der Dose. Im Kopf ging er noch einmal das Gespräch mit dem Alten durch.
„Warum eigentlich nicht“, sagte er zu sich selbst. „So ein Schwachsinn.“
Er erhob sich und ging zum Plattenspieler. Mit der Hand stoppte er die Umdrehung des Plattentellers, was mit einem sägenden, verschwurbelten Geräusch aus den Lautsprechern quittiert wurde. Behutsam begann er die Platte rückwärts zu drehen. Ein dröhnendes, kakophonisches Kauderwelsch war zu vernehmen, dann nur noch ein tieffrequentes Wummern und Simon wollte die Platte schon wieder loslassen. Da schlugen ihm so unerwartet heftig und laut Worte aus den Boxen entgegen, dass er vor Schrecken zusammenzuckte.
„ I sing because I live with Satan.
The Lord turns me off, there’s no escaping it.
Here’s to my sweet Satan, whose power is Satan.
He will give you 666.
I live for Satan .“
Simons Nackenhaare richteten sich auf, das Herz pochte schmerzhaft in seiner Brust. Dann war es vorbei und nur ein kratzendes Rauschen drang noch aus den Lautsprechern. Der Alte hatte nicht übertrieben. Die Botschaft war tontechnisch verdammt gut abgemischt.
„Wow“, sagte er überrascht zu sich selbst und gab den Plattenteller frei. Der Song wurde bis zu seinem großartigen Finale fortgesetzt. Simon trank sein Bier aus und legte sich schlafen.
Als er am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen erwachte, drängte sich ihm der Verdacht auf, dass das letzte Bier vielleicht eines zu viel gewesen sein könnte. Er quälte sich aus dem Bett und steuerte das Badezimmer an. Unterwegs warf er einen Blick auf das Aquarium. Seine Fische entdeckte er nicht. Simon rieb sich die Augen und trat einen Schritt näher. Er hatte sich getäuscht. Die Tiere waren nicht verschwunden. Sie trieben mit dem Bauch nach oben an der Wasseroberfläche. Tot. Jeder einzelne Fisch.
Abel Inkun – Die Essenz des Veronesen
„Na endlich!“, fauchte Berthold Flieder, als sein Enkel Fabius abgehetzt die Buchhandlung betrat. „Wo hast du dich um Himmels willen nur herumgetrieben? Der Laden ist voll, das Telefon klingelt ohne Unterlass, auf dem Tresen stapeln sich die auszuliefernden Bücher … Und wo bleibst du?“ Fabius wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, doch sein Großvater drückte ihm stattdessen eine Plastiktüte in die Hände. „Das muss zu Frau Molte, Schlossparkstraße 12. Und beeil dich diesmal gefälligst ein bisschen.“ Der Alte wandte sich schon ab, um sich einem Kunden zu widmen, der erwartungsvoll vom Krimiregal aus zu ihnen herüberschaute.
Fabius lagen tausend Fragen auf der Zunge, die die nervenaufreibenden Erlebnisse auf seiner heutigen Tour betrafen. Doch er sah ein, dass er das auf später verschieben musste, wenn sie beide ungestört sein würden. Allerdings eines wollte er trotzdem wissen: „Opa!“ Der Buchhändler drehte sich mit unwilligem Gesichtsausdruck zu seinem Enkel um. „Gibt es da vielleicht eine Kleinigkeit zu Frau Molte, die ich wissen sollte und die du in der Eile nicht erwähnt hast?“
Berthold Flieders Miene war das Abbild reinster Unschuld und Ahnungslosigkeit. Nur der Anflug eines Errötens störte diesen Eindruck. „Was meinst du denn damit, mein Junge?“, fragte er mit einem Räuspern. „Frau Molte ist eine langjährige Stammkundin von mir. Sie sammelt begeistert Liebesromane. Letzten Monat kaufte sie Sündige Leidenschaft von Thorsten Doyle und In der Schwüle einer Liebesnacht von Britta Tomsen.“
Schweigen. Für einen kurzen Augenblick herrschte es in der Leseratte trotz der Kunden, die sich in dem kleinen Geschäft gegenseitig auf die Füße traten, gespenstische Stille. „Und das ist alles?“, fragte Fabius. Deutliches Misstrauen schwang in seiner Stimme mit.
„Natürlich ist das alles!“, zischte Flieder. „Und jetzt mach, dass du in die Hufe kommst! Oder hast du etwa Angst vor einer alleinstehenden Dame, die auf ihren neuen Liebesroman wartet? Vermutlich, um von ihrem Märchenprinzen zu träumen, fügte er für sich hinzu.“ Entschlossen schob er seinen verdatterten Enkel Richtung Tür. Auf der Straße musste Fabius zunächst einmal seine wirren Gedanken ordnen. Der Alte hatte es wieder einmal kaltschnäuzig geschafft ihn abzuwimmeln. Aber immerhin besaß er jetzt wenigstens ein paar Informationen über die Kundin, die er als Nächstes beliefern sollte. Eine alte Jungfer, die Liebesromane verschlang, um ihre Einsamkeit zu vergessen … Das klang in der Tat wenig bedrohlich.
Seltsam … dachte Fabius dann bei sich, Sündige Leidenschaft war erst vor wenigen Wochen verfilmt worden und stand wochenlang in den Kinocharts. Seine Freundin Lena hatte ihn dazu genötigt, den Schmöker zu lesen und später mit ihm in den Film zu gehen, damit er lernte, was Romantik bedeutet. Trotzdem konnte er sich nicht daran erinnern, worum es in dem Film oder in dem Buch ging. Und In der Schwüle einer Liebesnacht ? Von dem Buch hatte er noch nie gehört oder vielleicht doch?
Er radelte am Oberforster-Bach entlang Richtung Südstadt. Kurz vor Sonnenuntergang trieb ein kühler, frischer Wind ihn an, stärker in die Pedale zu treten. Er fuhr quer durch den Schlosspark, hinter dem parallel die gleichnamige Straße verlief. Das letzte Haus gehörte Frau Molte. Ihr Vorgarten grenzte seitlich direkt an den gusseisernen Zaun des Parks.
Plötzlich trat aus dem Schatten eines dichten Gebüschs eine dunkle Gestalt, die mitten auf den Weg torkelte. Fabius konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, sein Hinterrad schleuderte zur Seite. Fast wäre er gestürzt. Der Mann vor ihm starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Offensichtlich handelte es sich um einen Obdachlosen, der sich nach einem Schlafplatz für die Nacht umsah.
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