Eine mechanische, unruhige Bewegung. Zwei Balletttänzerinnen dehnten ihre Muskeln. Sie traten mit dem Elefanten Eribos auf. Der Katzenbändiger suchte im Sack seiner Hose nach Trockenfutter. Die Löwen waren schon lange weg. Jetzt wurden vier Wildkatzen gezeigt. Zwei Geparden und einige kleinere Tiere. Das Verbot, wilde Tiere in einem Zirkus zu zeigen, war einer der Mitgründe für den Verfall der Branche. Außerdem sah man heute im Fernsehen Zirkusshows aus der ganzen Welt und gerade aus Asien und Russland waren neue Zirkusgruppen aufgetaucht, die auf Showtanz und Akrobatik spezialisiert waren. Darüber hinaus stand jedem Fernsehsender auch ein großes Budget zu Verfügung. Zumindest damals, als das Fernsehen große Shows und Zirkussendungen noch forcierte. Die Zeiten, wo das Volk begeistert zusammenkam, wenn die Wagenkolonne am Hauptplatz eintraf und ein Zelt aufgebaut wurde, waren vorbei. Was waren das für Zeiten gewesen! Alleine die Ankunft eines Zirkus hatte das Volk in Unruhe versetzt. Kinder hatten die Schule geschwänzt, um heimlich die Aufbauten zu beobachten. Alleine die Mundpropaganda hatte um sich geschlagen wie eine Welle. Dazu war dem Zirkusleben und der Branche früher auch ein mythischer Ruf bestimmt gewesen. Von Zigeunern bis zu effekthaschenden Vorführungen von Verkrüppelten oder Übermenschen war es vor allem die ängstliche Neugier, die sich gut verkauft hatte. Die bekam man aber längst über die zahlreichen Fernsehsender ins Haus geliefert. Vom Dschungelcamp bis zu Actionshows in allen Bereichen wurden Dinge geboten, die ein Zirkus gar nicht machen konnte. Und wem lockte noch eine zersägte Jungfrau aus dem Winkel hervor, wenn David Copperfield schon in den Neunzigern die Freiheitsstatue verschwinden ließ? Sogar die Stuntshows, die aus Amerika und gefährliche Autostunts vorführten, gingen heute schlecht. Barboni war in den Achtzigern einmal bei einer italienischen Stuntshow gewesen, wo ein Motoradfahrer über zwanzig Autos sprang, die der Breite nach nebeneinander aufgestellt waren. An einem gewöhnlichen Nachmittag saßen keine zweihundert Menschen im Publikum. Wenn man heute keine Ermäßigungsgutscheine unter das Volk warf, kam überhaupt niemand. Größere Zirkusunternehmen lebten auch gar nicht schlecht davon. Die Mär vom armen Artistenschlucker hielt sich nachhaltig. Beim Zirkus Barboni war das auch so, bei renommierten Zirkussen aber nicht. So stiegen Clowns und Artisten bei großen Unternehmen nach den Vorführungen in auch in ihre nagelneuen BMWs und Audis. Beim Zirkus Barboni waren die meisten Fahrzeuge so alt, dass sie nur mit Mühe durch den TÜV kamen. Das fehlende Geld schlug sich auch auf die Werbemöglichkeiten nieder. In diesem Jahr hatte Barboni auch wenig plakatiert. Den Zirkus bemerkte nur, wer am Zelt vorbeifuhr, denn die Druckereien weigerten sich längst Plakate zu drucken, um auf ihr Geld zu warten. Genauso wie die Plakatwandvermieter. Der Zirkusdirektor präsentierte den Pferdetrainer und die vier Stuten. Früher waren es Araberhengste gewesen, doch die hatte man längst verkauft. Die letzten Tiere des Zirkus waren Pferden, Lamas, Ziegen, Zwergpferden und Kamele. Die Musik spielte, die Scheinwerfer umkreisten die Manage und die Pferde galoppierten im Kreis, ehe sie verschiedenste Figuren präsentierten. Im Anschluss kam Seiltänzerin Angelique und dann der Katzenbändiger, der die unspektakulären Wildkatzen mit einer Comedy Nummer präsentierte, um davon abzulenken, dass sie zwar schwer zu zähmen, aber keine ernsthaften Raubtiere waren. In der Pause unterhielt der Feuerschlucker Gagarin die Menschen. Er kam aus der Ukraine und hatte sich einen stahlharten, muskulösen Körper antrainiert. Bald kam Clown Fellini in die Manage, stolperte über den Sand, kratzte sich mit einer Klobürste am Ohr und spielte auf einem großen Xylophon. Er erheiterte sein Publikum und brachte alle zum Lachen. Doch das Lachen verschwand im großen Zelt, genauso wie der Applaus. Um die Publikumsreaktionen in einer schönen Klangwelle zu bündeln, musste ein Zelt mindestens zur Hälfte besetzt sein. War das nicht der Fall, fühlte man sich einsam, weil selbst die Nebengeräusche des Publikums so leise waren, das man in den Pausen in der Ferne das Geräusch der Generatoren und die Gebläse der Scheinwerfer hören konnte. Nach der Pause kam der Zauberer. Früher, als es noch Tiger und andere große Tiere gab, hatte man nur selten einen Zauberer gebraucht. Der Zirkus Barboni hatte nun einen, weil der billiger war als andere Attraktionen.
Er zerschnitt die Seiltänzerin in zwei Teile und schob sie weit auseinander. Später ließ er sie hinter einem Paravent verschwinden und Clown Fellini tauchte wieder auf. Er stolperte aus dem Kasten, tat so, als wüsste er nicht, wo er war und die Leute lachten. Weil Fellini in die beiden letzten Nummern integriert war, war der Zauberer sogar ein Höhepunkt. Neunzig Minuten später verließ das Publikum das Zelt, aß noch Eis oder machten Fotos mit den Artisten. Sie sahen glücklich aus, weil ihre Kinder es waren. Hätte man ganz genau hingesehen, hätte man gesehen, dass den Erwachsenen das Elend nicht entgangen war und dass sie besonders nett zu den Angestellten waren, weil sie ihnen Leid taten. Ein Künstler weiß, wann ihm das Publikum besonders fördert, weil sie Mitleid hatten. Aber eigentlich sollte man nicht genauer hinsehen.
Sie hatten sich gut unterhalten und versucht zu ignorieren, dass die Vorstellung praktisch leer gewesen war. Es war ein lauer Frühlingsabend. Eine warme Nacht, an dem man gerne ein paar Schritte zu Fuß machte. Die Artisten winkten noch den letzten Gästen zu. Man sah ihnen an, dass sie an diesem Augenblick festhalten wollten, denn keiner ging gerne in seinen Wagen zurück. Als der letzte Gast das Territorium verlassen hatte und das große Tor geschlossen wurde, war es mit der guten Stimmung vorbei. Die Sterne des wolkenlosen Nachthimmels glitzerten wie Scheinwerfer. Als die Lichter im Zirkus Barboni gelöscht wurden, war den meisten klar, dass diese Verdunkelung ein Vorzeichen war. Ein Vorzeichen für das Ende.
Die Artisten, Tänzer, der Zauberer und Clown Fellini schminkten sich in ihren Garderoben ab und verstauten sorgfältig ihre Kostüme. Fellini stellte die großen Clownschuhe unter das Bett und Band die rote Clown-Nase und den Faltenhut an das Kostüm. Sein Wohnwagen war ein heilloses Durcheinander aus Kostümen, Zauberartikel, Masken und anderem Firlefanz. Doch es war ein kontrolliertes Chaos, genauso wie es seiner Rolle entsprach. Eine Oase voll Zirkusluft und Kitsch. Wenn man heute in moderne Zirkuswägen geht, in denen junge Artisten wohnen, ist das nicht so. Diese Wohnwägen waren modern eingerichtet, mit hellen Möbeln und auf den Schreibtischen standen Computer, mit denen die Künstler nicht gänzlich von der Außenwelt abgeschlossen waren. Aber der Zirkus Barboni war ein Zirkus aus einer anderen Generation.
Als Fellini sich abschminkte, sein Gesicht im Spiegel sah, waren alle Spuren der Fröhlichkeit getilgt. In wenigen Minuten würden sie draußen am Feuerplatz zusammentreffen und Direktor Barboni verkünden, was jeder wusste. Es war vorbei. Es würde keine weitere Saison mehr geben und die aktuelle Tour abgebrochen. Das Unternehmen würde Stück für Stück verkauft werden. Ein paar Kostüm-Flohmärkte und Schrottmärkte später, würden sie drüber nachdenken müssen, was aus ihnen wurde. Der Wagenpark des Zirkus Barboni war das Wertvollste im ganzen Betrieb. Der Clown Fellini betrachtete sein Durcheinander, betastete ein paar Federblumen im Vorbeigehen und griff in den Hasenkäfig. Sein Kaninchen Felix war der letzte Überlebende von ehemals vier Tieren, mit denen er gezaubert hatte. Felix würde er mitnehmen, doch der war alt, ein Methusalem und seine Jahre gezählt. Fellini betrachtete seine Zauberrequisiten und seine Musikinstrumente. Clowns waren generell sehr vielseitig. Der österreichische Fernsehclown Habakuk hatte vierunddreißig Instrumente gespielt. Er war Maler, Bildhauer, Zauberer und hatte unzählige Puppen gebaut. Auch Fellini beherrschte neunzehn Instrumente und noch eine Vielzahl an kleine und exotische Flöten. Er war über sechzig und viel herumgekommen. Er hatte viele Länder gesehen und aus jedem Land, das er bereist hatte, Instrumente mitgebracht. Kastagnetten aus Spanien, Bambusflöten aus China, Agogôs (ein Glockenpaar) aus Brasilien. Die wenigstens hatte er gekauft. Er hatte sie gegen heimische Instrumente bei anderen Künstlern eingetauscht. Sein wertvollstes Instrument war eine Geige des italienischen Geigenbauers Giovanni Francesco Pressenda. Der war 1777 in Alba, Italien geboren worden. Als Sohn eines Wandermusikers, baute er nach seiner Lehrzeit Geigen nach dem Vorbild von Stradivari. Diese waren nicht ganz so hochpreisig wie die Stradivaris, wurden danach aber ebenfalls hoch geschätzt. Vielleicht würde Fellini nach dem Zirkus mit seiner Geige herumziehen. Der Gedanke war gar nicht so abwegig, machte ihn aber nicht glücklich. Zirkusmenschen sind keine Einzelgänger.
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