Hinter der Bar stand ein kahl rasierter, muskulöser Mann, der ein Glas abtrocknete. Rasch ging sie hinüber und stellte sich neben Chandler, der völlig weggetreten schien. Als Anny ihn an die Schulter stupste, hob er träge den Kopf und grinste sie an.
»Die Ersatzfotografin«, nuschelte er und versuchte sich zu ihr umzudrehen, wobei er fast von seinem Barhocker fiel. Er brach in haltloses Kichern aus.
»Bist du Anny?«, fragte der Typ hinter der Bar und sie nickte. »Gut, dann schaff ihn mal nach Hause. Der Schönling hat definitiv genug für heute. Besser, er kommt ins Bett und schläft seinen Rausch aus.«
»Wenn ich nur wüsste, wo sein Bett ist«, murmelte sie und nickte dem Barmann erneut zu.
Sie griff unter Chandlers Achsel, legte sich seinen Arm um die Schulter und hievte ihn hoch.
Er kicherte immer noch, während sie ihn nach draußen zu ihrem Auto bugsierte, was nicht gerade einfach war, denn er hatte ordentlich Seegang. Zum Glück erreichten sie den Mini, ohne dass sie beide ungewollt Bekanntschaft mit dem Asphalt machten. Sie lotste ihn zur Beifahrerseite, wo sie ihn gegen den Kotflügel lehnte, um den Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche herauszukramen und den Wagen zu öffnen.
Erleichtert atmete sie aus, als er endlich angeschnallt auf dem Beifahrersitz saß und sie bereit war loszufahren. Sie fragte sich allerdings, wohin.
»Wo wohnst du?«
»Ich hab keine Ahnung«, gluckste er.
Oh Mann, das konnte ja heiter werden. »Du musst doch deine Adresse kennen.«
»Kenn ich auch. Nur grad eben nich.«
Was sollte sie jetzt mit ihm machen? Ihr kam eine Idee. Sie startete den Wagen und fuhr los, nur um kurze Zeit später vor Marcs Haus zu parken. Chandler war während der Fahrt eingeschlafen und hatte den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, die von seinem Atem beschlug.
Als sie ausstieg, um Marc zu holen, zog sie vorsichtshalber den Autoschlüssel ab und nahm ihn mit. Sicher war sicher.
Sie musste ein paarmal die Klingel betätigen, bevor ein verschlafener und übel gelaunter Marc die Tür öffnete.
»Was gibt’s?«, maulte er.
»Hallo Marc«, grüßte sie ihn betont fröhlich.
»Anny, was tust du hier um diese Zeit? Es ist mitten in der Nacht. Bist du verrückt geworden? Du weißt, wie dringend ich meinen regelmäßigen Schlaf brauche.«
»Ich habe Chandler Reese in meinem Wagen sitzen.«
»Chandler? Ich dachte, du kannst ihn nicht leiden? Trotzdem ziehst du mit ihm um die Häuser?«
»Ich bin nicht … Hey, was denkst du von mir?«, protestierte sie. »Der Barkeeper aus der Sunrise Bar hat mich angerufen, dass ich ihn abholen soll. Chandler hatte meine Visitenkarte in der Tasche und wohl darauf bestanden, dass ich ihn nach Hause fahre. Tja, er kann sich nur nicht daran erinnern, wo er wohnt. Der Alkohol hat sein Hirn komplett lahmgelegt.«
»Das weiß ich auch nicht. Wir sind ja keine dicken Kumpels. Die Aufträge mit ihm laufen immer über die Agentur. Die buchen mich und geben mir den Ort für das Shooting durch. Aber was hat das alles mit mir zu tun?«
»Darf ich dich an den Gefallen erinnern, den du mir schuldest? Ich dachte, er kann in deinem Gästezimmer übernachten.«
»Das kann nicht dein Ernst sein.« Entsetzt blickte er sie an. »Auf gar keinen Fall.«
»Wo soll ich denn mit ihm hin?«
»Nimm ihn mit zu dir«, schlug Marc vor.
»Du hast ein leer stehendes Gästezimmer und ich soll ihn mit zu mir in meine kleine Wohnung nehmen?« Anny war erstaunt und wie vor den Kopf geschlagen. Damit hätte sie nun wirklich nicht gerechnet.
»Du warst diejenige, die ihn in dieser Bar eingesammelt hat. Außerdem habe ich Besuch, da kann ich schlecht einen Betrunkenen in mein Haus aufnehmen. Ich habe dich zwar schrecklich gerne, Anny, doch im Moment ist es mir unmöglich, dir zu helfen. Sonst jederzeit gerne. Nur nicht heute.«
»Was soll ich denn jetzt mit ihm machen? Ich will ihn nicht mit zu mir nach Hause nehmen.«
»Dann bringe ihn in einem Motel unter. Der wird schon heimfinden, wenn er wieder nüchtern ist. Ist sicherlich nicht das erste Mal, möchte ich wetten.« Marc zuckte mit den Schultern. »Und jetzt entschuldige mich. Ich muss mich wieder um meinen Gast kümmern.«
Mit diesen Worten schlug er ihr förmlich die Tür vor der Nase zu. Sprachlos stand Anny da. Marc hatte sie tatsächlich im Stich gelassen. Es dauerte einen Moment, bis sie ihren Schock überwunden hatte. Sollte sie noch einmal läuten? Hatte wohl wenig Sinn. Marc würde nicht aufmachen. Er würde sie einfach ignorieren. Immerhin hatte er »Besuch«. Sie wollte lieber nicht wissen, wer da bei ihm war. Es schmerzte sie allerdings, so von ihm im Stich gelassen zu werden. Sie hätten Chandler ins Gästezimmer bringen können, ohne dass Marcs Gesellschaft etwas davon mitbekommen hätte. Und das Model war betrunken genug, dass es bis zum nächsten Morgen durchschlafen würde, ohne auch nur einmal aufzuwachen. Während ihrer gemeinsamen Collegezeit hätte er so etwas niemals getan. Damals hätte er ihr kichernd geholfen und wahrscheinlich der Versuchung nicht widerstehen können, Chandler mit einem wasserfesten Stift einen Schnurrbart aufzumalen. Diese Zeiten schienen vorbei zu sein. Was war nur aus ihm geworden? War er genauso oberflächlich wie seine Kunden?
Enttäuscht wandte sie sich ab, ging zum Auto zurück und stieg ein. Sie warf einen Blick auf Chandler, der immer noch tief und fest schlief. Ein dünner Spuckefaden lief ihm das Kinn entlang. Seltsam, ihn so zu sehen. Es machte ihn beinahe sympathisch und dämmte die Vorurteile ein wenig ein, die sie von ihm hatte. So wie er dort neben ihr saß, hatte er etwas überraschend Weiches und Verletzliches. Ein Motel mochte eine Lösung sein. Sie griff nach ihrer Handtasche und kramte darin herum. Damit hatte sich diese Option in Luft aufgelöst: Sie hatte ihren Geldbeutel im Atelier vergessen.
Anny seufzte und startete den Motor. Wohl oder übel würde der gute Chandler eben mit ihrem alten Sofa vorliebnehmen müssen, anstatt komfortabel in einem Designerbett in Marcs Gästezimmer zu schlafen.
Während sie durch die nächtliche Stadt zu ihrer Wohnung fuhr, fragte sie sich, wie einsam Chandler Reese wohl tatsächlich war, wenn er sich von ihr abholen ließ, einer quasi Fremden. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass er sie längst wieder vergessen hatte. Umso komischer war es, jetzt neben diesem Topmodel im selben Auto zu sitzen. In ihrem Auto, um genau zu sein.
Als sie vor dem Haus ankamen, in dem Annys Wohnung lag, fand sie glücklicherweise einen Parkplatz in der Nähe der Tür. Ihr schwante, dass es nicht einfach würde, den betrunkenen Chandler in ihr Apartment zu bekommen. Und sie behielt recht: Er war wie ein nasser Sack. Zum Glück funktionierte der Aufzug, was es ihr ersparte, Chandler in den sechsten Stock zu schleifen.
Als sie es endlich in ihr Apartment geschafft hatten, ließ sie ihn aufs Sofa plumpsen und versuchte ihn in eine einigermaßen stabile und bequeme Liegeposition zu bringen.
Nachdem es ihr gelungen war, ging sie und holte eine Decke und ein Kissen aus dem Schrank im Flur. Als sie ihn mit allem versorgt hatte, warf sie einen letzten Blick auf ihren unliebsamen Gast und ging ebenfalls schlafen.
***
Ein Scheppern und Fluchen aus dem Wohnzimmer riss Anny ein paar Stunden später unsanft aus dem Schlaf. Sie sprang aus dem Bett und eilte hinüber in den anderen Raum.
Chandler lag neben dem Sofa auf dem Boden und versuchte sich aus der Decke zu befreien, in der er sich verfangen hatte. Sein Haar war zerzaust und stand wild in alle Richtungen ab. Es war so komisch, dass Anny nicht anders konnte, als zu lachen.
Schnell eilte sie zu ihm und half ihm dabei, sich zu befreien. Als das geschafft war, starrte er sie mit einer Mischung aus Überraschung und Verärgerung an. Irritiert blickte er sich um.
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