Grauenvoll, dieser Praetorius musste unbedingt den Speisezettel ändern!
„Kann er das überhaupt?“, fragte Dietlinde mutlos, als wir uns im Büro umsahen – alles sauber, alles fertig, nichts zu tun. Wenn das jemand merkte, flogen wir wahrscheinlich als überflüssig raus!
„Weiß ich nicht. Aber wenn nicht, stänkern wir einfach weiter. Ich wüsste eh noch was – diese bescheuerte Einteilung, nach der die Fälle hier nach Schadenssummen verteilt werden. Nach Versicherungsart wäre doch viel einfacher. Über einer bestimmten Grenze brauchen wir ja ohnehin eine Genehmigung.“
„Das hat vielleicht irgendwelche juristischen Gründe“, versuchte Dietlinde zu kneifen. „Dann sollen sie uns die mal anständig erklären“, murrte ich, „so wirkt das nur total albern und selbstherrlich.“
„Okay, wenn beim Essen nichts vorangeht, nehmen wir uns das Thema vor. Nächste Woche!“
Damit war ich einverstanden. Wir trödelten noch eine Zeitlang herum, und als unsere Kollegen langsam wieder munter wurden, schenkten wir starken Kaffee aus, täuschten noch ein bisschen Arbeit vor und gingen dann betont pünktlich nach Hause – wir waren schließlich fertig!
Ich musste leider in die Stadt. Lästig, lästig, welcher Idiot hatte bloß die Weihnachtsgeschenke erfunden?
Na, dann am besten zuerst in die Rathausbuchhandlung, da ging es meist am fürchterlichsten zu. Ich schob mich durch die Massen, die sich um die Tische mit reduzierten Bildbänden (machte viel her, kostete wenig) und die Titel der Bestseller-Listen drängten, und erklomm schließlich die schmale Wendeltreppe. Oben war das kleine Reservat der Gebildeten, und schon nach einer halben Stunde frustrierten Blätterns hatte ich das ideale Buch für Gundula gefunden – eine abstruse Abhandlung darüber, dass Shakespeare bei – nein, nicht bei Marlowe, das wussten wir ja nun alle schon aus dem Film – sondern bei Hans Sachs abgekupfert hätte! Das reichte, um Gundula in Raserei zu versetzen – und es sollte bloß vierzehn Euro kosten. Gekauft! Im nächsten Regal fand ich einen prachtvollen, reich bebilderten Reiseführer durch Südtirol – falls die Lifte mal ausfielen, konnten Papa und Mama sämtliche kunsthistorisch wichtigen Kirchlein besichtigen und nachschlagen, wo man den besten Speck kaufen und den besten Wein trinken konnte. Plus jede Menge abwegiger Jagertee-Rezepte, damit konnten sie Opa auf längere Zeit ruhig stellen. Ich trug meine Beute glücklich zur Kasse, konnte auch noch einer Riesenrolle Geschenkpapier mit strippenden Nikolausis drauf nicht widerstehen (samt zehn passenden Anhängern und roten Schleifchen) und trug die Tüte hochzufrieden zu Spiel und Spaß .
Es gab doch tatsächlich einen kleinen Puff für die Modelleisenbahn, komplett mit rotem Licht und Herzchen-Leuchtreklame ( Sauna-Club ), sofern man noch eine Minizelle einbaute. Nein, das fände Papa nun weniger komisch, leider. Schade, dass Achim nicht den Modelleisenbahn-Vogel hatte, der hätte sich scheckig gelacht und das Häuschen sofort zusammengebaut! Dafür entdeckte ich für Achim einen maßstabsgetreuen BMW V 8 und eine genau dazu passende Isetta – warum sollte seine Sammlung nicht auch um eine historische Dimension erweitert werden?
Und bei den Modellhäuschen gab es auch eine putzige Berghütte mit einem Satz Skifahrer und einer Miniaturbedienung, deren Busen den kleinen Maßstab etwas zu sprengen schien. Aber das Dirndl war zu nett!
Und für den großen Bahnhof fand ich einen kleinen – nicht realistischen – Beschwerdekiosk, den man auf den Bahnsteig stellen konnte. Es gab auch einen entsprechenden Satz wütender Bahnkunden und kleine Täfelchen für die elektronischen Anzeigen: 45 Minuten Verspätung , Zug entfällt und ähnliche erfreuliche Nachrichten.
Papa liebte seine Eisenbahn, hasste aber den realen Bahnbetrieb und besuchte Bahnhöfe nur, um sich Deko-Anregungen zu holen – einen Zug hatte er in den Siebzigern zum letzten Mal bestiegen. Musste ein Schockerlebnis gewesen sein, vielleicht sollte ich da mal nachbohren...
Im La Soie gab es wie immer die edelsten Krawatten weit und breit und ein bildschönes Seidentuch in verfließenden Gelbtönen zwischen Vanille und Orange – das sah zu Jeanshemden und zu Dietlindes schokoladenbraunem Haar bestimmt klasse aus. Gekauft!
Wer fehlte noch? Cora und Hannah – für Cora das Schaumbad zu ihrem Lieblingsparfum... ich eilte mit langen Schritten davon, aber bis ich vor der Discountparfümerie ankam, war es glücklich acht und die Scherengitter rasselten herunter. Mist!
Ach, egal. Das meiste hatte ich immerhin schon, ich konnte doch ganz zufrieden sein: Fünf echt gute Geschenke in drei Stunden, keine üble Quote!
Das Schaumbad war eine meiner leichtesten Übungen – und diesen WG-Krimi: Ich Trottel, denn hätte ich in der Rathausbuchhandlung auch gleich aufgetrieben! Ich war so aufgedreht, dass ich aus dem Bus nach Hause schon am Bahnhof wieder ausstieg und dort nicht nur den Krimi, sondern auch das Schaumbad (zu deutlich überhöhtem Preis) ergatterte.
Hungrig und müde kam ich heim, und mittlerweile war wirklich nichts mehr zu essen im Haus. Ganz hinten fand ich noch eine Dose Baked Beans – Ablaufdatum Ende 2002, dann wurde es ja mal Zeit! Sie schmeckten nicht gerade aufregend, trotz aller Gewürze, die ich etwas wahllos hineinkippte, und nach einem halben Teller trug ich den Rest in die Küche zurück und machte mich lieber daran, die Geschenke sorgfältig zu verpacken, richtig traditionell – Preis abknibbeln (eine Eins davor zu malen galt in unserer Familie als gemein), Papier knapp zuschneiden ( Kinder, verschwendet doch nicht immer soviel gutes Papier! ), exakt falten, keinen Tesafilm verwenden, das war für Weicheier (und man musste ihn mühsam wieder herunterbügeln), das Band exakt über Kreuz und die – maximal doppelte – Schleife natürlich auf der Vorderseite. Dann wurden Albernheiten auf die Anhänger gekritzelt und die wiederum sorgfältig am Schleifenknoten festgebunden, auf keinen Fall an einer Schlaufe, die zog sich dann womöglich auf!
So hatten wir drei das von Mama gelernt, wie das Basteln von Goldpapiersternen, und so hatte Mama das von ihrer Mutter gelernt, wenn die wiederum auch in ihrer Kindheit kriegsbedingt mit alten Nummern des Völkischen Beobachters statt mit strippenden Nikoläusen auskommen musste. Das war unsere Familienvariante von Iss schon auf, damals im Krieg wären wir froh gewesen, wenn wir so feine Hafergrütze gehabt hätten!
Ich lehnte mich zurück und betrachtete befriedigt mein Werk, dann stellte ich die Geschenke, der Größe nach geordnet, ins Regal, wo sie sich sehr nett machten.
Die ganze Familie erledigt – Himmel noch mal, Opa!! Was sollte ich bloß Opa schenken? Jedes Jahr der gleiche Stress, ich konnte ihm ja schlecht ein Bild malen wie früher.
Ich zog aufs Sofa um und zappte ein bisschen herum. Nichts... Was konnte Opa brauchen? Mama würde sagen, neue lange Unterhosen, aber so was freute ihn nicht. Und sein Buchgeschmack ging mehr in Richtung Wie wir beinahe Moskau erobert hätten , das musste man nicht noch unterstützen. Ärgern durfte man ihn auch nicht zu sehr, sonst kippte er noch um; der Katalog der Wehrmachtsausstellung verbot sich damit leider von selbst.
Mensch, Opa! Ein Schnäpschen? Ein Schnäpschen! Prima Idee, ein richtig guter Tropfen freute ihn, er verbrauchte sich und vielleicht kriegten die anderen auch etwas ab... Williamsbirne oder Kirschwasser, das hatte er am liebsten.
Und wieder ein Problem gelöst. Nun noch Plätzchen backen und rechtzeitig vor den Feiertagen in die Bücherei!
Ha, und am Vierundzwanzigsten morgens, wenn sich alle im Haus angifteten, wenn die Bäume beim Schmücken umfielen und die Schlangen beim Bäcker und beim Metzger, von denen an den Supermarktkassen ganz zu schweigen, rund um den Block reichten, würde ich mit Mandelmakronen, Zimtsternen und Spitzbuben auf dem Sofa liegen und schmökern. Oder hämisch grinsend aus dem Fenster hängen, ein Kissen unter dem Busen, und den anderen zuschauen, wie sie sich abstressten. Keine schlechte Aussicht – aber vor diesen gemütlichen Tag hatten die Götter leider noch sieben Arbeitstage gesetzt.
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