Was für einen Kerl wollte ich eigentlich? Daniel hatte ich im Frühjahr entsorgt, langsam wurde es wieder mal Zeit... Einen vernünftigen wollte ich, nett, harmlos, alltagstauglich und mit durchschnittlichen, aber breit gefächerten Interessen. Gab´s das überhaupt? Wahrscheinlich nicht – aber zwischen Regionalliga und Documenta musste doch noch ein Mittelding existieren? Einigermaßen gut im Bett sollte er sein, kein Pascha, einfach zeitgemäß eben.
Wo sollte ich nach so was suchen? Ewiges Problem... Dietlinde, die mir leicht verzerrt zugrinste, hatte auch immer solche Flops und war im Moment so solo wie ich.
Ich verbannte das Männerproblem vorübergehend in den hintersten Winkel meines Hirns und arbeitete mich durch den Packen Schadensberichte, bis ich alles erledigt hatte: Eine Auszahlung konnte veranlasst werden, in sieben Fällen waren Nachfragen nötig und die entsprechenden Briefe landeten im Ausgang, in zwei Fällen musste jemand schnüffeln gehen, einer hatte eine Schadenssumme, für die eindeutig die Nachbargruppe zuständig war, und der letzte Fall wurde auf der Stelle abgewiesen: Gegen eigene Blödheit konnte man sich nicht versichern.
Fünf... Feierabend. Noch drei Tage, dann war Wochenende. Noch eine Woche, dann stand Weihnachten vor der Tür.
Auch kein guter Gedanke – ich hatte noch kein einziges Geschenk. Und backen wollte ich doch auch noch! Als Köchin war ich mäßig, aber Weihnachtsplätzchen konnte ich, sehr gut sogar, so gut, dass ich regelmäßig über die Feiertage drei bis vier Kilo zulegte. Also gab es im Januar ebenso regelmäßig viel Gymnastik und eine Rohkostwoche, das half.
Also, der Countdown lief. Weihnachtskarten hatte ich auch noch keine – sollte ich heute mal in die Stadt gehen? O Gott, dort ging es sicher entsetzlich zu! Andererseits war heute bloß Dienstag. Am Samstag wäre es wahrscheinlich dreimal so voll, und in der nächsten Woche war alles nur noch dringender...
Ich winkte Dietlinde zu, die noch mit der Auffrischung ihres Make-up beschäftigt war, schloss meinen Schreibtisch ab, obwohl sich darin nichts Klauenswertes befand, wich Gundler aus, der sicher noch irgendetwas Oberwichtiges auf Lager hatte, das genauso gut bis morgen warten konnte, und erwischte tatsächlich an der Ecke einen Bus, der über den Markt fuhr.
Mit zehn mehr oder weniger geschmackvollen Weihnachtskarten, den entsprechenden Briefmarken und einer Supermarkttüte voller Backzutaten stieg ich zwei Stunden später wieder in einen Bus, müde und plattfüßig.
Heute fing ich nicht mehr mit den Plätzchen an, beschloss ich, an einer Halteschlaufe hängend. Die Tüte schnitt mir schmerzhaft in die Finger, und die Leute sahen alle sehr unweihnachtlich aus, erschöpft, säuerlich und verfroren.
An der Haltestelle wäre ich fast noch ausgerutscht – in Selling war es deutlich kälter als in der Innenstadt, und zwischen den schmucklosen Wohnblocks aus den Fünfzigern war genug Platz, dass der Wind so richtig durchpfeifen konnte.
Fröstelnd, mit klammen Fingern und übler Laune, angelte ich nach dem Hausschlüssel und schleifte dann alles in den dritten Stock.
Oh, und heute morgen hatte ich keine Zeit gehabt, aufzuräumen – das Nachthemd lag noch verknüllt auf dem Boden vor der Badezimmertür, auf der Kommode stand ein halb ausgetrunkener Kaffeebecher, und es roch muffig. Seufzend verräumte ich meine Einkäufe, riss dann die Fenster kurz auf und warf das Nachthemd aufs Bett. Das reichte erst einmal!
Was gab´s denn heute im Fernsehen? Nichts Brauchbares, wie immer.
Ich fiel auf mein Sofa und sah mich missmutig um. Eigentlich war die Wohnung recht nett, zwei Zimmer, Küche, Bad, sogar einen kleinen Balkon hatte ich – mit Blick auf den Hof voller Teppichstangen und Mülltonnen, und abends auch mit Blick in die Fenster des gegenüberliegenden Wohnblocks. Manchmal kam ich mir vor wie eine biedere Hausfrau aus den Fünfzigern – das musste die Atmosphäre sein. Samstagmorgens klopften tatsächlich noch einige mittelalterliche Damen, ein Tuch um den Kopf, ihre falschen Perser auf diesen Stangen. Immerhin gab es keine Ofenheizung mehr, sonst hätte ich noch dauernd Kohlen aus dem Keller in den dritten Stock schleifen dürfen.
Nein, die Wohnung war zwar spießig, aber in Ordnung. Außerdem hatte ich einen günstig geschossenen Teppichbodenrest über das schauerliche Linoleum gelegt und mich mit IKEA-Regalen und allerlei Flohmarktkram ganz gemütlich eingerichtet.
Die Küche war vorsintflutlich, aber sie funktionierte zur Not, und das Bad war in Ordnung, wenn man von den zum Teil gesprungenen pastellgelben Kacheln absah und von den altmodischen getrennten Hähnen, die aber einen gewissen nostalgischen Charme versprühten.
Lästig war allerdings der Boiler, der dauernd verkalkte, und die Tatsache, dass es nur im Nachbarhaus eine Waschmaschine gab, so dass man mit dem Wäschekorb ganz hübsche Wege zurückzulegen hatte und manchmal bei unwilligen Bewohnern klingeln musste, weil die Haustür zugeschnappt war. Meist zog ich es vor, den Waschsalon vorne in der Düsseldorfer Straße zu frequentieren, da gab es wenigstens einen Trockner. Wenigstens war die Miete niedrig. Und die Nachbarn waren erträglich, bis auf die Machls im Erdgeschoss, die in ihrer Wohnung exzessiv rauchten, mit altem Fett frittierten und sich zum Ausgleich selten zu waschen schienen. Den Mief ließen sie dann ins Treppenhaus abziehen, wo er zielstrebig nach oben wanderte. Auch heute hatte es draußen wieder ziemlich gestunken, aber die Machls wohnten seit 1966 hier und waren nicht loszuwerden.
Wenn ich so weiter machte, würde ich eines Tages auch unkündbar sein, weil
ich seit 1997 hier wohnte. Und bis zur Rente säße ich bei der Union Securé fest und würde geringfügige Schadensmeldungen bearbeiten. Aber was konnte ich sonst tun? Abitur, fünf Semester Jura, einige Fortbildungskurse in Buchhaltung, Personalverwaltung und Schadensrecht – mir blieben nur Versicherungen, und die waren ja wohl alle gleich.
Was täte ich lieber? Schwer zu sagen... Am liebsten wäre ich so reich, dass ich gar nichts tun müsste. Das war natürlich kein vernünftiges Ziel. Ich machte mir ein Salamibrot – einkaufen musste ich auch mal wieder – und dachte weiter missmutig nach, an dem Brot herumkauend.
Gab es keinen Traumberuf für mich? Irgendwie nicht, ich wusste nur, was mir keinen Spaß machte, der ganze Kulturkrempel, alles Mathematische, alles Soziale. Dann blieb eigentlich nur noch die Wirtschaft – und warum dann nicht eine Versicherung? Blöde Routine – aber Routine langweilte wohl immer. Nur ein Hausfrauendasein wäre wohl noch öder, überlegte ich. Obwohl – morgens eine Stunde Arbeit, den Rest des Tages schmökern, fernsehen, spazieren gehen, shoppen – und kurz bevor der Alte aus der Arbeit kommt, noch eine halbe Stunde Arbeit. Nein, so lief das ja nun auch wieder nicht. Ein Mann, der sich auf so etwas einließ, wollte wahrscheinlich gebügelte Hemden, anständiges Essen und ein poliertes Namensschild an der Tür.
Apropos – ich war mit Treppenputzen dran, fiel mir dabei ein. Die alte Nüssle von gegenüber machte so etwas richtig traditionsbewusst mit einem grauen Lumpen, auf den Knien – ich hatte mir, faul wie ich war, natürlich Wegwerfbodentücher und einen passenden Schrubber besorgt. Also holte ich mein Equipment und wischte die Treppenstufen mehr schlecht als recht einmal durch, wobei ich darauf achtete, auch bestimmt gesehen zu werden, nicht, dass es wieder hieß Die Landmann putzt nicht ordentlich – jaja, die heutige Jugend, kein Pflichtbewusstsein mehr...
Die Nüssle nahm mein Herumwischen mit beifälligem Knurren zur Kenntnis.
Vielleicht sollte ich über ein Haustier nachdenken, am besten eine Katze... die könnte jetzt schnurrend auf meinem Schoß liegen. Alternde Büroangestellte mit Katze – das passte doch zu dieser Wohnung, oder? Leider war Tierhaltung hier strengstens verboten, sie hatten sogar den armen alten Pautz gezwungen, sein Aquarium abzuschaffen, und als ich diesen fiesen Hausverwalter gefragt hatte, ob sich denn jemand über den Lärm beschwert hätte, hatte es nur geheißen, ich sollte nicht frech werden, sonst könnte es sein, dass mein Mietvertrag nicht mehr verlängert würde. Kotzbrocken!
Читать дальше