So saß ich über meine Unterlagen gebeugt und versuchte, mich auf die albernen Fälle zu konzentrieren, die da auf meinem Schreibtisch gelandet waren. Zwischendurch schrieb ich dann doch einen Brief an die Geschäftsleitung und empfahl ihnen, für leichteres Essen und ein Ende des mittäglichen Bierverkaufs zu sorgen, wenn sie wollten, dass die Belegschaft nachmittags noch imstande war zu arbeiten. Dietlinde kam zu mir und sah mir über die Schulter. „Sehr gut! Ich unterschreibe es gerne mit.“ Wir kritzelten unsere Namen darunter, kuvertierten es und leiteten es sofort weiter. Mal sehen, was dabei herauskam!
„Heute gibt es Hühnerfrikassee in Sahnesauce und klumpigen Reis dazu“, verkündete Dietlinde nach einem Abstecher zum Kantinenaushang. „Steht das so da?“
„Fast. Der Reis ist doch immer klumpig.“
„Egal, ich esse eh bloß Salat. Und du auch. Na, vielleicht ändert sich jetzt war – obwohl ich´s nicht glaube.“
Heute jedenfalls sah das Essen genauso grausig aus wie immer; Dietlinde und ich wählten zimperlich aus den ältlichen Salaten aus, ignorierten die Fertigsaucen und trugen unsere klägliche Ausbeute an einen Tisch direkt vor der Ausgabe. Die Bohnen waren von gestern. Oder von Montag. Und die Tomaten waren auch schon sehr reif.
„Guck mal, was ist das denn?“
Ich drehte mich um. „Oh, welch Glanz in unseren Elendsquartieren? Hat der nicht das Recht, von gedeckten Tischen à la carte zu speisen?“
„Eben. Das ist doch unser Obermotz, der, vor dem Bertolt und Gundler solchen Schiss haben, oder?“
„Stimmt. Ich hab ihn erst zweimal gesehen, aber das muss er sein. Wie heißt der gleich wieder? Pe-Pre- vergessen.“
„Praetorius. Wie in dem alten Film.“
„Welcher alte Film?“
„Mit Heinz Rühmann. Dr. med. Hiob Praetorius . “
„ Hiob ? Meinst du, der hat auch so einen schrägen Vornamen?“
„Keine Ahnung. Irgendwas mit J.“
„Joseph, Johannes, Jakob... mir fällt nichts Schrägeres ein. Was will der hier?“
„Keine Ahnung – Mensch, guck! Der stellt sich an!“
Ich fuhr wieder herum. Tatsächlich – und niemand ließ ihn vor, die meisten kannten ihn wohl gar nicht. Da stand er mit seinem Tablett (er hatte eins mit besonders abgesplitterten Ecken erwischt) und guckte nach einiger Zeit ziemlich konsterniert auf das, was man ihm da auf den Teller geklatscht hatte. „Ist das Casino abgebrannt?“, flüsterte Dietlinde, und ich hob ratlos die Schultern. Meinen laschen Salat hatte ich vergessen, das hier war ja wie im Kino!
Praetorius suchte sich mühsam einen Platz und ergatterte schließlich auch einen, ziemlich in unserer Nähe. Jetzt hatte ich einen besseren Blick als Dietlinde, die sich anstandshalber ja nicht pausenlos umdrehen konnte.
Er sah für einen der Götter aus der Chefetage ziemlich normal aus. Reichlich jung zwar, höchstens – na, Mitte dreißig, schätzte ich. Die übliche Brille, die übliche Cheffrisur. Allerdings hatten seine braunen Haare einen ziemlich deutlichen Rotstich und glänzten, als habe er Arsen gegessen. Gut gekleidet, in dunklem Grau. Ob er Bertolts Styling-Vorbild war? Der sah ihn sicher öfter, bei den Abteilungskonferenzen. Ziemlich scharfes Profil, aber mit Kinn.
Ha, jetzt! Der erste Bissen Frikassee, mit Reis! Er führte die Gabel zum Munde, wie ich Dietlinde im Reportagestil flüsternd mitteilte, kaute mit schreckgeweiteten Augen und schluckte schließlich angewidert herunter. An seiner Stelle hätte ich den Rest stehen gelassen und mir von der Feinkost-Oase was an den Schreibtisch liefern lassen! Nein, er aß fast den ganzen Teller leer, mit offenkundiger Überwindung, aber immerhin.
„Jetzt hält er sich erschrocken die Hand vor den Mund“, flüsterte ich aufgeregt, „ich glaube, das Frikassee will wieder raus!“
„Oder er muss ein Bäuerchen machen“, schlug Dietlinde vor und biss in ihre Gabel, bis es gefährlich knackte. Etwas blass um die Nase stand Praetorius wieder auf und sah sich suchend um, dann trug er doch tatsächlich wie wir Fußvolk sein Tablett zu einem der Transportkarren.
„Das gibt ein feines Nickerchen am Nachmittag“, murmelte Dietlinde, und jetzt konnte ich endlich richtig lachen – die Schwingtüren schlugen gerade hinter Mr. Wichtig zu.
„Warum macht so einer das?“, fragte ich mich halblaut.
„Wo haben wir unseren Brief eigentlich hingeschickt?“
„An die Geschäftsleitung, Abt. Privatversicherungen, warum?“
„Weil ich glaube, dass er bei ihm gelandet ist.“
Ich staunte. „So schnell? Ich hab das Ding vielleicht um zehn in den Korb geworfen!“
„Ja, und um Viertel nach war der Bote da. Das kann schon hinhauen.“
„Respekt“, murmelte ich, „der arbeitet aber wirklich schnell! Ich hätte gedacht, der Brief liegt tagelang rum, bevor ihn jemand aufmacht.“
„Und dann schmeißen sie ihn sofort weg, was?“
„Genau. Und der kommt und guckt sich das selber an! Und pennt sicher selig an seinem Schreibtisch!“
„Das würde ich ja gerne sehen...“, kicherte Dietlinde.
„Ich auch. Hast du eine Ahnung, wo er sitzt?“
„Ich glaube, im siebten Stock.“ Woher wusste Dietlinde immer solche Sachen?
„Aber da bräuchten wir einen Vorwand – und außerdem würde ihn seine Sekretärin wecken, bevor wir hineindürfen.“
„Wahrscheinlich. Schade, was?“
„Jammerschade. Aber dem schreiben wir öfter, der kümmert sich wenigstens.“
„Weißt du, was peinlich wäre? Wenn ihm das Essen nun doch geschmeckt hat und er denkt, wir sind die letzten Querulanten?“ Dietlinde runzelte die Stirn, und ich wedelte kühn mit der Hand.
„Der soll doch froh sein, wenn sich jemand kümmert! Die meisten roboten hier doch nur dumpf vor sich hin, keiner macht jemals einen Verbesserungsvorschlag!“
„Ja, aber ausgerechnet wir?“
„Warum nicht wir? Wir blicken doch durch, oder?“
„Schon. Na, zurück in die Tretmühle“, seufzte Dietlinde und öffnete die Tür zu unserem Großraumbüro.
Ah, neues Material, und zwar reichlich. Ich ging erstaunlich beschwingt an die Arbeit, weil ich mir so effizient vorkam – die einzige weit und breit, die wirklich Ideen für das Wohl der Firma hatte. Naja, eine Idee. Eine einzige.
Dietlinde schien es ähnlich zu gehen, jedenfalls sah sie aus, als würde sie bei der Arbeit innerlich pfeifen. Wir arbeiteten alles weg, umgeben von der üblichen schläfrigen Nachmittagsstimmung – Gundler in seinem Kabuff pennte allen Ernstes, und Grasmeiers Kopf sackte auch dauernd auf die Papiere auf seinem Schreibtisch. Zwischendurch warf ich einen Stapel fertiger Briefe in den Ausgangskorb, stieß an Grasmeiers Stuhl, der mit einem verlegenen Grunzlaut hochfuhr und sofort hektisch in seinen Papieren herumwühlte ( ich habe keinesfalls geschlafen! ) und öffnete kurz ein Fenster, was nicht auf Gegenliebe stieß.
Lahme Bande! Schließlich ging ich Gundler aufstöbern, um von ihm Entscheidungen bezüglich zweier strittiger Fälle zu verlangen. Auch er hatte winzige Äuglein und täuschte vergeblich vor, wach und aufnahmebereit zu sein. Wenigstens ergatterte ich zwei wenig durchdachte Genehmigungen und konnte wieder zwei Schreiben weiterleiten.
Und jetzt? Mein Schreibtisch war leer, aber es dauerte noch fast zwei Stunden bis Arbeitsschluss! Die Schubladen mal gründlich aufzuräumen, dauerte eine Viertelstunde; der Schreibwaren- und Formularvorratsschrank war sogar noch schneller auf Vordermann gebracht, weil Dietlinde mir half – sie hatte ebenfalls nichts mehr zu tun. Zwanzig vor vier – und jetzt?
Die vergammelten Blumen konnten wir noch gießen – und in der Teeküche abspülen, aber nicht einmal unser Geklapper riss die übrige Belegschaft aus ihrem Frikasseedösen.
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