»Die Grenze war von den Elkanasai bereits stark bewacht, Wexmell«, berichtete Luro so atemlos, als wäre er selbst gerannt und nicht sein Reittier, »der Kaiser muss weiterhin einen Angriff von Carapuhr erwarten. Ich sah selten solch große Armeelager.«
»Sind wir noch in ihrer Reichweite?«, fragte Wexmell besorgt.
Luro schüttelte den Kopf und lächelte entspannt. »Nein, aber nur knapp. Ich habe uns genau zwischen zwei Lagern durchgeführt, wir sind jetzt eine Tagesreise hinter ihnen.
Und Melecay wollte schon ein Lager angreifen! Ha! Dass ich nicht lache. Nach all den Jahren habe ich die Schleichkunst nicht verlernt. Selbst mit diesem riesigen Anhang. Ich bin eben unschlagbar, nicht wahr?«
Er grinste auf seine ganz eigene freche Art, die auch Wexmell ein Lächeln abrang.
»Wir sind sicher«, versicherte Luro ernst. »Und wir werden den verdammten Carapuhrianer zeigen, wie man das richtigmacht, oder, Wexmell?« Luro knuffte ihn lachend in die Seite, und Wexmell nickte nachsichtig schmunzelnd.
Einen herausfordernden Blick nach hinten werfend, drehte Luro sich um. »Passt gut auf, von uns könnt ihr Grünschnäbel noch was lernen.«
Iwanka und Lazlo verengten angriffslustig die Augen, Janek schüttelte nur amüsiert den Kopf.
Luro liebte Abenteuer, da wurde er wieder zum Kind. Es war schön, ihn so glücklich zu sehen, dass er scherzen konnte. Ganz im Gegensatz zu Allahad. Wexmell sah dem Schurken die Sorgen Tag für Tag an. Sein geliebter Luro war mittlerweile als Mensch etwas in die Jahre gekommen. Doch gerade für einen Menschen hatte sich der Jäger außerordentlich gut gehalten. Wexmell zweifelte nicht daran, dass Luro noch genauso gut kämpfen konnte wie vor zwanzig Jahren. Vielleicht nur nicht mehr so gänzlich lange wie im Jugendalter. Sie würden sehen. Die Zeit würde zeigen, ob sie noch die Männer waren, die sie gewesen waren, als sie vor über zwei Jahrzehnten ihre Heimat verlassen mussten. Es würde sich zeigen, wer sie ohne Desiderius sind.
Doch Wexmell wusste schon jetzt, dass diese Reise, die gefährlichste ihres Lebens sein würde, und dieses Mal hatten sie keinen Blutrachen, der sie retten konnte.
Es flackerten etwa ein Dutzend weiße Kerzen im Inneren der Kapelle, als er zögerlich den nach Weihräuchern duftenden Raum betrat. Es war seltsam an diesem jahrelang verlassenen, düsteren Ort Licht zu sehen. Langsam schritt Eagle die Reihen der dunklen Bänke ab und versuchte, sich zu erinnern, wann er zuletzt hier gewesen war. Als Junge, der gerade erst Laufen gelernt hatte und sich stets aus der Aufsicht seiner Mutter gestohlen hatte, um die Welt zu erkunden. Schon immer war die Neugierde im ihm stark gewesen, stärker als jedes andere Gefühl, ihm war nichts wichtiger, als Neues zu erkunden, selbst als kleiner Fratz, der noch unsicher auf wackligen Beinen herum stakste. Er lächelte traurig bei der Erinnerung, wie die Rufe seiner Mutter durch die Festungshallen schallten, und er sich kichernd aus dem Staub gemacht hatte. Hier, unter einem dieser Bänke, hatte er sich versteckt. Eine Wache hatte ihn gefunden und wie einen jungen Wolf aufgehoben und zu seiner panisch aufgelösten Mutter zurückgebracht, um deren Hals er lachend die kleinen Arm geschlungen hatte.
Keiner von ihnen hätte damals ahnen können, dass Eagle ihr eines Tages das Leben nehmen würde.
Schwer seufzend ließ er sich in der düsteren Kapelle auf eine Bank nieder und stützte das Gesicht in die Hände. So nach vorne gebeugt war er gut vor allen Blicken verborgen, die vielleicht zur offenen Tür hineingeworfen wurden.
Nicht, dass ihn jemand zur Geisterstunde suchen würde.
Seltsam war, dass ihn sein Weg nach jedem Alptraum vom Bett ohne Umwege genau hierherführte, wo dieser Ort doch einst nur ein vergessener Raum gewesen war. Seine Mutter war nicht unbedingt gläubig gewesen, und die unter Bann stehende Bevölkerung der Festung hatte keinen freien Willen gehabt, um sich an einen möglichen Glauben zu erinnern. Ohnehin hatte kaum etwas in dieser Kapelle mit dem Glauben der menschlichen Kirche zu tun, alles hier war luzianischer Abstammung. Kein Gold, keine Opfergaben oder beigestellte Reichtümer, um den Göttern zu imponieren. Nur nackter Stein, gemeißelte Bilder im massiven Gesteinsaltar und in den Wänden, die von Göttern erzählten, die lachten, weinten, bluteten und kämpften wie Sterbliche. Weiße Kerzen, eine angelaufene Bronzeschale für geweihtes Wasser. Sie war stets leer gewesen, doch irgendjemand musste sie neu gefüllt haben. Dieser Jemand hatte wohl auch die wenigen Kerzen angezündet, den Staub von den Bänken und Fenstern gewischt, Blumenvasen aufgestellt, die Wandteppiche abgeklopft und den Boden gefegt, sodass die Kapelle für alle ruhelosen Seelen wieder einladend wirkte. Vielleicht war dies der Grund, weshalb Eagle diesen Ort aufsuchte. Vielleicht kam er auch nur hier her, weil er glaubte, hier würde niemand nach ihm suchen.
Eagle fühlte sich schuldig und konnte mit dieser Schuld nicht leben.
Er hatte seine Mutter getötet, wie könnte er je wieder ruhig schlafen?
So sehr er sich auch sagte, das Richtige getan zu haben, so viele ihn auch als Bannbrecher feierten, er fühlte sich wie ein Mörder. Immer wieder musste er sich fragen, ob es nicht einen anderen Weg gegeben hätte. Eine Lösung ohne Blutvergießen. Doch dann kam ihm wieder das Gesicht seiner Mutter in den Sinn, in jenem Moment, als sie alles unternahm, um seine Freunde zu töten. Er wusste, er hatte keine andere Möglichkeit gehabt, nicht ohne andere in Gefahr zu bringen, dennoch konnte er sich selbst nicht vergeben. Er wünschte nur, er hätte nicht auch noch das Gefühl davongetragen, seine Mutter nie wirklich gekannt zu haben. Was musste sie für ein schrecklicher Mensch gewesen sein, wenn sie, um ihr Geheimnis zu wahren, unschuldige Wanderer und Flüchtlinge ermorden ließ?
Und was sagte es über ihn aus, dass er es nicht bemerkt hatte?
»In düsteren Zeiten, kommen düstere Gedanken.«
Eagle sah auf, er fühlte sich seltsam ertappt. »Vergebung, ich wusste nicht, dass noch jemand hier ist.«
»Ich sollte um Vergebung bitten, ich wollte Euch nicht stören.« Alliqua, der Mönch, den sie in der Dorfkirche am Fluss gerettet hatten, bedeutete Eagle, sitzen zu bleiben. »Bitte, darf ich mich zu Euch setzen?«
Eagle, der halb am Aufstehen gewesen war, setzte sich wieder und nickte zustimmend. »Ich fürchte, ich bin keine gute Gesellschaft.«
»Das hier ist ein Ort der Stille und Andacht, Eure Hoheit«, Alliqua setzte sich dicht neben Eagle und faltete die Hände in seinem Schoß, »ich erwarte keine zwanglosen Plaudereien, bin jedoch ganz Ohr, falls es Euch danach verlangt.« Er lächelte Eagle derart herzerwärmend an, dass es fast väterlich wirkte, obwohl er in Eagles Alter zu sein schien. »Wenn Ihr jedoch Stille bevorzugt, versichere ich Euch, dass ich hervorragend schweigen kann.«
Eagle nickte dankbar aus Höflichkeit, jedoch hatte er den Argwohn in seinen Augen nicht vertreiben können. Er erriet nicht, weshalb der Mönch sich zu ihm setzte, wenn er Eagle nichts zu sagen hatte. Doch froh war er trotzdem um diese Zurückhaltung, da er allmählich genug davon hatte, das andere – insbesondere Desiderius – ihm sagten, was er jetzt zu tun hatte.
War er nicht der Erbe?, dachte er zynisch. War er nicht der Kronprinz, der über alle Befehle erhaben ist? Warum konnte sich Desiderius nicht auch daranhalten? Warum musste der Blutdrache Eagle immer bevormunden und tadeln, als sei er ein Kind.
Vielleicht, kam es ihm sofort in den Sinn, weil er sich wie ein Kind verhielt, das sich vor den eigenen Männern versteckte. Zumindest hatte Bellzazar es am Abend so ausgedrückt, als Eagle nach einer weiteren Diskussion mit Desiderius fluchend durch die Flure gestreift war.
Sie wollten allesamt, dass er zu seinen Männern sprach und den Zweiflern die Zweifel austrieb. Sie sagten, er könnte sich nicht darauf verlassen, dass diejenigen, die ihn lobpreisten, ihre Kameraden von ihm überzeugten. Es lag an ihm, den Männern zu beweisen, dass er wirklich ihr Prinz war, und nicht der Sohn einer Verräterin.
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